Es klingt unglaublich: Der Pianist, Sänger und Komponist Charlie Glass (55) wurde dafür, dass er 33 Millionen Tonträger verkauft hat, mit dem Platin-Ehren-Award auszeichnet. Was genau verbirgt sich hinter dem Award? Das fragte die Heimatzeitung bei dem in Fischen lebenden Künstler nach.
Von Sabine Näher
Fischen – „Das bedeutet, dass tatsächlich 33 Millionen Songs verkauft wurden, seien es eigene Werke von mir oder Bearbeitungen, die ich geschrieben habe“, lautet Glass’ Antwort. Sind damit nun Downloads, Streamings oder physische Tonträger gemeint? „Die große Mehrzahl, nämlich gut 20 Millionen, bezieht sich auf physische Tonträger“, erläutert Glass, entspannt im Tonstudio seines von ihm selbst entworfenen Hauses in Fischen am Ammersee sitzend. „Das ist echt viel Zeug! Tatsächlich habe ich immer wahnsinnig viel geschrieben…“
Vom siebten Lebensjahr an hatte der gebürtige Münchner Klavierunterricht; mit 16 folgten erste Auftritte und er kam in Kontakt zu Disco-Sänger „Fancy“. „Er hat mich als Studiokeyboarder und Komponist verpflichtet.“ Zunächst für ihn, bald auch für andere mehr, schrieb Glass Songs, die ihm erste Erfolge einbrachten.
Erst kam eine solide Berufsausbildung
„Mit 17 war mir klar, ich will ein eigenes Studio“, erinnert sich der Musiker. „Dafür habe ich Nacht für Nacht in verschiedenen Münchner Piano-Bars gespielt.“ Mit gerade einmal 18 bekam er einen Jahresvertrag im noblen Arabella-Hotel: „Da habe ich dann jede Nacht von 18 Uhr bis 2 in der Früh am Klavier gesessen. Und genau unter dieser Bar im Keller-Studio hat zeitgleich Freddy Mercury ein Album aufgenommen….“ Ein gutes Omen und ein erfolgreicher Start für den zielstrebigen Münchner.
Seine Eltern, die ebenfalls in der Musikbranche tätig waren, hatten Glass allerdings eine Berufsausbildung abverlangt. „Also habe ich nach der Mittleren Reife eine Lehre als Kaminkehrer gemacht. Das war insofern super, als ich mittags schon wieder zuhause war und mich dann der Musik zuwenden konnte.“ Jeden Nachmittag ging Glass ins Tonstudio, abends folgten die Live-Auftritte. „Ich kam spät ins Bett – und musste um fünf schon wieder aufstehen…“
Als die Lehre abgeschlossen und der Forderung der Eltern nach einer soliden Ausbildung Genüge getan war, wechselte Glass ganz auf die Musikschiene. „Um die 7000 Konzerte weltweit habe ich seither gegeben, als Komponist und Arrangeur durfte ich mit Legenden wie Siegfried und Roy, Udo Jürgens, Drafi Deutscher und anderen Stars zusammen arbeiten. Aber dass ich 33 Millionen Tonträger verkauft habe, hat mich selbst total überrascht. Ich hätte so auf fünf bis zehn Millionen getippt.“
Ein Musikstudium, sei es für Gesang, Klavier oder Komposition, hat Glass nicht absolviert. Der Jazzpianist Joe Wicks habe ihn zehn Jahre lang unterrichtet, nicht nur im Klavierspiel, sondern auch in Harmonielehre und Tonsatz, sagt er. „Und meine Mutter hat streng darauf geachtet, dass ich mindestens zwei Stunden täglich übe. Diese Disziplin hätte ich selbst als Jugendlicher wohl nicht aufgebracht.“
Ein üblicher Tag beginnt bei Glass mit Büroarbeit, ab 10 Uhr trifft man ihn im Tonstudio. Die kreativen Ideen für Texte und Musik kommen ihm aber am ehesten draußen in der Natur, am liebsten auf dem Wasser. „Ich liebe das Segeln – und war als Kind schon gerne am Ammersee.“ Deshalb baute er hier 2003 sein Haus und verbringt jede freie Minute draußen.
Nachdem er lange Zeit vor allem Auftragsarbeiten übernommen hat, will er nun ein neues Kapitel aufschlagen: „Ich will den neuen Charlie präsentieren, mit Texten über das Leben und die Probleme unserer Zeit. Das kommt tief aus meinem Innern.“ Als Beleg spielt er das Video zu seiner neuen Single „Jenseits der Zeit“ ab: Tolle Naturaufnahmen, Glass am Flügel im Wald oder am Seeufer, wechseln in raschen Schnitten mit Studiobildern. Der Song wird effektreich in Szene gesetzt. „Die Videoschnitte macht mein Sohn“, bemerkt der stolze Vater.
Früher bis zu 200 Auftritte im Jahr
Als seine heute 17 und 19 Jahre alten Kinder noch klein waren, regte ihn sein Produktionspartner dazu an, die Lieder, die er den Kleinen vorsang, doch einfach mal einzuspielen. Daraus entwickelte sich eine ungeahnte Erfolgsgeschichte: Mit „Charlie Glass Kinder Lieder“ und „Lena, Felix & die Kita-Kids“ gibt es mittlerweile zwei Reihen, in denen bisher 14 bzw. über 20 Alben erschienen sind. Glass sieht sich dabei als „Märchenonkel, der den Kindern am Klavier was vorsingt“.
An Ideen und Tatkraft mangelt es dem vielseitigen Musiker weiterhin nicht. Den Einbruch der Live-Auftritte wegen Corona konnten die weiterlaufenden Verkäufe seiner unzähligen Aufnahmen abfedern. „Früher musste ich um die 200 Auftritte im Jahr stemmen, jetzt kann ich zum Glück von den Einnahmen aus den Verkäufen gut leben.“ Dabei zahlt sich der Fleiß der frühen Jahre aus: „Ich habe circa 1000 Copy-Projekte und noch viel mehr selbst Produziertes. Mit einem guten Song kann heute keiner mehr Geld verdienen. Die Menge bringt es. Irgendwas von mir läuft immer.“