- schließen
Victoria Strachwitz- Stefan Reich
Tobias Gmach
Das angekündigte, aber noch nicht beschlossene Verbot neuer Gas- und Ölheizungen ab 2024 treibt viele um. Installateure verzeichnen erhöhte Nachfragen, Kaminkehrer mehr Beratungsbedarf, und eine Grünen-Politikerin mit Gasheizung bittet um Vertrauen in die Ampel.
Landkreis – Wirtschaftsminister Robert Habeck will den Einbau neuer Öl- und Gasheizungen ab 2024 untersagen. Die Pläne seines Ministeriums sind bisher nur ein Gesetzesentwurf, sie sorgen aber für Aktionismus – auch im Landkreis. „Die Leute kriegen Angst und Panik. Meine Kunden tun nicht lange rum, sie wollen die Heizungen noch heuer austauschen“, sagt Felix Schinnerer, Geschäftsführer der gleichnamigen Heizungs-, Sanitär- und Solartechnikfirma in Gilching.
Sylvia Baumgartner versucht, den Leuten Schnellschüsse auszureden. Als Bezirksschornsteinfegerin betreut sie 2500 Haushalte in Tutzing und Feldafing. Sie sagt: „Ich bin täglich fast eine Stunde damit beschäftigt, den Leuten zu sagen, dass sie erst mal beim Alten bleiben sollen.“ Auch sie hat „Angst“ und „Panik“ registriert. Josef Pfister, Installateur aus Starnberg, betont: „Ruhe bewahren. Wir warten mit unseren Kunden bis Mai, dann kann man immer noch reagieren.“
65 Prozent der Wärme neuer Heizungen soll nach Habecks Plänen künftig aus erneuerbarer Energie stammen. Im Sinne des Klimawandels muss sich beim Heizen etwas tun: Das sehen auch die für diesen Text Befragten so. Heizungsbauer Schinnerer findet den politischen Plan aber „übers Knie gebrochen“. Er sagt: „Ich hätte auch ohne den Herrn Habeck schon genug zu tun.“ Nun werde er vor 2024 bestimmt noch 20 neue Gas- oder Ölheizungen einbauen. Die Nachfrage sei seit der Ankündigung des Gesetzesentwurfs sehr hoch, auf neue Anlagen warte er schon mal ein oder zwei Monate. „Die waren früher nach einem Tag da.“
+++ Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem regelmäßigen Starnberg-Newsletter.
Heizungsbauer: Bei Neubauten geht nichts über klimafreundliche Wärmepumpe
Bei Neubauten gehe nichts über die klimafreundliche Wärmepumpe, sagt der Gilchinger. Aber viele seiner Kunden seien 60 oder 70 Jahre alt und lebten in älteren Häusern. 60.000 bis 80.000 Euro zu investieren, sei für jene utopisch, zumal sie vielleicht lange für anderes gespart hätten. Gasheizungen sind in der Anschaffung wesentlich günstiger.
Kaminkehrerin Sylvia Baumgartner findet so manche Berichterstattung über das Thema zu alarmierend – zumal das Gesetz noch nicht beschlossen ist. Sie spricht sich für die Betrachtung des Einzelfalls aus: „Man muss auf die Dämmung des Hauses und auf die Situation des Eigentümers schauen.“
Das sieht auch Oliver Berger so. Aber der Vorstand des Energiewendevereins Starnberg ist überzeugt davon, dass es sich nicht rechnet, jetzt noch auf eine neue Öl- oder Gasheizung zu setzen. Zwar sei es „Lesen im Kaffeesatz“, jetzt über Energiepreise in 20 oder 30 Jahren zu spekulieren. Aber so billig wie wie vor dem Ukrainekrieg würden Öl und Gas wohl nicht mehr. Die Preise dürften auch wegen der CO2-Bepreisung, die in den kommenden Jahren ausgebaut werden soll, eher steigen.
Wer heute mit einer Wärmepumpe heize und die Hälfte des benötigten Stroms mit einer Solaranlage auf dem Dach selbst erzeuge, komme auf Kosten von zehn Cent je Kilowattstunde. Das entspreche dem aktuellen Gaspreis.
Energiewendeverein: Wärmepumpe taugt nicht für Bestandsbauten
Eine Wärmepumpe tauge aber nicht für alle Bestandsbauten, sagt Berger. Schlecht isolierte Altbauten bekomme man damit nicht oder nur mit einem sehr hohen Stromverbrauch geheizt. Und nicht immer lasse sich das Problem allein mit Isolierungsmaßnahmen beheben. „Hier gibt es aber Hybrid-Anlagen. Das heißt, eine Wärmepumpe kombiniert etwa mit einem Pellet-Heizkessel, der an sehr kalten Tagen zusätzlich in Betrieb geht.“ Solche Anlagen erlaubt das geplante Gesetz mit der 65-Prozent-Regelung.
Berger befürwortet den Entwurf grundsätzlich. Zur Finanzierung sagt er: „Für den Eigentümer der Zwei-Millionen-Villa am Starnberger See braucht es keine Unterstützung. Aber für die Rentnerin mit dem kleinen Häuschen, die vielleicht gar keinen Kredit mehr kriegt, braucht es eine Lösung.“ Die Förderbedingungen seien aber jetzt schon recht gut. Wer in Sachen Heizung und Isolierung etwas unternehmen wolle, solle immer erst mit „maßvollem Dämmen“ beginnen. Dann sehe man, wie viel Heizenergie noch benötigt werde und welche technische Lösung am besten passe.
Die Grünen-Landtagskandidatin Andrea Schulte-Krauss aus Krailling befindet sich in einem Zwiespalt: „Die Kosten sehe ich als großes Problem, da muss nachgebessert werden“, sagt sie. Die Kurzfristigkeit sei ein weiteres. „Das kann keiner schönreden.“ Die Politikerin hat selbst eine 20 Jahre alte Gasheizung. Ihr Kaminkehrer habe ihr versichert, dass diese noch funktionstüchtig sei. „Etwas, was nicht kaputt ist, ersetze ich nicht“, sagt sie. Dass diese Einstellung sie irgendwann teuer zu stehen kommt, glaubt sie nicht. „Der Vorstoß der Ampel ist richtig und wichtig. Wir können nicht immer nur reden, dass wir von den fossilen Brennstoffen weg wollen.“
Bislang habe die Ampel-Regierung darauf geachtet, dass die Leute sich das Heizen leisten können, meint Schulte-Krauss. „Es ist schade, wie wenig Vertrauen die Leute haben“, sagt sie im Hinblick auf diejenigen, die ihre Heizung jetzt austauschen. Und sie betont angesichts des ausstehenden Gesetzesbeschlusses: „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“
Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Starnberg finden Sie auf Merkur.de/Starnberg.
Rubriklistenbild: © Jan Woitas/dpa


