Psychologe aus Bad Feilnbach im OVB-Interview

ChatGPT als Therapeut: Influencer werben für KI als Psycho-Hilfe – aber macht das Sinn?

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Professor Dr. Axel Koch aus Bad Feilnbach spricht im OVB-Interview darüber, ob ChatGPT als Therapieersatz hilfreich sein kann oder es doch Gefahren birgt.
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Auf TikTok gehen Videos viral, in denen Influencer ChatGPT als Therapieersatz loben. Doch Professor Dr. Axel Koch aus Bad Feilnbach sieht das etwas kritischer. Ob künstliche Intelligenz wirklich dabei helfen kann, psychische Probleme zu lösen, verrät er im OVB-Exklusiv-Interview.

Bad Feilnbach – Eine Frau sitzt vor ihrem Handy. Sie trägt ein rotes T-Shirt, ihre blonden Haare sind zu einem Zopf geflochten. Sie spricht mit klarer Stimme in ihre Handykamera. Gerade ist sie dabei, ein neues Reel für ihre Follower auf TikTok aufzunehmen. Es geht um ein wichtiges Thema. Es geht um psychische Probleme. Doch der Anfang des Videos geht dann doch in eine ganz andere Richtung. „Ich habe angefangen mit ChatGPT Therapie zu machen“, sagt sie. „Das war einfach die beste Entscheidung überhaupt.

Auf TikTok gehen mehrere solcher Videos viral. Doch kann ChatGPT wirklich eine professionelle Therapie ersetzen? Denn schließlich ist die künstliche Intelligenz (KI) rund um die Uhr erreichbar und hört erst einmal nur zu. Dr. Axel Koch aus Bad Feilnbach, der unter anderem als Professor an der Hochschule für angewandtes Management in Ismaning tätig ist, beschäftigt sich in Coachings mit dem Verhalten von Menschen. Zu dem Thema KI als Therapeut hat er eine klare Meinung.

Haben Sie solche Videos auf TikTok selbst schon einmal gesehen?

Professor Dr. Axel Koch: Die KI wird heutzutage schon in vielen Bereichen, wie in der Medizin oder in Online-Shops, eingesetzt. Ich kriege das aus meinem Umfeld mit, dass man sie als Inspiration für seine Weiterbildung nutzt. Aber diesen Trend auf TikTok habe ich selbst so noch nicht gesehen. Ich denke zwar, dass die KI therapeutische Unterstützung leisten kann. Dass man aber so weit geht und sagt, man solle sich den Psychologen sparen und die KI benutzen, finde ich bedenklich.

Aber für Menschen, die Angst haben, einen Therapeuten aufzusuchen, wäre die KI vielleicht eine hilfreiche Unterstützung.

Koch: Also erst einmal grundsätzlich, ja, die Furcht vor dem Psychologen ist groß. Die Sorge, zum Therapeuten zu gehen, noch mehr, weil sie oft schambehaftet ist. Und natürlich, wenn ich jetzt mit einer KI alleine spreche, ist das erst einmal niederschwellig. Denn ich mache es im Geheimen und keiner weiß, dass ich Fragen stelle, wie zum Beispiel, was kann ich tun, wenn mein Partner mich schlägt. Also von dieser Seite betrachtet, ist es verständlich. Die Fragen sind aber jetzt: Was kann und was kann die KI nicht und wie viel kann ich ihr wirklich anvertrauen im Sinne von Privatsphäre oder führt sie mich vielleicht in die Irre?

Wie meinen Sie das?

Koch: Wenn man Sorgen hat, spricht man vielleicht in erster Linie mit einem vertrauten Menschen. Der hört einfach nur zu und man selbst kann seine Sorgen einfach mal aussprechen. Dieses Zuhören kann die KI auf jeden Fall übernehmen und auch wie ein Freund Ratschläge geben. Allerdings ist die große Sorge von Menschen, die sich mit dem Thema Therapie und KI beschäftigen, dass die KI irgendwelche Tipps und Empfehlungen geben könnte, die den Menschen schaden können. Denn sie weiß ja nicht, ob ihr Rat der richtige war.

Können Sie das genauer erklären?

Koch: Nehmen wir mal das Thema Mobbing in der Schule. Ich bekomme zum Beispiel andauernd gemeine Bilder und Nachrichten per WhatsApp geschickt und frage dann ChatGPT, was ich tun soll. Sie kann mir im besten Fall erste hilfreiche Tipps geben, um erst einmal herunterzukommen.

Ein Beispiel mit ChatGPT zum Thema Mobbing in der Schule.

Soweit so gut.

Koch: Was aber immer fehlen wird, sind die Fragen, die aus einem professionellen psychologischen Verständnis kommen. Also zum Beispiel, was genau die Situation ist, was passiert in solchen Situationen mit einem, wann begann alles und wie verhält man sich in solchen Situationen? Ich kann zwar die KI instruieren, mir professionelle therapeutische Fragen zu stellen. Aber sie wird es nicht hinbekommen, den Menschen wirklich zu sehen, der da sitzt und was er in dieser Situation jetzt genau braucht.

ChatGPT kann also wertfrei zuhören, aber ihr fehlt es an Empathie und an Menschlichkeit. Und das ist der Unterschied zu einem Therapeuten?

Koch: Nehmen wir hierfür das Beispiel der Prüfungsangst. Wenn ich jetzt ChatGPT frage, was soll ich dagegen machen, dann sagt sie mir zum Beispiel: „Lerne strukturiert und frühzeitig“ oder „Simuliere eine Prüfung“. Solche Tipps sind grundsätzlich okay. Sie sind nicht schädlich und deshalb kann man das durchaus machen.

Auf die Frage „Was kann ich bei Prüfungsangst machen?“ bringt ChatGPT folgende Tipps.

Aber?

Koch: Aber ChatGPT kann nicht die Quelle für diese Angst herausfinden. Es kann nicht sehen, wo das Problem liegt, wo meine Glaubenssätze herkommen, was vielleicht meine persönliche Situation ist, die es mir schwer macht, die Angst zu besiegen. Die KI kann auch unser Sprachmuster nicht analysieren und eine professionelle Einschätzung vornehmen. Da kommt sie an ihre Grenzen – zumindest jetzt noch.

Also kann Ihrer Meinung nach ChatGPT einen Therapeuten nicht ersetzen?

Koch: Nicht ganz. Es ist vielleicht eher eine Art der Vorstufe. Man kann es als eine Inspirationsquelle oder als eine Anregung nehmen. Oder eben einfach das empathische Zuhören, was zum Beispiel auch ein wichtiges Element in der Gesprächspsychotherapie ist. Sie hilft den Menschen, weil ihnen einfach mal jemand zuhört und das schätzen sie wert. Wenn diese Funktion erfüllt wird, finde ich das in Ordnung. Aber die KI erkennt einfach nicht die psychologische Dynamik in den Menschen, die sein psychisches Problem verursacht.

Dr. Axel Koch aus Bad Feilnbach ist unter anderem als Professor an der Hochschule für angewandtes Management in Ismaning tätig und beschäftigt sich in Coachings mit dem Verhalten von Menschen.

Würden solche Videos jetzt zu einem Trend auf TikTok werden, wäre das bedenklich?

Koch: Ja, auf jeden Fall. Botschaften wie „Du kannst dir den Psychologen oder Therapeuten sparen“, finde ich grob fahrlässig. Denn der Influencer kennt ja nicht das Problem der Leute, die ihm zuhören und ist auch kein Profi. Vor allem bei ernsteren psychischen Störungen wie einer Essstörung, einer Depression, einer Zwangshandlung oder Mobbing. Da sollte man zu jemandem Professionellen gehen. Wenn man krank ist, geht man ja auch zum Arzt und fragt ihn um Rat.

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