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Neuer Zoff wegen des Alpentransits: Italien macht eine Spur auf der Autobahn dicht – und niemand weiß Bescheid. Warum der Streit um Mega-Staus zwischen Tirol und Südtirol auch die Region Rosenheim etwas angeht. Und wie es mit der Staugefahr während des Ferienverkehrs aussieht.
Rosenheim – Der Alpen-Transit sorgt weiterhin für Zwist unter guten Nachbarn. Etwa, was den Brenner-Nordzulauf betrifft. Tirol und Bayern gerieten sich kürzlich über den Zeitpunkt der Fertigstellung in die Haare.
Seit dem vergangenen Pfingstwochenende (7., 8. und 9. Juni) streiten auch Tirol und Italien wieder in verschärftem Ton. Der Grund: Die Italiener hatten wohl ihre Nachbarn in Österreich nicht über den Stand ihrer Baustellen informiert – und nach österreichischer Ansicht damit für Chaos auf den Fernstraßen gesorgt. Fast schadlos kam zunächst die bayerische Seite davon.
Tatsächlich war es am vergangenen Samstag (7. Juni) auf österreichischer Seite zu Megastaus gekommen. Bis ins Inntal hatten sich Autos und Lkw gestaut. Im Wipptal waren zudem die Landstraßen verstopft. Der Stau lag offensichtlich an einem Mangel an Abstimmung zwischen Italien und Österreich.
Stau auf Inntal-Autobahn: Überfallartige Sperrung
Die Italiener hatten in ihrem Tunnel an der Grenze den Verkehr auf eine Spur eingeschränkt. Allerdings hatten sie zuvor niemandem Bescheid gegeben. „Unabgesprochen den italienischen Grenztunnel einspurig zu führen, ist für mich nicht nachvollziehbar“, schimpfte Tirols Verkehrslandesrat René Zumtobel. Jedenfalls gab es keinerlei Informationen, dass sich der Grenztunnel ausgerechnet am verkehrsreichsten Wochenende des Jahres in ein Nadelöhr verwandeln würde. Österreichs Autobahnbetreiber Asfinag hatte daher nicht reagieren können – und den Verkehr über die berüchtigte Luegbrücken-Baustelle auf zwei Spuren geführt, nicht wissend um die Engstelle im Tunnel.
Für die Asfinag war das umso ärgerlicher, da die Autobahn-Gesellschaft viel Zeit und Mühe darauf verwendet hat, den Verkehr auf der 1804 Meter langen Luegbrücke während der Bauarbeiten so flüssig wie möglich zu halten. So leiten die Österreicher den Lkw-Verkehr mit seinem kritischen Gewicht auf die linken Spuren. Die befinden sich direkt über den Tragepfeilern der Hangbrücke und können damit mehr Belastung tragen. Das System mit Verschwenkungen, digitalem Verkehrsmanagement und Polizei-Kontrollen hat sich eingespielt. So gut, dass es an vielen Tagen keine beträchtliche Verzögerung gibt.
Brenner-Nordzulauf: Tiroler streiten mit Bayern
Die Tiroler, sonst wegen ihrer Blockabfertigung im Visier der Italiener, die sogar vorm Europäischen Gerichtshof klagen, sind nun ihrerseits über die Südtiroler verärgert. Was vom aktuellen Streit über den Brenner-Nordzulauf ablenkt. Dabei hatten sich unter anderem die Rosenheimer Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig, Rosenheims Landrat Otto Lederer (CSU) und Rosenheims Oberbürgermeister Andreas März (alle CSU) verärgert über Südtirols Landesverkehrsrat René Zumtobel geäußert.
Zumtobel hatte im Gespräch mit dem OVB behauptet, die Tiroler verzögerten die Fertigstellung ihres Anteils vom Brenner-Nordzulauf wegen Versäumnissen auf deutscher Seite. Statt wie für das Jahr 2037 angepeilt, soll die Fertigstellung der Unterinntaltrasse zwischen Radfeld und Schaftenau erst 2039 erfolgen. Zumtobel wie auch Vertreter der österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) hatten auf fehlende konkrete Planungen auf deutscher Seite hingewiesen.
Was nach bayerischer Sicht nicht stimmt. Die Planungen lägen im Zeitplan, die Abstimmung im Bundestag über die Planungen der Bahn könne vermutlich noch 2025 über die Bühne gehen, hatte etwa Daniela Ludwig entgegnet. Vielmehr scheint es so zu sein, dass Österreich aus Gründen der Sparsamkeit eine ganze Reihe von Projekten vorläufig auf Eis legt. Darunter der letzte Abschnitt des Brenner-Nordzulaufs.
Blockabfertigung: Tirol baut neuen Druck gegen Bayern auf
Währenddessen üben die Tiroler auch auf andere Weise Druck auf die Bayern aus. Wenn im Fahr-Kalender der Luegbrücke Tage mit nur einer offenen Spur angesetzt sind oder viel Verkehr im Raum Innsbruck zu erwarten ist, greifen die Österreicher seit kurzem zu sogenannten Checkpoint-Maßnahmen: Lkw mit Ziel Italien, die keine verderblichen Waren transportieren, werden an der Grenze aussortiert und nach Deutschland zurückgeschickt. „Dadurch entstand ein Rückstau von Lkw auf der Inntalautobahn“, sagte ein Beamter der stauerprobten Verkehrspolizei-Inspektion Rosenheim. Ansonsten sei es an jenem Chaos-Samstag ruhig geblieben.
Das kann sich schnell ändern. Und so warnt der ADAC auch nach dem verkehrsreichen Pfingstwochenende vor Verkehrsfallen. Am kommenden Wochenende (14. und 15. Juni) sei auf der A8 und auf der Inntalautobahn bis Kufstein mit Staus zu rechnen. Dazu machen weitere Blockabfertigungen den Autofahrern das Leben schwer – für den 11., 12., 16., 17. und 20. Juni sind Blockabfertigungen angesetzt. Bereits am Mittwoch (10. Juni) sorgte die Maßnahme für Staus auf der gesamten Inntal-Autobahn, bis hinunter zur A8, teilte die Polizei mit. Es kam zu einem Auffahrunfall zwischen zwei Lkw, verletzt wurde niemand.
Es wird nicht weniger werden. Die Anwohner in den engen Tälern Tirols fühlen sich überlastet und sind auf Krawall gebürstet. Fritz Gurgiser, Chef des Vereins Transitforum und „Erfinder der Blockabfertigung“, sieht laut „Tiroler Tageszeitung“ das Maß des Erträglichen erreicht und fordert „effiziente, zeitgemäße und bedarfsorientierte Dosierungen“. Wer in den nächsten Tagen in den Urlaub fahren will, sollte Geduld mitbringn. Und sich vor Beginn der Fahrt zum Beispiel beim ADAC informieren.
