VonTanja Kipkeschließen
In Österreich und Bayern entdeckte Gegenstände aus der NS-Zeit helfen, den Alltag der Menschen zu verstehen. Archäologen habe ein Positionspapier verfasst, wie mit solchen Massenfunden umgegangen werden soll.
Berchtesgaden – „Ein historischer Fund wirft Fragen auf.“ So beginnt die Geschichte eines alten Löffels und eines Kamms, die in den Trümmern der NS-Zeit gefunden wurden. Beide Gegenstände, entdeckt in Österreich und Bayern, geben Einblicke in das Leben während der nationalsozialistischen Diktatur. Sie helfen, den Alltag der Menschen zu verstehen und den Opfern ihre Würde zurückzugeben. Dies betonen Archäologen des Bundesdenkmalamtes in Wien, des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege in München und der Universität Wien. Sie fordern, solche Funde zu erhalten und zu erforschen, um die Geschichte lebendig zu halten.
Funde aus der NS-Diktatur: Archäologen aus Bayern und Österreich verfassen Positionspapier
Dafür haben sie ein Positionspapier „Zum Umgang mit materiellen Zeugnissen aus der Zeit der NS-Diktatur in Bodendenkmalpflege und Archäologie“ erarbeitet, wie aus einer Mitteilung vom Mittwoch (10. Juli) hervorgeht. „Da kaum noch Zeitzeugen leben, gewinnen archäologische Funde als materielle Zeugen der Geschichte eine immer größere Bedeutung, um die Lebenswirklichkeit von Opfern und Tätern der NS-Zeit nachvollziehbar zu machen“, sagt Prof. Dipl.-Ing. Architekt Mathias Pfeil, Generalkonservator am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (BLfD).
Die Experten unterstreichen in ihrem Bericht die Dringlichkeit, Bodendenkmäler aus der NS-Zeit zu bewahren, zu katalogisieren, zu dokumentieren und zu untersuchen. Sie betonen, dass die erhaltenen Strukturen und Funde von erheblicher historischer Relevanz sind und wie entscheidend archäologische Methoden sind, um diese Zeugnisse für zukünftige Generationen zu bewahren. Die Botschaft der Behördenvertreter wurde durch Fundmaterial aus der Tötungsanstalt Schloss Hartheim und vom Obersalzberg untermauert. Diese Funde liefern einen eindrucksvollen Einblick in den Besitz, den hochrangige SS-Offiziere und ihre Angestellten im Vergleich zu den vom Nazi-Regime verfolgten und getöteten Menschen hatten.
Der Obersalzberg
Adolf Hitler hatte am Obersalzberg einen Wohnsitz, zwischen 1933 und 1945 befand sich hier das neben Berlin wichtigste Machtzentrum der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In kurzer Zeit entstanden Anwesen für Adolf Hitler sowie für weitere NSDAP-Funktionäre, darunter Martin Bormann und Hermann Göring. Die Anlagen sowie die Siedlung der Bediensteten wurden während eines Luftangriffes der Alliierten am 25. April 1945 stark zerstört und ab 1951 teilweise abgebrochen. Das Luftwarnsystem war zu diesem Zeitpunkt ausgefallen, daher flüchteten die Bewohner offenbar überstürzt. So stellte es sich für die Archäologen dar, die im Rahmen eines Neubaus an dieser Stelle 2020 das Gelände untersuchten und auf die Hinterlassenschaften der Bewohner stießen.
Quelle: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege
Archäologische Massenfunde aus der NS-Zeit: „Lebendige Erinnerungskultur ist unerlässlich“
Auch Markus Blume, Bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, betont, wie wichtig Kooperation, Austausch und Dokumentation über die Grenzen hinweg ist. „Das gemeinsame Positionspapier zwischen Bayern und Österreich hebt den Umgang mit Massenfunden aus der Zeit des Nationalsozialismus auf eine neue Ebene“, wird er in der Mitteilung des Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege zitiert. „Eine lebendige Erinnerungskultur ist unerlässlich für das kollektive Gedächtnis unserer Nation. Sie verhindert, dass die Schrecken der NS-Diktatur in Vergessenheit geraten und mahnt zur Wachsamkeit – gerade in diesen Zeiten wichtiger denn je.“
Immer wieder werden in Bayern historische Funde entdeckt – oft auch durch zufällige Grabungen. So wurde zum Beispiel bei Arbeiten in einem Baugebiet das Skelett eines Steinzeitmenschen gefunden. Und erst vor wenigen Wochen stellten Forscher Ergebnisse einer Ausgrabung vor, bei der sie Reste eines fast 2000 Jahre alten römischen Schuhs entdeckt hatten. Von seiner Art erinnert er an Fußballschuhe. Erst Anfang Juli fand zudem ein Profi-Schatzsucher eine Handvoll Silbermünzen aus dem Mittelalter. Behalten darf er sie nach einer neuen Regelung aus Bayern nicht.
