In Uffing lässt es sich leben. Nun steht der Ort vor einer Weichenstellung. Nach zwölf Jahren unter Bürgermeister Rupert Wintermeier zieht ein neuer Mann ins Rathaus ein. Was haben Bürgermeister und Gemeinderat in den vergangenen sechs Jahren erreicht? Woran hapert es? Diesen Fragen geht das Tagblatt in einer Serie zur Kommunalwahl nach.
Uffing – Zur Sicherheit hat Rupert Wintermeier an seine Tür sieben Regeln geklebt, die der Bürgermeister zu beachten hat. Er sieht die sieben Wörter von seinem Schreibtisch aus, falls sie ihm doch einmal entfallen. Gleichzeitig mahnen die sieben Leitlinien: Der Bürgermeister hat der Meister der Bürger zu sein, kein Herrscher, kein König, kein Autokrat. „Wie wollen meine Bürger behandelt werden?“, fragt der Aushang. Darunter sind die sieben Regeln aufgelistet. Da steht: Respektvoll. Fair. Ehrlich. Wertschätzend. Aufmerksam. Individuell. Anerkennend.
Ob sich Wintermeier in seinen zwölf Jahren an seine eigenen Vorgaben gehalten hat, beurteilt jeder anders. Er sagt, er habe sich stets daran orientiert. Seine Kritiker dürften schmunzeln, wenn sie diese Wörter lesen. Die Zahl der Skeptiker wuchs alleine in den vergangenen Monaten um Mobilfunkmast-Gegner, die Familie Finkbeiner samt ihren Unterstützern, die Anlieger der Rosen- und Fliederstraße. Wintermeier hat schon immer klare Ansichten gehabt und sie verfolgt. Die einen bewerten seine schroffe Oberfläche als stur und beratungsresistent, die andern als meinungs- wie führungsstark. Heuer endet seine Amtszeit. Uffing wählt einen Nachfolger. So oft Wintermeier gesagt hat, was er denkt: Er weiß auch, wann die Zeit zu schweigen ist. Er wird keinen Kandidaten empfehlen oder unterstützen, auch nicht Dr. Thomas Hartmann, den Vertreter seiner Liste WGU. „Das steht mir nicht zu.“
Jeden der vier Kandidaten und seine Pläne hat Wintermeier sich angehört. Oft musste er schmunzeln, was auf den Wahlkampfabenden versprochen wird. Als Bürgermeister weiß er, was machbar ist und was nicht. Nun ja, der Bürger weiß das in der Regel nicht. Allen Bewerbern hat er seine Hilfe angeboten, wenn sie denn verlangt wird. „Jeder kann jederzeit kommen.“ Wen er am Sonntag wählt, bleibt geheim.
Vier Anwärter in einem Dorf mit etwa 3000 Einwohnern sind eine ausgezeichnete Sache für die Demokratie, genauso wie eine Botschaft an den Bürger: Uffing steht vor einem Neustart. Uffing wählt am 15. März nicht nur einen Bürgermeister, sondern auch seine Zukunft. Markus Igler (47), Andreas Weiß (36) und Anton Sternkopf (26) sind jung genug, um drei Perioden über Uffing zu wachen. Wählt das Dorf einen von ihnen, „dann ist der Posten über 18 Jahre weg“, schätzt Wintermeier.
Wahl in Uffing: Bewerber ums Bürgermeisteramt decken ein breites Spektrum ab
Anders als in Murnau – dort ähneln sich gerade die Kandidaten aus dem konservativen Lager – steht den Uffingern das größtmögliche Spektrum zur Auswahl. Alle vier unterscheiden sich grundlegend, in Auftreten wie Ansatz, alle vier vereinen große Gruppen des Dorfes hinter sich, alle vier rufen jedoch auch Bedenkenträger auf den Plan. Hartmann, der Physiker, kommt bei den alteingesessenen Uffingern an, allerdings sehen einige den WGU-Mann ob seines Alters (58) nur als Übergangs-Bürgermeister. Sternkopf, den Biologen aus Schöffau, halten andere mit Mitte 20 für viel zu jung. Sein Plus: Erstwähler, junge Erwachsene, Sportler und vor allem die große, unkalkulierbare Masse an Grünen-Wählern. Igler, der Polizeibeamte, dürfte bei jungen Eltern und Zugezogenen punkten. Er und die Liste „Wir für Uffing“ stehen für frischen Wind. Seine Kritiker bemängeln jedoch den Umgang mit (politischen) Kontrahenten. Andreas Weiß hat viele Unterstützer in Schöffau, bei der Feuerwehr, in den Vereinen. Man schätzt seine Arbeit und sein Wissen als Geschäftsleiter der Gemeinde. Andere fragen sich, ob es sinnvoll ist, jemanden aus dem Rathaus mit großer Nähe zum Bürgermeister ins Amt zu heben, wo nun eine Neujustierung möglich ist. Keiner in Uffing rechnet mit einer Entscheidung im ersten Durchgang. Nicht bei vier Anwärtern. Der Job ist beliebt und umkämpft. Das Klima im Gemeinderat ist ausgezeichnet, disktutiert wird gerne – und sachlich.
Uffing zählt zu den attraktivsten und prosperierendsten Gemeinden des Landkreises. Der Steuerkraft nach belegt das Dorf Rang vier im Kreis-Ranking hinten den Nachbarn aus Seehausen und Murnau sowie Krün. „Ich will nicht sagen, es sprudelt. Aber es sind mehr Steuereinnahmen da als früher“, sagt Wintermeier. Anders hätte sich Uffing die vielen Vorhaben nicht leisten können. „Wir haben viel Geld eingegraben“, scherzt der Bürgermeister mit Verweis auf die Projekte. 1,8 Millionen Euro für die Schule, 700 000 für die Wasserversorgung, 530 000 für das Gemeindebad, den Kindergarten Schöffau hat man umgebaut, die Feuerwehr bekam vier neue Wagen und einen Anhänger, Dorferneuerung, Breitbandausbau (mindestens 50 Mbit für alle); zwei Gebäude für neue Ärztehäuser hat die Kommune auch angeschafft.
Gegen Wachstum, vor allem gegen das unkontrollierte, hat sich Uffing immer gestemmt. Murnau, Seehausen und Uffing bilden in diesem Punkt ein Art imaginäre Allianz. Alle kämpfen mit Siedlungsdruck von außerhalb, alle entschieden sich aber für den Erhalt des Ortsbildes. Wintermeier ist sicher der vehementeste Verfechter der Ortsoptik unter den drei Bürgermeistern. Mit dem Gemeinderat hat er einen Rahmenplan aufgestellt, der grobe Eingriffe verhindern soll. Ein Beispiel: Die ortstypischen alten Bauernhäuser, auch wenn sie nicht mehr der Landwirtschaft dienen, dürfen nicht einfach abgerissen und ersetzt werden. Wenn schon ein Neubau, dann ein Nachbau. Genauso schützt Wintermeier die wenigen freien Grünflächen, die der Gemeinde im Dorf noch gehören. „Jeder schreit nachverdichten.“ Dagegen hat er sich immer gewehrt. Von den Wiesen und Flächen lebe Uffing. Die werde er nicht veräußern wie ein teures Kleidungsstück, von dem man sich schwer, aber beim richtigen Preis trennt.
Wahl in Uffing: Ansturm auf den Staffelsee - schon jetzt eskaliert die Lage an manchen Wochenenden
Seine Nachfolger stehen unter Druck. Wohnraum und Gewerbe braucht es. Der Einheimische, der sich Quadratmeterpreise jenseits der 1000 Euro nicht leisten kann, ächzt, geht leer aus, wandert ab. Vielleicht Uffings größtes Problem. „Es sind keine Flächen da“, betont Wintermeier. Früher hat die Gemeinde Wiesen und Grund dazugekauft. Aber mit Geld ködert man auf dem Markt schon lange keinen mehr. Wer von außerhalb kommt, bringt mehr Geld mit. „Wir haben die schönste Lage, und diese Lage zieht an.“ Der Staffelsee lockt. Sein Ufer ist unbebaut, die Natur größtenteils unberührt. An den Wochenenden eskaliere die Lage bereits jetzt häufiger. „Nichts gegen Tegernsee und Schliersee – aber wir müssen das nicht haben“, stellt Wintermeier klar.
Von den vielen Aufgaben (Kanal, Kinderkrippe, Ärztehaus, Gewerbegebiet), vor denen seinen Nachfolger steht, ist keine größer als diese: dass Uffing, bei all dem Interesse von außerhalb, Uffing bleibt.
Andreas Mayr