VonSebastian Tauchnitzschließen
Im Zuge der Debatte über die Gesundheitsreform wird viel über die Zukunft der Krankenhaus Weilheim-Schongau GmbH gesprochen. Doch in Penzberg gibt es ein weiteres Krankenhaus, das zu den Starnberger Kliniken gehört. Im Interview mit der Heimatzeitung spricht deren Geschäftsführer Dr. Thomas Weiler über Level-2-Krankenhäuser, regionale Zusammenarbeit und die Zukunft des Penzberger Krankenhauses.
Im Landkreis Weilheim-Schongau läuft die Debatte darüber, wie man die Krankenhaus GmbH auf die bevorstehende Gesundheitsreform vorbereitet, auf Hochtouren. Wie sieht es bei den Starnberger Kliniken aus?
Ich glaube nicht, dass die Vorschläge, die die Regierungskommission unterbreitet hat, auch wirklich 1:1 umgesetzt werden. Eine aktuelle Auswirkungsanalyse zeigt, dass die Ideen zwar theoretisch, aber halt nicht in der Praxis funktionieren. Käme alles so wie geplant, hätten wir am Ende selbst in München nur noch zwei Unikliniken mit Level 3, ein weiteres Level 2-Krankenhaus – alle anderen Häuser wären dann Level 1i und hätten nicht einmal mehr eine Notaufnahme. Das zeigt: Der Aufschlag der Regierungskommission in der vorliegenden Form ist untauglich.
Dennoch: Wie ist Ihr Unternehmen in Sachen Gesundheitsreform generell aufgestellt?
Auf dem Papier sieht es sehr gut aus, dass wir Level 2 erreichen würden. Wir erfüllen bereits heute die nötigen Leistungsgruppen, verfügen über eine Stroke Unit und eine Notfallversorgung der Stufe 2. Das einzige, was noch geschaffen werden müsste, wären vier Low-Care-Intensivbetten, dann würden wir alle Anforderungen erfüllen.
Rechnen Sie dabei schon den Krankenhaus-Neubau in Herrsching mit ein?
Nein, selbst Starnberg allein würde Level 2 erreichen. In Herrsching planen wir ein neues Krankenhaus mit 200 Betten, einer Notaufnahme, Intensivstation, einer vollwertigen Inneren Abteilung, einer Chirurgie und einer HNO-Abteilung.
Wie würde das neue Haus in die Level-Einstufung der Gesundheitsreform passen?
Ideal wäre, wenn wir mit Starnberg und Herrsching den Status eines Verbundkrankenhauses erreichen würden. Zwar ist dafür eine maximale Entfernung von fünf Kilometern angedacht, diese wird aber nicht haltbar sein. Selbst ein riesiges Krankenhaus wie Nürnberg hat mehrere Standorte, die weiter als fünf Kilometer auseinander liegen.
Welche Vorteile hätte ein Verbundkrankenhaus?
Dann könnten wir die genannten Leistungen in Herrsching anbieten. Sollte uns die Zulassung als Verbundkrankenhaus nicht gelingen, würde die HNO-Abteilung in Starnberg bleiben und Herrsching ein Haus des Levels 1n. Das ist keine schlechte Versorgungsstufe.
Wie weit sind sie mit dem Bau in Herrsching?
Wir sind planungsfertig, jetzt geht es an den Bebauungsplan. Ende des Jahres wollen wir den Förderantrag an den Freistaat stellen. So bestehen realistische Chancen, dass die Hälfte der Landesfördermittel aus dem Strukturfonds des Bundes finanziert werden können.
Warum war der Neubau in Herrsching nötig?
Wir hatten bislang zwei Häuser – eines in Herrsching, eines in Seefeld. Beide waren defizitär, weswegen die Zeit drängte. Das haben auch die Seefelder verstanden, dass kein Krankenhaus weiterbetrieben werden kann, wenn ein jährliches Defizit von zwei Millionen Euro aufläuft. Häuser dieser Größenordnung haben einfach strukturelle Defizite und schaffen es nicht, wirtschaftlich zu arbeiten, wenn sie eine Notfallversorgung anbieten sollen. Wir haben nach einem Standort in Seefeld gesucht, dort gab es aber Probleme mit dem Naturschutz. Daher fiel die Entscheidung auf Herrsching. Und auch in Seefeld, wo die Leute ihr Krankenhaus sehr geschätzt haben, gibt es großes Verständnis für diese Entscheidung. Die Leute sind froh, dass es bald ein neues, großes, modernes Krankenhaus im Westen des Landkreises Starnberg geben wird.
Defizite waren lange kein Thema für die Starnberger Kliniken. Anfang des Jahres sprach der Landrat von Starnberg, Stefan Frey, dann plötzlich von einem Fehlbetrag von rund 20 Millionen Euro, der bei den Starnberger Kliniken 2022 aufgelaufen sein soll...
Wir haben 16 Jahre lang nicht nur kostendeckend gearbeitet, sondern auch – aus eigenen Mitteln – rund 50 Millionen Euro in die Häuser im Landkreis Starnberg investiert, weitere rund 8,5 Millionen Euro ins Penzberger Krankenhaus. Das gelang uns, weil wir genügend abrechenbare Leistungen erbracht haben. Während der Pandemie fielen allerdings etliche Leistungen weg. Die Ausgleichszahlungen dafür liefen aber 2021 aus. Selbst danach war das Patientenaufkommen – wie in nahezu allen anderen Krankenhäusern auch – noch nicht so hoch wie vor der Pandemie. Dazu kommt, dass sich die Kosten immens gesteigert haben. Ein Beispiel: eine Skalpellklinge kostete vor Pandemie und Ukrainekrieg rund 90 Cent, heute werden dafür 10 Euro fällig. Die Preissteigerungen im Gesundheitssektor liegen noch einmal deutlich über der Inflationsrate.
Also stimmen die 20 Millionen Euro Minus?
2021 lag das Minus in Starnberg bei unter fünf Millionen Euro. Auch wenn der Abschluss für 2022 noch nicht vorliegt, gehe ich davon aus, dass wir hier keinen zweistelligen Millionenbetrag als Minus ausweisen müssen – der Landrat sprach von Liquiditätsbedarf, nicht vom Jahresergebnis.
Dass die Starnberger Kliniken Minus machen, sorgt in Penzberg für Bedenken. Wie sicher ist die Zukunft des Krankenhauses? Die Bindungsfrist von zehn Jahren, die beim Kauf des Hauses vereinbart wurde, ist schließlich mittlerweile ausgelaufen...
Das stimmt. Wenn es nach mir geht, ist der Standort Penzberg sehr sicher. Es gibt eine große Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung des Penzberger Raumes für das Haus und den Umstand, dass fast alles, was in Penzberg nicht möglich ist, in Starnberg behandelt wird. Das bedeutet, dass die Region Penzberg für uns ein wichtiges Einzugsgebiet ist und hilft, auch die Auslastung in Starnberg zu verbessern. Dennoch muss Penzberg sehr wirtschaftlich arbeiten, das ist klar. Allerdings hätten wir wohl kaum eine Kapazität wie Prof. Dr. David Anz als neuen Chefarzt der Inneren Medizin für Penzberg gewinnen und eine überregional bekannte Expertin wie die Ärztliche Direktorin Dr. Susanne Rogers halten können, wenn wir nicht an die Zukunft des Standorts Penzberg glauben würden.
Wenn Penzberg also eine Zukunft hat – welches Level soll das Haus nach der Gesundheitsreform haben?
Wenn alles so kommt, wie vorgeschlagen – woran ich, wie eingangs erwähnt, meine Zweifel habe –, würden wir alles daran setzen, in Penzberg die Notaufnahme zu erhalten, um Level 1n zu erreichen. Ideal wäre, wenn wir auch Penzberg in das Verbundkrankenhaus integrieren könnten, aber dafür ist die räumliche Entfernung nach Starnberg dann wahrscheinlich doch zu groß.
Was passiert, wenn sich der Landkreis Starnberg weigert, ein Minus auszugleichen, das in Penzberg, also im Landkreis Weilheim-Schongau, entstanden ist?
Das wäre eine politische Entscheidung, die politisch gelöst werden müsste.
Durch die Gesundheitsreform sollen die einzelnen Krankenhäuser indirekt gezwungen werden, sich abzustimmen, damit nicht jeder alles anbietet, sondern sich die Häuser besser spezialisieren können. Inwiefern finden solche Gespräche bereits jetzt im Oberland statt?
Die Starnberger Kliniken sowie die Krankenhäuser in Wolfratshausen und Garmisch-Partenkirchen arbeiten als kommunale Krankenhäuser bereits seit Jahren im Verbund der Gesundheitsversorger Oberbayern eng zusammen und stimmen sich ab – auch während der Pandemiejahre.
Warum ist die Krankenhaus Weilheim-Schongau GmbH da nicht mit dabei?
Die Krankenhaus Weilheim-Schongau GmbH war bis Ende 2020 in der Gesundheit Oberbayern GmbH. Sie sind dann ausgetreten. Danach gab es auf beiden Seiten kein Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit.
Wenn Starnberg zum Level-2-Krankenhaus ausgebaut wird und nur 27 Kilometer entfernt in Weilheim ebenfalls ein Level-2-Krankenhaus entstehen soll – kann das gutgehen?
Level 2 zu erreichen, wäre für Starnberg durchaus realistisch. Wie weit der Weg für Weilheim wäre, sieht man beim Blick in den Krankenhausplan. Robotik habe ich beispielsweise nicht als Voraussetzung für Level 2 gesehen. Generell gilt: Die Umsetzung der Gesundheitsreform, deren grundsätzliche Notwendigkeit niemand bezweifelt, kann nur gelingen, wenn man die Versorgung in der gesamten Region entlang der A 95 komplett betrachtet. Kreisgrenzen interessieren die Patienten jetzt schon nicht. Das sieht man daran, dass sich beispielsweise die Pähler oder Raistinger deutlich stärker zu den Starnberger Kliniken als nach Weilheim hin orientieren.
Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s auch in unserem regelmäßigen Schongau-Newsletter. Und in unserem Weilheim-Penzberg-Newsletter.

