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Die Corona-Krise macht wirtschaftlich vielen Reisebüros schlimme Sorgen. Sie appellieren: „Wer Reisen liebt, der verschiebt“
Bad Tölz-Wolfratshausen – Ihr Beruf ist es, den Menschen für „die schönste Zeit des Jahres“ den passenden Rahmen zu bieten, tolle Reisen zu organisieren. Doch daran ist in den Reisebüros derzeit nicht zu denken. Stattdessen hagelt es Stornierungen.
An ihre letzte Buchung erinnert sich Michaela Gampenrieder genau. Am 7. März war das: eine Ostsee-Kreuzfahrt im August. „Da habe ich noch gedacht, so schlimm wird’s vielleicht doch nicht“, sagt die Geschäftsführerin vom Reisebüro Wolf Travel in Wolfratshausen. Doch ein paar Tage später mündete die Verunsicherung der Kunden in einer gewaltigen Stornowelle. Als dann auch noch das Auswärtige Amt eine weltweite Reisewarnung aussprach, stand das Telefon nicht mehr still. Bis Ende April seien rund 70 Reisen storniert worden. „Kunden mit Abreisedatum Juni bis August sind noch entspannt. Aber der April ist gleich null und ich vermute, dass die Mai-Reisen auch wegfallen“, befürchtet Gampenrieder.
Rund 70 Reisen wurden in einem Büro bereits storniert
Nicht anders stellt sich die Situation im AS ReiseCenter in Bad Tölz da. Inhaberin Annemarie Scheitterer und ihr Team verbrachten die meiste Zeit damit, Stornierungen abzuwickeln. „Januar bis März sind bei uns die umsatzstärksten Monate, die fehlen extrem – und Neubuchungen sind gleich Null“, sagt die Geschäftsführerin, die die Umsatzeinbußen mit „circa 90 Prozent“ beziffert.
Ihre beiden Mitarbeiter bauten Überstunden ab oder seien auf Kurzarbeit gesetzt. Sie selbst arbeite weiterhin „jeden Tag einige Stunden im Büro“. Dann betreut sie auch Kunden, die aus ihren Urlaubsländern zurückgeholt werden sollen. Die Reiseveranstalter seien überlastet und oft nur per E-Mail zu erreichen. „Auf Antworten wartet man da manchmal lange“, so Scheitterer. „Aber dafür sind wir ja da. Das ist der Vorteil von einem Reisebüro.“ Den persönlichen Service – den die Reiseberater weitgehend kostenlos leisten, weil sie die Provisionen für stornierte Reisen an die Veranstalter zurückzahlen müssen – genießen auch Kunden, deren Urlaub noch bevorsteht.
„Viele Kunden sind verunsichert, was mit ihren Reisen passiert, die sie für Mai, Juni gebucht haben“, sagt die Reisespezialistin. Sie empfiehlt in solchen Fällen abzuwarten. „Wir haben alle Abreisetermine im Auge und informieren die Kunden rechtzeitig.“
Umsatzeinbußen von etwa 90 Prozent
Wer aus Angst, seine Reise jetzt bereits storniere, zahle Stornokosten. Die entfallen jedoch, wenn sich die Situation in ein, zwei Monaten nicht gebessert hat und die Veranstalter weitere Reisen vom Markt nehmen müssen.
Abwarten oder umbuchen, empfiehlt Ralf Hecher. „Viele Reiseveranstalter bieten bereits für Mai kostenlose Umbuchungen an. Das bieten wir unseren Kunden natürlich auch an“, sagt der Inhaber von zwei Reisebüros in Wolfratshausen und Geretsried. Auch dort ruht derzeit das Geschäft. Die fünf Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Beide Büros seien jedoch halbtags besetzt und telefonisch gut erreichbar.
„Abwarten oder umbuchen“
„Im Moment ist es ein Minusgeschäft, April und Mai kann man auch knicken“, so Hecher, der sich auf eine längere Dürreperiode einstellt. Derweil freue er sich, dass es Kunden gibt, die ihr Guthaben stehen lassen und auf den Herbst umbuchen – ganz im Sinne der Kampagne des Deutschen Reisebüro Verbands (DRV): „Wer reisen liebt, verschiebt!“
„Ich bin jedem Umbucher dankbar, das ist die solidarischste Lösung“, sagt auch Michaela Gampenrieder. „Aber das kann sich in nächster Zeit wahrscheinlich nicht jeder leisten“, zeigt sie Verständnis für Kunden, die ihre Reise komplett absagen. Ansonsten gelte es, die Zeit zu nutzen. „Wir überlegen uns, wie wir gewappnet sind, wenn die Reiselust wieder bricht“. Sie ist sicher: „Nach der Krise wird der Drang, eine unbeschwerte Zeit zu genießen“, riesengroß sein. Das gilt wohl auch für den Kunden vom 7. März: Seine Kreuzfahrt im August hat er bis jetzt noch nicht storniert.
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