Überlastete Hotlines, volle Arztpraxen, leere Supermarkt-Regale

Coronavirus: Rund 20 Menschen in Quarantäne

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Große Lücken weisen die Regale des medizinischen Fachhandels betaMed in Unterammergau auf. Unser Bild zeigt Inhaber Michael Spicker mit Tochter Bettina.
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  • Ludwig Hutter
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  • Silke Reinbold-Jandretzki
    Silke Reinbold-Jandretzki

Volle Arztpraxen, leere Regale in Supermärkten und überlastete Hotlines bei Landrats- und Gesundheitsämtern: Das Coronavirus beschäftigt und verunsichert die Menschen. Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen gibt es seit Samstag den ersten Infizierten. Wie stellt sich die Situation aktuell in der Region dar?

Das Staffelsee-Gymnasium:

Die Folgen der Coronavirus-Verbreitung haben das Staffelsee-Gymnasium erreicht: Zwei Kinder des Mannes aus dem Raum Murnau, der sich bei einem Aufenthalt in Südtirol infiziert hat, besuchen dort eine neunte beziehungsweise zehnte Klasse. Die Schüler der betroffenen Klassen erfuhren am Sonntag, dass der Unterricht für sie vorsorglich zwei Tage lang ausfallen wird. Am Montag traf bei Gymnasiums-Direktor Josef Holzmann die erlösende Nachricht ein, dass die Kinder des Erkrankten aktuell nicht mit dem Coronavirus infiziert sind – der Test fiel negativ aus. „Ab Mittwoch findet der Unterricht in den beiden Klassen wieder regulär statt“, sagt Holzmann. Das Testergebnis eines weiteren Staffelsee-Gymnasiasten, der im Landkreis Weilheim-Schongau wohnt, eine neunte Klasse besucht und mit Erkältungssymptomen aus Südtirol zurückgekehrt war, soll am Dienstagmittag eintreffen. Das zuständige Gesundheitsamt, sagt Holzmann, gehe aber nicht von einer Infektion mit dem Coronavirus aus. Schüler, die sich zuvor in Südtirol aufgehalten hatten, wurden nach der Einstufung der norditalienischen Region als Risikogebiet am Freitag aus dem Unterricht genommen und in der Bibliothek beaufsichtigt, bis ihre Eltern sie abholten. Sie müssen zu Hause bleiben, bis nach ihrer Rückkehr zwei Wochen verstrichen sind.  Ansonsten, sagt Holzmann, fahre man „ein bisserl auf Sicht. Wir lassen die Planungen laufen, damit Alltag und Normalität stattfinden und weder Panik noch Hysterie entstehen“. Sollte sich die Situation ändern, werde man darauf reagieren. Auch am Schüleraustausch, bei dem Murnauer Gymnasiasten Ende März in die USA fliegen werden, hält man aktuell fest.

Der Corona-Patient:

Der 50-Jährige aus dem Raum Murnau, bei dem das Coronavirus nachgewiesen worden ist, befindet sich wie berichtet mit leichten Anzeichen eines grippalen Infekts daheim in Isolation. Über Frau und Kinder des Patienten wurde eine zweiwöchige häusliche Quarantäne verhängt. Sie dürfen die Wohnung nach Angaben von Landratsamts-Sprecher Stephan Scharf nicht verlassen und werden von Menschen „aus dem familiären Umfeld“ mit allem Nötigen versorgt. „Diese sind von uns eingewiesen worden, wie sie vorgehen müssen“, sagt Scharf. Frau und Kinder befinden sich unter Beobachtung, weitere Test-Abstriche werden folgen. Grundsätzlich gilt: Es werden alle in Quarantäne genommen, die unmittelbaren Kontakt zu einer infizierten Person hatten. Aktuell befinden sich rund 20 Menschen im Landkreis in dieser vorsorglichen Isolation. Einen regionalen Schwerpunkt, sagt Scharf, gebe es nicht.

Die Tests:

Allein Mitarbeiter des Gesundheitsamts Garmisch-Partenkirchen haben nach Angaben von Scharf bis gestern Mittag rund 150 Corona-Tests in Schutzausrüstung vorgenommen. Unter anderem wurde Personal aus dem Landkreis des Autozulieferers Webasto – eine chinesische Mitarbeiterin soll das Virus eingeschleppt haben – überprüft. Dazu kommen noch Abstriche des ärztlichen Bereitschaftsdienstes sowie jene, die in Hausarztpraxen über die Bühne gingen.

Der Hotline-Ansturm:

Die Bürger-Hotline des Gesundheitsamts zum Coronavirus (Telefon 0 88 21/75 15 00), die vier bis sechs Mitarbeiter des Landratsamts zwischen 8 und 18 Uhr bedienen, erfährt eine unglaubliche Nachfrage. „Die Auslastung ist extrem hoch“, sagt Scharf. Bis Montagnachmittag trafen rund 400 Anfragen ein, im Schnitt sind 40 bis 60 Anrufe pro Stunde zu bewältigen. Dabei gilt unbedingt: Es sollte nur anrufen, wer Symptome verspürt – und nicht jeder, der sich lediglich testen lassen will.

Fallen Veranstaltungen aus?

In vielen Ländern werden Veranstaltungen abgesagt, um die Verbreitung des Coronavirus’ einzudämmen Das Gesundheitsamt ist gerade dabei, einen Kriterienkatalog für die Gemeinden im Landkreis – sie sind die Sicherheitsbehörden – zu erstellen. Dieser soll helfen, das Risiko von Veranstaltungen zu ermitteln. Wichtige Parameter sind, wie viele Menschen vor Ort sein werden, wie hoch die internationale Beteiligung ausfallen und wie eng der Kontakt der Teilnehmer untereinander sein wird. Noch in dieser Woche, sagt Scharf, soll der Kriterienkatalog an die Gemeinden verschickt werden. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte empfohlen, Veranstaltungen mit über 1000 Menschen abzusagen.

. Sorgen eines Arztes:
Von einer „noch relativ ruhigen Lage“ spricht Dr. Bernhard Popp, Allgemeinarzt in Garmisch-Partenkirchen. Viele telefonische Anfragen besorgter Bürger müssen die Mitarbeiterinnen der Praxis jedoch schon entgegennehmen. Der Mediziner: „Wir versuchen, den Leuten die Angst zu nehmen. Wenn ein Anrufer das Gefühl hat, dass sich kritische Symptome einstellen, wird er eingehend beraten.“ Grundsätzlich empfiehlt der Arzt, sich gegen die allgemeine Grippe impfen zu lassen: „Das ist ein wichtiger Schutz, zwar nicht gegen den Coronavirus, aber es stabilisiert die körperliche Verfassung.“ Ruhe zu bewahren einerseits und den Patienten andererseits die Angst zu nehmen, seien weitere Vorgaben: „Die Angst, die gerade teilweise umgeht, unterdrückt das Immunsystem.“ Alleingelassen fühlt sich der Mediziner, was die Schutzausrüstung für sein Praxisteam anbetrifft: „Ich habe für jede meiner Damen nur eine Maske und einen Schutzanzug. Wenn diese Artikel benutzt und dann nicht mehr zu verwenden sind, bekomme ich keinen Ersatz mehr, weil der Handel nicht mehr liefern kann. Das darf nicht sein.“

Der Nachschub:

„Eine extreme Situation“ erlebt in diesen Tagen Michael Spicker, Geschäftsführer der Firma betaMed in Unterammergau. Der medizinische Fachhandel beliefert Arztpraxen, Hotels, Alten- und Pflegeheime bis weit ins Allgäu hinaus. „Die Nachfrage nach Mundschutz, Händedesinfektionsmitteln und Schutzkittel ist um ein Vielfaches höher als wir es normal kennen“, beschreibt Spicker die aktuelle Situation. Man versuche, die Arztpraxen am Laufen zu halten. Bestellungen nach Desinfektionsmitteln könnten mitunter nicht in vollem Umfang befriedigt werden: „Wir wissen selbst nicht, wieviel wir bekommen, und können unseren Kunden nicht in jedem Fall die volle Anzahl an diesen medizinischen Artikeln zugestehen.“

Die Reisebranche:

Mit erheblichen Einbrüchen hat in diesen Tagen die Reisebranche zu kämpfen: Das Buchungsverhalten lässt stark nach. Mike Greifelt vom Reisebüro am Passionstheater in Oberammergau ist froh, „dass bisher nur wenige abgesagt haben“. Die Stornierungen hielten sich in Grenzen. Abwartend verhalten sich auch jene Kunden, die für die Zeit nach der Passion Reisen gebucht haben: „Da hat noch keiner storniert“, so Greifelt. Reisen in Länder, die vom Auswärtigen Amt als Risikogebiete bewertet werden, könne man ohnehin kostenfrei stornieren. Die Frau von Mike Greifelt stammt aus China – der Reise-Experte: „Meine Schwiegereltern leben in Peking. Derzeit dürfen sie nur einmal in der Woche einkaufen, sonst müssen sie zuhause bleiben. Die Lage entspannt sich allerdings langsam. Die ersten Restaurants öffnen wieder, die Produktion in den Betrieben läuft wieder an. Und eventuell wird nächste Woche die Quarantäne aufgehoben.“

Der Sport:

Gibt es Eishockey-Playoffs oder nicht? Abschließend kann diese Frage derzeit noch niemand beantworten. Ein Urteil darüber traut sich wohl auch keiner zu. Der Deutsche Eishockey-Bund „folgt den Empfehlungen des DOSB und des Robert-Koch-Instituts“, betont David Nolte, Pressesprecher beim Verband. Eine komplette Absage der Oberliga-Playoffs gibt es aus München derzeit nicht. „Die Gesundheitsämter vor Ort sollen entscheiden, in welcher Form gespielt werden kann. Wenn die Lage andere Formen annimmt, dann müssen wir sehen.“ Für den SC Riessersee ist die Situation eine schwierige. „Wir planen erst einmal so, als würden die Spiele stattfinden“, sagt Pana Christakakis, der GmbH-Geschäftsführer. „Was soll ich anderes tun?“ fragt er. Er brauche ja Eiszeiten und Busse für die Fahrten, falls sich die Spiele gegen Hannover normal durchziehen lassen.

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