Wenn die Psyche krank ist: In Wolfratshausen soll eine Psychiatrische Tagesklinik für Jugendliche und Erwachsene gebaut werden.
© Victoria Bonn-Meuser
VonDominik Stalleinschließen
Für Erwachsene und Kinder soll eine neue Klinik in Wolfratshausen entstehen. Noch gibt‘s Hürden. Zwei Experten erklären, was es mit der Einrichtung auf sich hat.
Wolfratshausen – Die Loisachstadt soll eine neue Klinik bekommen: Auf einem Grundstück an der Königsdorfer Straße ist eine Psychiatrische Tagesklinik geplant. Was es mit diesem Therapieangebot auf sich hat und warum die Einrichtung dringend notwendig ist, erklären Katharina Kopiecny, Geschäftsführerin der kbo-Lech-Mangfall-Kliniken, und Anton Oberbauer, Leiter der Heckscher-Klinik für Kinder und Jugendliche in Wolfratshausen im Interview mit unserem Volontär Dominik Stallein.
Frau Kopiecny, der Bauausschuss des Wolfratshauser Stadtrats hat Ihnen Hausaufgaben mitgegeben.
Katharina Kopiecny: Der Bauausschuss möchte, dass wir eine Tiefgarage unter der Tagesklinik anlegen, die zehn Stellplätze umfasst. Dazu sollen wir fünf oberirdische Parkplätze schaffen. Wir werden das selbstverständlich prüfen und einen neuen Entwurf erstellen, den wir allerdings erst intern abstimmen müssen – und dann erneut dem städtischen Gremium vorlegen werden.
Sie hatten in der Sitzung erklärt, dass Sie gar nicht so viele Parkflächen benötigen würden.
Kopiecny: Die Kinder und Jugendlichen, die bei uns behandelt werden, werden nicht von ihren Eltern mit dem Auto gebracht. Stattdessen organisieren wir Sammeltaxis oder Kleinbusse, die unsere jungen Patienten in die Tagesklinik bringen. Die Erwachsenen werden größtenteils medikamentös behandelt und dürfen deshalb gerade während der Einstellungsphase kein Auto fahren. Freunde und Verwandte der Patienten kommen auch nicht zu Besuch. Das liegt an der Struktur einer psychiatrischen Tagesklinik.
Können Sie diese Struktur näher beschreiben?
Kopiecny: Unsere Patientinnen und Patienten kommen vormittags zwischen 8 und 8.30 Uhr zu uns und bleiben bis in den Nachmittag, bevor wir sie wieder nach Hause bringen. Die Menschen werden nicht, wie zum Beispiel in einem Krankenhaus, mehrere Tage am Stück stationär bei uns behandelt. Sie verbringen ihre therapiefreie Zeit in ihrem häuslichen Umfeld, also die Abende und das Wochenende. Dieses Modell ist für viele ein Vorteil.
Inwiefern?
Kopiecny: Durch die Zeit zuhause können sie versuchen, die Hilfestellungen, die wir Ihnen in der Therapie geben, auch gleich im Alltag anzuwenden. Zum Beispiel in Gesprächen mit dem Partner oder in sozialen Gruppen.
Birgt dieses Modell nicht die Gefahr, dass die Menschen lange Zeit mit ihren Erkrankungen oder Störungen alleine sind?
Anton Oberbauer: Deshalb wird von Ärzten geprüft, ob sich die Patienten für eine solche Einrichtung – wie in Wolfratshausen geplant – eignen. Diese Form ist nicht für jeden optimal. Für diejenigen, die für dieses Modell in Frage kommen, ist es aber eine sehr effektive Therapie-Methode.
Welche Patienten kommen nicht in Frage?
Kopiecny: Patienten, die an schweren Depressionen oder Schizophrenie leiden und ihren Alltag gar nicht mehr alleine organisieren können, brauchen eine andere Therapieform.
Oberbauer: Es gibt noch andere Ausschlusskriterien: Suizidale Patienten, Suchtmittel-Abhängige oder Menschen, die aggressiv gegen sich oder andere sind, können nicht in einer Tagesklinik behandelt werden.
Oberbauer: Es gibt noch andere Ausschlusskriterien: Suizidale Patienten, Suchtmittel-Abhängige oder Menschen, die aggressiv gegen sich oder andere sind, können nicht in einer Tagesklinik behandelt werden.
Für die Kinder und Jugendlichen gilt Schulpflicht. Wie gehen die Einrichtungen damit um?
Oberbauer: In unserer Tagesklinik werden die Kinder auch beschult. Sie erhalten Unterricht. 16 Kinder können hier einen Platz erhalten. Zwei Lehrkräfte und zwei pädagogische Hilfskräfte arbeiten in unserem Haus. Das heißt, wir könnten ganz intensiv in Vierer-Gruppen arbeiten. Meist sind es aber Gruppen von acht bis zehn Kindern, je nachdem wie sich die Altersverteilung unserer Patienten darstellt. Für die Kinder ist diese Beschulung sehr wichtig.
Warum?
Oberbauer: Die Therapie dauert oft längere Zeit. Die Jugendlichen sind in der Regel zwei oder drei Monate bei uns, manche sogar ein ganzes Schuljahr. Durch den Unterricht in den Einrichtungen geht kein Lernstoff verloren, die Struktur des Schuljahres bleibt für sie erhalten. Bestenfalls können die Jugendlichen nach der Therapie wieder am normalen Regelunterricht teilnehmen. Das ist ein Grund für die Wichtigkeit dieses Schulangebots.
Das klingt, als gäbe es noch weitere.
Oberbauer: Wir haben viele Patienten, die im Schulalltag unter Problemen leiden, durch Phobien oder Ängste zum Beispiel. Für sie ist der Unterricht, den sie bei uns erhalten, oftmals der erste seit mehreren Monaten. Dieser Schritt ist für die Kinder enorm wichtig. Wir legen auf dieses Schulangebot großen Wert.
Sie sagten, manche Kinder bleiben ein ganzes Schuljahr, andere dürfen nach zwei Monaten wieder gehen. Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle?
Oberbauer: Das liegt am Erfolg der Therapie sowie an der Schwere der jeweiligen Erkrankung.
Wie ist das bei Erwachsenen, Frau Kopiecny?
Kopiecny: Die Behandlungen dauern in der Regel vier bis sechs Wochen.
Mit welchen Erkrankungen kommen die Menschen in eine psychiatrische Tagesklinik?
Kopiecny: Unter den genannten Voraussetzungen kommt das gesamte Spektrum psychiatrischer und psychosomatischer Erkrankungen in Frage. Dabei bietet die Tagesklinik dieselben umfangreichen, multiprofessionellen Therapieangebote wie die Klinik. Nur besitzt die Tagesklinik den Vorteil, dass ich morgens komme und abends und am Wochenende in meinem sozialen Umfeld bleiben und das Erlernte gleich praktisch umsetzen kann. Viele Patienten stecken beispielsweise in Krisen nach belastenden Ereignissen – zum Beispiel dem Tod eines Lebenspartners oder dem Verlust der Arbeitsstelle. Auch Burnout, Angstzustände oder Überlastungserkrankungen sind häufig. Jede Biografie ist unterschiedlich, genauso wie die Resilienz – also die Fähigkeit, mit solchen Ereignissen umgehen zu können.
Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie bei der Fallzahl-Entwicklung?
Kopiecny: Die Pandemie hat dazu beigetragen, dass die täglichen Belastungen für viele Menschen enorm gestiegen sind. Zum Beispiel für ein Elternteil, das sich neben dem Beruf noch um die Kinder im Distanzunterricht kümmern musste.
Oberbauer: Auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist der Bedarf größer geworden, aber ich habe manchmal den Eindruck, dass das etwas zu dramatisch dargestellt wird. Wir beobachten den Trend, dass sich der Bedarf wieder normalisiert, seit die Kontaktbeschränkungen und sonstigen Hygieneschutzmaßnahmen wieder aufgehoben worden sind. Für die Zahl der Patienten in Tageskliniken ist die Corona-Pandemie nicht so ein großer Faktor gewesen.
Oberbauer: Auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist der Bedarf größer geworden, aber ich habe manchmal den Eindruck, dass das etwas zu dramatisch dargestellt wird. Wir beobachten den Trend, dass sich der Bedarf wieder normalisiert, seit die Kontaktbeschränkungen und sonstigen Hygieneschutzmaßnahmen wieder aufgehoben worden sind. Für die Zahl der Patienten in Tageskliniken ist die Corona-Pandemie nicht so ein großer Faktor gewesen.
Trotzdem hört man es immer wieder: Die Wartezeiten für therapeutische Angebote sind sehr lang. Ist der Bedarf so riesig?
Kopiecny: Dass das so ist, wurde vom bayerischen Gesundheitsministerium ermittelt. Es gibt meines Wissens nur einen psychiatrischen Facharzt in Wolfratshausen. Im ganzen Landkreis gibt es kein Krankenhaus oder eine Abteilung für diese Arbeit mit Erwachsenen. Wir rechnen in der Tagesklinik mit 250 Patienten pro Jahr, die wir teilstationär behandeln – und da reden wir nur von den Erwachsenen. Bei Kindern und Jugendlichen ist die Zahl vermutlich noch höher.
Oberbauer: Der Bedarf ist auf jeden Fall da, ja.
Kopiecny: Wir sprechen in Wolfratshausen von einem schon lange bestehenden ungedeckten Bedarf. Bisher können wir ihn größtenteils nur stationär in Agatharied abbilden.
Oberbauer: Ich würde es so formulieren: Wenn eine neue Einrichtung eröffnet wird, wird sie voll belegt sein. Zumindest dann, wenn die Betreiber genügend Personal haben. Das ist nämlich ein riesiges Thema für viele in der Branche.
Oberbauer: Der Bedarf ist auf jeden Fall da, ja.
Kopiecny: Wir sprechen in Wolfratshausen von einem schon lange bestehenden ungedeckten Bedarf. Bisher können wir ihn größtenteils nur stationär in Agatharied abbilden.
Oberbauer: Ich würde es so formulieren: Wenn eine neue Einrichtung eröffnet wird, wird sie voll belegt sein. Zumindest dann, wenn die Betreiber genügend Personal haben. Das ist nämlich ein riesiges Thema für viele in der Branche.
Woran fehlt es konkret?
Oberbauer: In unserem Fall sind es vor allem Pflegekräfte.
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Kopiecny: Aber es fehlen auch Ärzte und Therapeuten in den verschiedenen Fachrichtungen. Wir wollen gerne Physio-, Kunst-, Musik- und Ergotherapie anbieten. Dafür braucht man aber ausreichend viel und qualifiziertes Personal.
Ist die Branche so unattraktiv?
Kopiecny: Da würden Ihnen unsere langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sofort vehement widersprechen. Es ist ein sinnstiftender Beruf, in dem die Kolleginnen und Kollegen sehr viel Dankbarkeit erfahren. Sie helfen tagtäglich Menschen, ihren Alltag zu bewältigen – das spüren die Patienten. In der täglichen Zusammenarbeit mit diesen Menschen baut man eine Beziehung zueinander auf. Wer diese Beziehungsarbeit möchte, der kann in diesem Beruf sehr viel Freude und Sinn erfahren.
Wenn Menschen eine Therapie in der Tagesklinik beginnen: Welches Ziel setzen sie sich für das Ende der Therapie?
Kopiecny: Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Wir erarbeiten mit Patienten oft Etappenziele: Bei Angsterkrankungen zum Beispiel, dass sie zum ersten Mal wieder aus dem Haus gehen, dass sie wieder selbstständig einkaufen – solche vermeintlich alltägliche Dinge.
Wie groß ist die Heilungschance?
Oberbauer: Es gibt in etwa eine Drittelung bei erwachsenen Patienten in der Therapie. Ein Drittel schafft es, aus der Behandlung herauszugehen und den Alltag ohne weitere Hilfe zu bestreiten. Ein zweites Drittel ist zwar befähigt, gut mit der Störung oder der Erkrankung umzugehen, benötigt aber immer mal wieder kleine Hilfen. Und beim letzten Drittel geht man davon aus, dass die Patienten immer wieder Einrichtungen besuchen werden. Bei Kindern ist die Aufteilung anders. Da schaffen es deutlich mehr, ihr späteres Leben ohne den Besuch von psychiatrischen Einrichtungen zu gestalten. Deshalb wird in der Kinder- und Jugendpsychiatrie versucht, früh einzugreifen und genau hinzusehen. Umso einfacher wird es nämlich, den Kindern ein Leben ohne weiteren therapeutischen Bedarf zu ermöglichen.
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