VonDominik Stalleinschließen
In Bayern beginnen die Abiturprüfungen für den ersten G9-Jahrgang. Die Umstellung bringt mehr Wahlmöglichkeiten in den Prüfungen – die Schulen sind gerüstet.
Es sind die wichtigsten Prüfungen in ihrem bisherigen Leben: An diesem Mittwoch startet das Abitur in ganz Bayern. Los geht der mehrwöchige Reigen mit dem Fach Biologie. Am Gymnasium Icking sitzen die ersten Abiturienten der vergangenen zwei Jahre an ihren Pulten: Wegen der Umstellung vom G8 aufs G9 gab es im vergangenen Schuljahr keine Abschlussklasse. „Wir sind sicher nicht außer Übung“, sagt Schulleiter Stefan Nirschl und schmunzelt. Die Organisation der Prüfungen werde routiniert klappen – auch deshalb, weil nur ein kleiner Jahrgang zu betreuen ist. 46 junge Frauen und Männer möchten heuer ihre Hochschulreife in Icking erhalten. Deshalb lösen sie ihre Aufgaben auch nicht wie bisher in der Turnhalle, sondern in einem etwas kleineren Trakt der Schule, in dem alle Schüler einen Platz bekommen.
„Vielleicht ein Tick besser“: Abitur-Prüfungen beginnen heute - erster Jahrgang im neuen Modell
Im Geretsrieder Gymnasium gab es auch im vergangenen Jahr einige Prüflinge. Die Schule gehörte zum sogenannten Auffangnetz – soll heißen: Kinder aus dem Landkreis, die im eigentlich letzten G8-Jahrgang eine zweite Runde drehen mussten, haben in Geretsried im vergangenen Jahr ihre Prüfungen abgelegt. „An unserer Schule fanden Prüfungen nach den Bedingungen des G8 statt“, schreibt Schulleiter Thomas Wendl auf Nachfrage. Zu diesem Netz gehörten nur einige wenige Schulen. An ihnen wurden Schülerinnen und Schüler, die eine individuelle Lernzeitverkürzung erreicht – also eine Klasse übersprungen haben –, Wiederholer im letzten G8-Jahrgang sowie Schüler aus der Einführungsklasse, die im Jahr 2022 begonnen hatten, gemeinsam aufs Abitur vorbereitet. 77 Schülerinnen und Schülern wurde im Sommer 2025 das Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife in der Aula des Geretsrieder Gymnasiums überreicht.
Geretsrieder Gymnasium gehörte zum Auffangnetz
Es war in vielerlei Hinsicht ein besonderer Jahrgang. „Das ist der diesjährige auch“, sagt der Ickinger Direktor Nirschl. Womöglich erhöht die Aussicht darauf, der allererste neue G9-Jahrgang zu sein, den Druck für einige Prüflinge. „Vielleicht machen sich manche auch Gedanken, weil sie sich mit den Abiturprüfungen aus den letzten Jahrgängen, also aus dem G8, vorbereitet haben.“ Nirschl ist aber optimistisch: „Ich denke, der Notendurchschnitt wird ähnlich, vielleicht sogar einen Tick besser sein als zuletzt im G8.“ Das neue Abitur sieht mehr Auswahlmöglichkeiten für die Prüflinge vor. „Kompetenzorientiert“ nennt das der Schulleiter. In einigen Prüfungen können die jungen Männer und Frauen auswählen, welche Schwerpunktthemen und Aufgaben sie bearbeiten wollen.
Das G9-Abitur bedingt deutlich mehr Prüfungstage
Für die Schulen bedeutet das G9-Abi deutlich mehr Prüfungstage. Am Waldramer Gymnasium und Kolleg St. Matthias sind die schriftlichen Prüfungen am 13. Mai abgeschlossen. Die mündlichen Prüfungen nehmen die Lehrkräfte in den Wochen vom 18. bis 25. Mai und vom 8. bis 12. Juni ab. Jeder Abiturient muss drei schriftliche und zwei mündliche Leistungsnachweise abliefern. Das ist unverändert zum G8.
Für einige junge Menschen, die in Waldram zur Prüfung gebeten werden, ist es nicht das erste Abschlusszeugnis: Die Abiturientinnen und Abiturienten des Kollegs haben zuvor bereits eine Berufsausbildung absolviert. Vor drei beziehungsweise vier Jahren startete auf dem zweiten Bildungsweg ihre Reise zur Hochschulreife.
Individueller und mit Schwerpunkten: G9-Konzept kommt gut an
Für die Gymnasiasten hat sich die Schulzeit durch die Umstellung von G8 auf G9 sehr gewandelt – nicht nur, weil ein zusätzliches Jahr dazugekommen ist. Thomas Wendl, der Geretsrieder Direktor, spricht von einer „an vielen Stellen neu akzentuierten Gestaltung der Profil- und Leistungsstufe“ in der Q12 und Q13, den beiden letzten Schuljahren. Das Kultusministerium habe das „Aufwachsen“ des G9 „eng begleitet“. Er sieht viel Positives darin: „Nach meinem Eindruck wird die im G9 ermöglichte stärkere individuelle Schwerpunktsetzung in der Oberstufe seitens der Schüler- und Elternschaft, aber auch seitens der Lehrkräfte positiv aufgenommen.“ Sein Kollege Nirschl empfand die Zeit „entzerrt“ im Vergleich zur achtstufigen Ausbildung am Gymnasium.
Einen einzigen Malus sieht der Ickinger Direktor in dem folgenden Punkt: Es werden mehr Lehrer benötigt. Die stehen aber nicht zur Verfügung. „Durch eine zusätzliche Jahrgangsstufe erhöht sich natürlich der Bedarf nach Lehrkräften.“ Den Jungen und Mädchen, die an diesem Mittwoch mit den Biologie-Prüfungen starten, wird das recht egal sein, solange die Prüfungen funktionieren. Wendl: „Wir sehen uns gut aufgestellt.“
