VonPatricia Huberschließen
Die Blockabfertigung an der österreichischen Grenze kostet sowohl Anwohner als auch Lkw-Fahrer Nerven. Eine Lösung könnte ein Slot-System sein – doch das ist noch nicht zu Ende gedacht. Welcher wichtige Bestandteil fehlt und warum die Region ohne diesen im Chaos versinken könnte.
Landkreis Rosenheim – Der Brennerpass ist voll – um nicht zu sagen überfüllt. Und das liegt nicht etwa nur am Ferien-Reiseverkehr. Nein, das liegt auch an den zahlreichen Lkw, die Waren über die berühmte Strecke transportieren. Und das ist inzwischen ein massives Problem. Denn den Tirolern ist der Verkehr zu viel. Die Folge: Blockabfertigung. Für die deutschen Anlieger-Gemeinden bedeutet das allerdings, dass sich kilometerlange Lkw-Kolonnen auf den Autobahnen in Richtung Österreich stauen. Das ist auch für die Fahrer eine enorme Belastung. Denn sie müssen schließlich auch ihre Ruhezeiten einhalten.
Slot-System: Ein wichtiger Bestandteil fehlt
Um dem Problem zu begegnen, schwebt den Verantwortlichen nun schon seit Längerem ein Slot-System vor. Die Idee: Lkw-Fahrer können sich einen Zeitslot buchen, zu diesem sie sicher über den Brenner fahren dürfen. So würde der Verkehr besser verteilt und die Fahrer hätten mehr Planungssicherheit. Ob das System kommt, steht aktuell noch in den Sternen. In Deutschland und Österreich zeigt man sich offen dafür – in Italien sieht es noch ein wenig anders aus. Doch nicht nur die Abstimmung zwischen den Ländern ist ein Haken. Hört man den Spediteuren zu, gibt es noch einen viel größeren. Denn ein enorm wichtiger Bestandteil des Systems fehlt hier in der Region: Lkw-Parkplätze.
Spediteur Georg Dettendorfer hat den Fall einmal probeweise durchgespielt: „Nehmen wir an, ein Unternehmer bucht eine Ladung von Nürnberg nach Mailand. Dann erhält er beispielsweise am Mittwoch die Ladung – und bräuchte somit gegen Mittwochabend einen Slot durch Tirol“, führt der Unternehmer aus Nußdorf aus. „Wenn er aus Nürnberg kommt, wird er so fahren, dass er hier in der Region auf seinen Slot wartet, damit er ihn auch sicher erwischt. Er wird seine Pause nicht in München machen.“ Dann bestünde nämlich die Gefahr, dass er im Feierabendverkehr stecken bleibt und seinen Slot verpasst.
„Da müssen wir halt eine Spur auf der Autobahn sperren“
Für die Region bedeutet das, dass mit Einführung eines Slot-Systems zahlreiche Lkw-Fahrer hier auf ihren Zeitslot warten. Doch wo? „Da müssen wir halt eine Spur auf der Autobahn sperren. Dann hat die Inntalautobahn halt nur noch eine Spur“, merkt Dettendorfer überspitzt an. Schon jetzt sei die Lkw-Parksituation in der Region alles andere als zufriedenstellend. Einerseits fehlen Parkplätze, andererseits sind die, die es gibt, schlecht ausgestattet. Nichteinmal sanitäre Anlagen gibt es an manchen Stellen. „Das ist doch für keinen Fahrer wertschätzend, wenn man weder fließend Wasser noch Toiletten oder Duschen zur Verfügung hat“, sagt Dettendorfer.
Das fordert die IHK München und Oberbayern
Die IHK hat Forderungen aufgestellt, die bei der Inbetriebnahme eines solchen Systems unbedingt berücksichtigt werden sollten. Das System sollte verständlich (intuitiv, selbsterklärend, mehrsprachig), fair, effizient (nur notwendige Daten abfragen, Buchungen einfach wiederholbar), interoperabel (auf bestehenden Endgeräten funktionieren), betriebsstabil, transparent, kostenfrei, flexibel, zuverlässig, planbar und redundant sein.
Außerdem heißt es in dem Papier: Je Fahrtrichtung sollen im Vorlauf zur gesteuerten Transitstrecke ausreichend Puffermöglichkeiten (Lkw-Parkplätze) für vorzeitig oder verspätet eintreffende Fahrzeuge bereitstehen. Zudem sind Lkw-Parkplätze notwendig, um in zeitlicher Abstimmung mit dem gebuchten Slot die Ruhezeit der Fahrer gewährleisten zu können. Die Lkw-Parkplätze sind angemessen mit sanitären Anlagen auszustatten.
Grünen-Abgeordnete: Slot-System nur eine halbgare Lösung
Dass die Parkplatz-Situation mit dem Slot-System ein Problem werden würde, ist auch der Rosenheimer Grünen-Bundestagsabgeordneten Victoria Broßart klar. „München ist sehr staubelastet. Das wird automatisch dazu führen, dass die meisten Lkw-Fahrer München noch umrunden und dann hier irgendwo warten, bis ihr Slot kommt“, sagt Broßart. „Und dann brauchen wir hier Parkplätze – und zwar richtig große, mit sanitären Einrichtungen.“ Für Broßart ist klar: „Das kann sich die Region gar nicht leisten.“
Abseits der Parkplätze ist Broßart im Allgemeinen noch nicht überzeugt vom Slot-System. Es sei eine halbgare Lösung. „Ich glaube, dass wir den Verkehr digital optimieren können. Aber ich glaube nicht, dass dieses Slot-System, das nur von hier bis über den Brenner reicht, funktioniert.“ Wenn, dann müsse man schon die gesamte Strecke der Fahrer in Betracht ziehen. „Und nicht, dass es hier einen Sammelpunkt gibt, wo dann alle warten müssen.“ Sie betont allerdings auch: Die beste Lösung sei es immer noch, den Verkehr auf die Schiene zu verlagern – über den Brenner-Nordzulauf.
