Hier nimmt Landratsamt Stellung

Wegen Corona-Zahlen: FFB schickt Hälfte der Kinder heim - Eltern reagieren entsetzt und klagen

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„Überfallartig, grob fahrlässig, nicht transparent“: Eltern üben scharfe Kritik an der Verfügung des Landratsamts, Kinder teilweise in den Heimunterricht zu schicken. Nun wird geklagt.

  • Wegen des dramatischen Anstiegs der Corona-Infektionszahlen im Landkreis Fürstenfeldbruck hat das Landratsamt sehr strenge Maßnahmen beschlossen.
  • Vor allem Schüler und Kindergärten trifft es hart - die Klassen müssen nun wieder ins Homeschooling.
  • Am Montag ging am Verwaltungsgericht München ein Eilantrag gegen die Verfügung ein.
  • Alle News zur Corona-Lage im Landkreis Fürstenfeldbruck gibt‘s in unserem Ticker.

Landkreis – Die Bombe platzte am Freitagnachmittag. Da kündigte das Landratsamt an, dass ab Montag Stufe 3 des sogenannten Rahmenhygieneplans für Schulen gilt. Das bedeutet unter anderem: Wo coronabedingt der Abstand von 1,5 Metern im Unterricht nicht eingehalten werden kann, müssen Klassen geteilt und Schüler nach Hause geschickt werden. In Kindereinrichtungen wird der Nachwuchs in reduzierter Gruppenstärke und mit fester Zuordnung betreut. Auch dort müssen Kinder nach Hause geschickt werden.

Viele Eltern wurden von dieser Ankündigung förmlich überrollt. In zahllosen Schreiben an die Behörde, an Ministerpräsident Söder oder ans Kultusministerium forderten sie, die umstrittene Maßnahme wieder rückgängig zu machen.

Corona-Maßnahmen in Fürstenfeldbruck: Vorwurf des Aktionismus

„Ich und viele weitere Eltern halten dieses Vorgehen für puren Aktionismus auf Kosten von Kindern und Eltern“, erklärt etwa Lisanne Sauerwald aus Maisach, Mutter von zwei Kindern im Schul- beziehungsweise Kindergartenalter. „Überfallartig“ seien sie und die anderen Eltern über die Maßnahme am Freitag informiert worden.

Auch der gemeinsame Elternbeirat der Grund- und Mittelschulen in Bruck sowie der Gesamtelternbeirat Olching laufen Sturm gegen die Maßnahmen. „Uns Eltern wurde das Versprechen gegeben, dass die Schulen und Kindergärten so lange wie möglich geöffnet bleiben“, heißt es in dem Schreiben. Kritisiert wird auch, dass keine Notfallbetreuung bereitgestellt werde.

Die Eltern betonen zudem immer wieder die Folgen der Maßnahmen auf die Kinder. Die Auswirkungen des Wechselbetriebs vor den Sommerferien seien noch immer spürbar, erklärt Tanja Olszak, Vorsitzende des Elternbeirats an der Grundschule am Gerner Platz in Puchheim. Sie spricht von „deutlichen Defiziten“. Auch die gemeinsamen Elternbeiräte in Bruck und Olching weisen auf die Folgen für den Nachwuchs hin. „Kindern geht diese Zeit für immer verloren, sie kann nicht nachgeholt werden.“

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Corona-Maßnahmen in Fürstenfeldbruck: Eilantrag beim Verwaltungsgericht

Hingewiesen wird auch auf die Auswirkungen für die Eltern. Viele könnten die zusätzliche Belastung kaum mehr schultern, erklärt Friedericke Kammann aus Grafrath. „Urlaub habe ich keinen mehr. Überstunden habe ich während des letzten Lockdown komplett abgebaut.“

Die Mutter zweier Kinder kann zudem nicht nachvollziehen, warum die Einschränkungen im Kindergarten notwendig sind. „Es gibt kaum Verdachtsfälle in Kindergärten, Kindergärten werden nicht als Infektionsherde angesehen.“

Ähnlich sehen das viele Eltern von Schulkindern. So fordert etwa Tanja Olszak eine „individuelle Betrachtung des Infektionsgeschehens an unserer Schule“. In Olching und Bruck verweisen die gemeinsamen Elternbeiräte auf Studien, die zeigten, dass Kinderbetreuungseinrichtungen nur einen sehr geringen Anteil am Infektionsgeschehen hätten.

Gegen die strittige Allgemeinverfügung des Landratsamtes wird jetzt auch juristisch vorgegangen. Am Montag ging beim Verwaltungsgericht in München ein Eilantrag ein, wie ein Sprecher des Gerichts auf Anfrage mitteilt. Der Antrag sei von einer Mutter zweier Kinder gestellt worden. Mit einer Entscheidung sei aber nicht vor Mitte bis Ende der Woche zu rechnen.

Corona-Maßnahmen in Fürstenfeldbruck: Fragen an das Landratsamt

Warum wurde nicht örtlich je nach Infektions-Geschehen differenziert?

Landratsamt: Das Infektionsgeschehen im Landkreis Fürstenfeldbruck geschieht nicht in einem örtlich begrenzbaren Bereich, sondern ist diffus. Viele Infektionsketten können nicht mehr zurückverfolgt werden. Bei vielen Neuinfektionen ist nicht erkennbar, wo sich die betreffenden Personen angesteckt haben. Es ist damit zu rechnen, dass auch weiterhin Infektionen unvermittelt auftreten, über den ganzen Landkreis verteilt. Das Infektionsgeschehen schließt auf hohem Niveau auch die Schulen und Kindertagesstätten mit ein: derzeit sind 20 Schulen und sieben Kindertagesstätten von Quarantänemaßnahmen betroffen, Tendenz steigend. Deshalb hat das örtliche Gesundheitsamt, wie die Rahmenhygienepläne des Freistaats für Schulen und Kindertagesstätten es vorsehen, die Stufe 3 angeordnet.

Warum kam die Anordnung so kurzfristig?

Landratsamt: Der Landkreis Fürstenfeldbruck hatte in der Woche vom 21. September an mehreren Tagen nach den Berechnungen des örtlichen Gesundheitsamts den Signalwert von 35 bei der 7-Tages-Inzidenz überschritten. Darauf erließ das Landratsamt am 25. September die erste Allgemeinverfügung (unter anderem Maskenpflicht auch im Unterricht ab Klasse 5 und feste Gruppen in den Kitas). Die 7-Tage-Inzidenz stieg nach einer kurzzeitigen Verringerung weiter, sie erreichte am 8. Oktober den Schwellenwert mit 50, 45. Seither ist der Wert im Wesentlichen gestiegen, er lag seit dem 10. Oktober immer über 60 und erreichte letztes Wochenende einen bisherigen Höchststand von 96,81. Das Landratsamt reagierte mit einer zweiten und einer dritten Allgemeinverfügung, in denen jeweils auch Regelungen für die Schulen vorgesehen waren. Die Rahmenhygienepläne für Schulen und für Kindertagestätten gelten seit Schuljahresbeginn beziehungsweise Anfang September. Eine Vorankündigung erging hinsichtlich der Kindertagesstätten noch vor den Sommerferien. Die Schulen und Kindertagesstätten hatten also Zeit, sich auf die Stufen einzustellen und entsprechende Pläne auszuarbeiten. Sie waren auch durch die vorangegangenen Allgemeinverfügungen und die überall vernehmbare steigende Tendenz der Infektionszahlen vorgewarnt. Man kann nicht davon sprechen, dass die Entwicklung überraschend kam. Eine Vorankündigung zur konkreten Verfügung vom vergangenen Freitag erreichte die Schulen am Donnerstag, 15. Oktober. Ebenfalls am Donnerstag wurden die Schulaufsichtsbehörden beteiligt.

Warum gibt es keine Notfallbetreuung?

Landratsamt: Das Thema Notfallbetreuung in den Schulen ist eine Angelegenheit der Schulbehörden beziehungsweise des Kultusministeriums. Es müssen keine Schulen oder Kindertagesstätten aus Gründen des Infektionsschutzes geschlossen werden, so dass es immer irgendeine Form der – wenn auch eingeschränkten – Betreuung geben kann. Der Umfang wird von den personellen und räumlichen Kapazitäten vor Ort abhängen.

Warum treffen die Maßnahmen ausgerechnet die Schulen?

Landratsamt: Das Infektionsgeschehen macht um die Schulen keinen Bogen, die Schulen sind besonders zu schützen. Es ist nicht sinnvoll, erst zu warten, bis die Zahl der Infektionen mit den damit einhergehenden Quarantäneanordnungen so zunimmt, dass Präsenzunterricht dann gar nicht mehr möglich ist.

Wie geht es weiter?

Landratsamt: Die Anordnung des Gesundheitsamts hinsichtlich Stufe 3 gilt zunächst bis zum 30. Oktober. Dann wird neu entschieden, je nachdem, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt.

Kommentar

Es ist ein furchtbares Dilemma: Natürlich wird jetzt kritisch hinterfragt, warum der Wechselunterricht an Schulen eingeführt wurde und warum auch die Kitas von den Regelungen betroffen sein müssen. Natürlich wird jetzt kritisch hinterfragt, wie sinnvoll oder unsinnig respektive verhältnismäßig diese Maßnahmen sind. Und natürlich wird kritisch hinterfragt, warum die Maßnahmen erst spät am Freitag (endgültig, Vorboten gab es durchaus) kommuniziert wurden und warum genauere Begründungen in den Augen vieler Eltern fehlen.

Nur: Das Landratsamt hat die zunehmende Zahl der Infektionen (und Schulen spielen nun mal dabei ein Rolle) ja nicht erfunden. Zuvor waren schon private Feiern beschränkt worden, es traf diverse Hochzeiten auch relativ kurzfristig. Es ist ein Dilemma, ja. Nur, bei aller Aufregung muss man auch fragen, was die Alternative gewesen wäre. Gar nichts unternehmen und tatenlos zuschauen, wie die Werte steigen und steigen und steigen? Was hätte man dann dem Landratsamt vorgeworfen? Richtig: Es hätte geheißen, da arbeiten nur Nachtwächter, die erst reagieren, wenn es zu spät ist. Es ist ein Dilemma nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für die, die Entscheidungen treffen müssen. Vielleicht muss man das jetzt aushalten. (Thomas Steinhardt)

Rubriklistenbild: © Sebastian Kahnert

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