VonArmin Forsterschließen
Eine ZDF-Recherche hat einen Millionen-Betrug mit Umweltzertifikaten ergeben. Im Fokus ist nun ein bayerisches Unternehmen - das sich jedoch selbst als Opfer sieht.
Langenbach - Es wäre, würden sich die Vorwürfe bestätigen, einer der größten Umweltskandale in der deutschen Geschichte: Das ZDF-Magazin frontal hat am Dienstag über Millionenbetrug bei Klimaschutzprojekten in China berichtet. Mittendrin und laut Frontal-Recherchen an einer Schlüsselposition: die in Langenbach ansässige Firma Verico SCE.
„Vermeintlicher Skandal“: Langenbacher Firma sieht sich zu Unrecht beschuldigt
Um was geht es? Mineralölkonzerne müssen hierzulande ihrem Sprit Biokraftstoff beimischen, um ihre Pflicht zum Klimaschutz zu erfüllen. Statt mit Biosprit können sie ihrer Pflicht zur CO2-Reduktion aber auch mit Klimaschutzprojekten nachkommen – zum Beispiel in China. Frontal hat nun recherchiert und dabei herausgefunden, dass es viele dieser Klimaschutzprojekte nur auf dem Papier gibt, sich die Konzerne demzufolge hunderte Millionen Euro sparen. Die angeblich gefälschten Klimaschutzprojekte seien, so teilten es dann Mineralölkonzerne dem ZDF mit, jeweils von einer akkreditierten unabhängigen Prüfstelle validiert und anschließend von einer weiteren unabhängigen Prüfstelle verifiziert worden. Eine davon: Verico SCE „im beschaulichen Langenbach“, wie es in dem Beitrag heißt. Die Firma habe laut Frontal 41 solcher Projekte in China überprüft, die einen Marktwert von über einer Milliarde Euro besäßen. Das oberbayerische Unternehmen sei also „dick im Geschäft“.
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Gegenüber dem ZDF spricht Verico von einem „vermeintlichen Skandal“ und versichert, es lägen „keine belastbaren Indizien für Datenmanipulationen oder gefälschte Informationen“ vor. Auf Nachfrage des Freisinger Tagblatts betont Verico SCE, der TV-Beitrag rücke die Firma „in ein schlechtes Licht“. Und weiter: „Wir bei Verico SCE sind generell den höchstmöglichen Qualitätsstandards verpflichtet, auch weil solche Standards zwangsläufig für die Umsetzung vieler Richtlinien [...] relevant sind. Diese Selbstverpflichtung zur Qualität ist Grundlage unserer akkreditierten Geschäftstätigkeiten.“
Gefälschte Klimaprojekte vermutet - Bayerisches Prüfunternehmen weist Kritik zurück
Vorwürfe, Täuschungen oder Fälschungen nicht erkannt oder gar akzeptiert zu haben, stelle die Reputation des Unternehmens als Ganzes in Frage, weshalb deren Aufklärung von Verico „mit allen Mitteln vorangetrieben“ werde. Sollten sich die erhobenen Vorwürfe als richtig erweisen, „sehen wir uns selbst als Geschädigte und werden die Sachverhalte mit rechtlichen Mitteln nachverfolgen“. Ergebnisse jeder Aufklärungsarbeit könnten aber erst nach deren Abschluss final bewertet werden. Obwohl man bereits viel Zeit und Mühe darauf verwendet habe, den Medien fachlichen Input zu geben, scheine es leider derzeit „eine orchestrierte Bemühung“ zu geben, Verfahren und Märkte zu beeinflussen. „Hierbei stellen wir fest, dass auch Themen aus dem Kontext geraten und unvollständig wiedergegeben werden.“
Langenbachs Bürgermeisterin Susanne Hoyer sieht die Sache aus Gemeinde-Sicht „ganz entspannt“. Freilich habe sie den Frontal-Bericht gesehen, könne dazu aber nur sagen: „Das betrifft uns nicht.“ Auch die Firma Verico sei ihr bisher noch nie untergekommen, denn: „Ganz ehrlich: Ich habe noch nie von ihr gehört.“ Persönlichen Kontakt zu Geschäftsführern und Firmenchefs gebe es praktisch nur, wenn die Gemeinde für ein Unternehmen Baurecht schaffe – etwas, was bei Verico ja nicht der Fall gewesen sei.
Schon 2022 geriet das Unternehmen in einer BR-Recherche in die Kritik
Die im ZDF erhobenen Vorwürfe sind nicht die ersten Negativschlagzeilen, die über Verico und ihren Vorstandsvorsitzenden Werner B. kursieren. Bereits im November 2022 berichtete der BR unter dem Titel „Greenwashing in Katar – Fragwürdiger Kompensationshandel“ über Auffälligkeiten in Zusammenhang mit dem Langenbacher Unternehmen.
Damals ging es um Zertifikate zum Ausgleich von CO2-Emissionen, die Katar genutzt haben soll, um das Versprechen einer klimaneutralen WM zu halten. Katar habe hierfür eine eigene Organisation gegründet – den Global Carbon Council (GCC). Der BR hatte in diesem Kontext jedoch ein Windpark-Projekt in Serbien recherchiert, das „offenbar nicht die selbst gesetzten Kriterien des GCC erfüllt“. Und herausgefunden, dass sowohl der österreichische Projektentwickler als auch der bayerische Gutachter – Werner B. von Verico SCE aus Langenbach – „im Lenkungsausschuss des GCC sitzen“. Laut der BR-Recherche „eine unzulässige Verquickung von Interessen“.
Mutmaßlicher Betrug in Mineralölbranche: Umweltbundesamt stellt Strafanzeige
Sowohl der Verico-Vorstandsvorsitzende als auch ein Sprecher der katarischen WM-Organisatoren wiesen damals Vorwürfe zurück. Werner B. erklärte zum bemängelten Windpark, lediglich Zweitgutachter gewesen zu sein und dass die Prüfung der fragwürdigen Daten nicht zu seinen Aufgaben gehört habe. Aus Katar hieß es, die Entscheidung, CO2-Emissionen „transparent und proaktiv auf verantwortungsvolle Weise auszugleichen, sollte anerkannt und nicht kritisiert werden“.
Zurück zum jüngsten Fall des mutmaßlichen Betrugs in der Ölbranche: Das Umweltbundesamt, das sich bei der Genehmigung der chinesischen Projekte auf die Arbeit der Prüfstellen verlassen hatte, will laut ZDF nun einige Projekte untersuchen, dazu Behörden in China um Amtshilfe bitten – und das Amt hat am Montag Strafanzeige „gegen Unbekannt wegen aller in Betracht kommender Delikte“ erhoben.
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