Aktion in Böbing

Landwirte protestieren gegen Verbot der Anbindehaltung: „Der letzte Bauer wird vertrieben werden“

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„Rettet Berta vor dem Schlachthof“: Unter diesem Motto protestiert der Bayerische Bauernverband gegen die geplante Novelle des Tierschutzgesetzes. Auch Böbings Bürgermeister Peter Erhard (r.) ist mit von der Partie.
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Landwirtschaftliche Betriebe schlagen Alarm: Mit einer Protestaktion, die am heutigen Samstag bayernweit stattfindet, wehren sie sich gegen das geplante Verbot der Anbindehaltung. Auch in Böbing sind die Sorgen groß.

Böbing – Es scheint, als hätten sie auf diesen Augenblick geradezu gewartet. Als sich Herbert Strauß dem Absperrzaun nähert, kommen die Rinder von der Weide herbeigeeilt und stehen erwartungsvoll am Gatter. Kaum befinden sie sich auf der Zufahrtsstraße, rennen die rund 50 Braunvieh-Kühe auch schon los in Richtung Stall. Eine nach der anderen trottet gemächlich hinein und begibt sich an ihren Futterplatz. Dort lassen sie sich an dem Gestänge anbinden. Sie fressen Heu, die Euter hängen dick am Leib. Bald wird gemolken.

„Anbinden“: Nach einer Novelle des Tierschutzgesetzes unter der Federführung vom Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) soll das in spätestens fünf Jahren nicht mehr möglich sein. Grund: Diese Art der Haltung sei nicht artgerecht, ja grenze an Tierquälerei, lautet der Vorwurf. Das Aus droht auch der sogenannten „Kombinationshaltung“, bei der sich die Rinder zeitweise auf Almen, Weiden sowie in Laufhöfen oder Strohboxen bewegen können. Wolfgang Scholz treibt es bei diesen Plänen die Zornesröte ins Gesicht. „Herr Özdemir soll ruhig mal herkommen“, schimpft der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands (BBV) beim Pressetermin in Böbing. „Dann wird er schon sehen, wie gut es den Tieren bei uns geht!“

Bauernverband warnt vor Aus für kleinere Bauernhöfe

Damit meint er nicht nur den Betrieb von Strauß, sondern alle Höfe im bayerischen Raum. Deswegen hat der Verband am heutigen Samstag zu einem Protesttag mit Unterschriftenaktion aufgerufen. Unter dem Motto „Rettet Berta vor dem Schlachthof und Kleinbauern vor dem Aus“ soll die Öffentlichkeit über das geplante Verbot informiert werden. Ziel ist es, die Vorgaben aus Berlin zu verhindern. Würden sie umgesetzt, bedeute das das Aus für zahlreiche Bauernhöfe. Vor allem kleinere Betriebe sähen sich nicht in der Lage, die aufwändigen Umbauarbeiten – vor allem die laufgerechte Erweiterung der Ställe – umzusetzen. Mehr als das: Aus Sicht des BBV stehen auch die Artenvielfalt und der Erhalt der Kulturlandschaft auf dem Spiel. „Viele Wiesen könnten nicht mehr genutzt werden, gemeinsam mit den Bauernhöfen und Kühen würde damit auch die Biodiversität verschwinden.“

Die Forderung: Der Erhalt von Anbinde- und Kombinationspraxis oder zumindest ein „gangbarer und nachhaltiger Weg der Weiterentwicklung in den Ställen“, wie es in einem Positionspapier heißt. Die Frist von fünf Jahren sei deutlich zu kurz: „Den Familien muss die Zeit für eine gezielte Beratung gegeben werden“, fordert Scholz. Der Um- oder gar Neubau von Ställen sei eine langwierige Aufgabe. Der Verband kritisiert zudem die – aus seiner Sicht bestehende – Wirklichkeitsferne der Entscheidungsträger. Die bäuerlichen Strukturen seien gerade im bayerischen Raum über Jahrhunderte gewachsen. „Die Landwirte selbst wissen am besten, wie die Tiere zu halten und was gut für ihr Wohl ist“, sagt Thomas Müller, Leiter der BBV-Geschäftsstelle Weilheim-Schongau.

Wütend ist auch Böbings Bürgermeister Peter Erhard. „Wenn die Gesetze so durchgehen, werden wir einen brutalen Strukturwandel erleben. Der letzte Bauer wird vertrieben werden.“ Brachliegende Hofstellen, Umnutzungen in Wohneinheiten, die Verödung von Ortszentren: All das drohe, werde die Novelle umgesetzt. In seiner Gemeinde gibt es rund 60 landwirtschaftliche Betriebe, „die wollen wir erhalten“.

Auch für den Tourismus hätte das Verbot Folgen

Auch der Tourismusverband Pfaffenwinkel setzt sich für die Forderungen des BBV ein. „Unsere Dörfer verlieren nicht nur ihre Struktur, sondern viel mehr, wenn es keine Landwirte mehr gibt“, schildert Geschäftsführerin Susanne Lengger. Nicht zuletzt der Tourismus stehe auf dem Spiel: „Wer kommt noch zu uns, wenn es all das nicht mehr gibt, was die Menschen an Bayern lieben – die Höfe, die Almwirtschaft, die Rinder auf den Weiden?“

Für Strauß selbst wäre es dank der stattlichen Größe seines Hofes sogar möglich, die Umbauarbeiten entsprechend der Novelle vorzunehmen. Der Hof ist weiträumig, die Weideflächen liegen nicht weit entfernt vom Stall, keine 50 Meter sind es bis dahin. Das sei aber im Alpenvorland mit seinen kleinräumigen bäuerlichen Strukturen eher die Ausnahme, weswegen er sich mit den am Protest teilnehmenden Betrieben solidarisiert. Auf die Kombinationshaltung zu verzichten, kommt für ihn nicht in Frage. Gerade sie ermögliche seinen Rindern einen großzügigen Auslauf, „von April bis November sind die Tiere im Freien, was gibt es denn Besseres für sie?“, fragt er bitter.

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