VonMichael Weiserschließen
Der Brenner-Basistunnel – er soll verbinden und entzweit doch! Aktuell gibt‘s Zoff wegen der Kritik vom Tiroler Landesrat Zumtobel an den deutschen Planungen. „Unlauter“ nennt das die Rosenheimer Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig. Die Gemüter sind erhitzt.
Rosenheim – Verwunderung drückt in der Sprache der Diplomatie mitnichten nur ungläubiges Staunen aus. Es lässt vielmehr auf gehörigen Ärger schließen bei dem, der sich verwundert gibt. Wie etwa bei der Rosenheimer Bundestagsabgeordneten und Staatssekretärin Daniela Ludwig, bei Rosenheims Landrat Otto Lederer und bei Rosenheims Oberbürgermeister Andreas März. Die drei CSU-Politiker äußerten sich also, aus dem Diplomatischen übersetzt, durchaus verärgert über die jüngsten Äußerungen des Tiroler Verkehrslandesrates René Zumtobel zum Brenner-Nordzulauf.
„Mit Verwunderung“ reagiere man auf Zumtobels Einlassungen, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Der Tiroler Politiker hatte nicht nur in österreichischen Medien, sondern auch im Oberbayerischen Volksblatt erklärt, warum die Tiroler nun ihrerseits bummeln. Und zwar wegen der Versäumnisse in Deutschland. Wörtlich sagte Zumtobel im OVB: „Aufgrund der noch immer fehlenden Trassenentscheidung in Deutschland verschieben die ÖBB den Ausbau im Tiroler Unterland bis Kufstein/Schaftenau um zwei Jahre.“
Brenner-Nordzulauf: Zoff im Alpentransit
Vor allem Ludwig geht mit Zumtobel ins Gericht. Die Darstellung des Tirolers entspreche „nicht den Tatsachen“, sagt Ludwig, „Deutschland befindet sich weiterhin im international kommunizierten Zeitplan.“ Auch nach dem Ende der Ampel-Koalition im November 2024 und den Neuwahlen im Februar 2025 bestehe die Möglichkeit, dass der Deutsche Bundestag noch im Laufe dieses Jahres eine Entscheidung treffe.
Daniela Ludwig spricht sogar von „voraussichtlich“. Jedenfalls bearbeite bereits das Infrastruktur-Tochterunternehmen DB Infra Go die Planungsunterlagen der Bahn. „Die Situation in Deutschland jetzt als Sündenbock heranzuziehen, ist nicht nur sachlich falsch, sondern auch unlauter.“
Die Tiroler bummeln nun beim Endspurt
Allein an den Deutschen kann‘s tatsächlich nicht liegen. Die jüngste Verschiebung auf Seiten Tirols betrifft den Abschnitt zwischen Schaftenau und Radfeld, dessen Fertigstellung laut ÖBB-Rahmenplan nun erst für 2039 statt 2037 vorgesehen ist. Grund hierfür sind nach Angaben auch österreichischer Medien Sparmaßnahmen der österreichischen Bundesregierung.
Auch der Zeitpunkt für die Inbetriebnahme des Brenner-Basistunnels selbst war mehrmals verschoben worden. Nunmehr soll er 2032 fertig gebaut sein. Vor diesem Hintergrund zeigte sich Landrat Lederer „irritiert“ über die jüngsten Äußerungen aus Österreich. Er mahnt Respekt vor dem Verfahren in Deutschland an. Schließlich sei die parlamentarische Behandlung der Moment, in dem die Kernforderungen der gesamten Region eingebracht und abgewogen werden müssten, sagte Lederer. „Unsere Bürgerinnen und Bürger haben ein Anrecht auf eine sorgfältige Prüfung.“ Ein von außen herbeigeredeter Zeitdruck dürfe nicht dazu führen, dass „sinnvolle und notwendige Forderungen“ unter den Tisch fallen.
Immerhin, es gibt auch Einigkeit
Nicht überall liegen Tirol und Bayern auseinander. In einem Punkt äußerten sowohl Landrat Otto Lederer als auch Oberbürgermeister Andreas März geradezu verwundertes Staunen. Zumtobel liege vollkommen richtig, was die zukunftsweisende Tunnelbautechnik zur Unterquerung des Eisack in Italien betrifft. „Diese beeindruckende Ingenieursleistung zeigt, was möglich ist, wenn moderne Technik und gute Planung zusammenkommen“, sagt beispielsweise März.
Ähnliche Verfahren könnten künftig vielleicht auch im Zusammenhang mit dem geologisch besonders anspruchsvollen Untergrund in der Region Rosenheim zum Einsatz kommen“, hofft er, auf den Seeton anspielend. Diese Eiszeit-Mixtur verzögerte die Arbeiten an der Westtangente um Jahre. „Gerade weil sich durch die österreichischen Verschiebungen im Zeitplan nun ein neuer zeitlicher Spielraum ergibt, können solche Überlegungen mit der gebotenen Sorgfalt abgewogen und umgesetzt werden“, glaubt März.
Deutschland steht noch am Anfang
Was dem Spielraum letztlich eine Grenze setzen könnte, sind die doch beträchtlichen Unterschiede bei den Arbeiten an den Zuläufen, und zwar im Norden wie im Süden. Italien hat mit dem Stück vor dem Basistunnel-Südportal bei Franzensfeste bereits begonnen. Österreich wiederum hat den Großteil seiner Nordzulauf-Kilometer bereits gebaut.
Deutschland steckt derweil noch immer mitten in den Planungen. Baubeginn soll anfangs der 30er Jahre sein, die Fertigstellung 2040. In den ersten Jahren des Brenner-Basistunnels sollen die verbesserten Bestandsgleise das steigende Aufkommen des Güterverkehrs bewältigen.
Misstrauen beim Gemeinschaftsprojekt
Allerdings mehren sich die Zweifel an den Nachbarn. In Deutschland fürchten Kritiker, dass Italien nur gewisse Abschnitte vierspurig ausbauen werde. Damit, so die Schlussfolgerung, sei ein regelrechter Nordzulauf mit zwei neuen Gleisen in Bayern nicht nötig. Zumindest in Österreich argwöhnt man dagegen, dass die Deutschen aus Überforderung umdenken könnten. So auch Zumtobel.: „Ich habe eine gewisse Sorge, ob der Brenner bei all den Herausforderungen wie der Rüstung und der Sicherheit noch die Wertigkeit hat, die er eigentlich haben sollte.“ Gewisse Sorge: In der Sprache der Diplomatie steht das mitunter für schwere Bedenken.



