Ebola-Krise in Sierra Leone

„Die Armen sind auf der Strecke geblieben“

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Der Salesianer Lothar Wagner (40) war während der Ebola-Krise einer der wenigen Deutschen, die die ganze Zeit über vor Ort in Sierra Leone waren. Wagner leitet in der Hauptstadt Freetown ein Zentrum für Straßenkinder. „Große Gewinner dieser Pandemie sind Autohersteller, Regierungsbeamte, Hoteliers und aus der ganzen Welt eingeflogene Beamte mit horrenden Gehältern“, sagt er.

Die Ebola-Krise in Sierrra Leone ist nun fast vorüber, aber die Menschen leiden noch immer sehr unter den Folgen. Im Interview mit unserer Zeitung berichtet der Salesianer Lothar Wagner auch darüber, wie große Hilfsorganisationen versagt haben. Im Herbst wird der 40-Jährige nach Benediktbeuern kommen.

Herr Wagner, man hört, es gibt schon wieder neue Ebola-Fälle in Sierra Leone. Ist es denn immer noch nicht vorbei?
Ebola ist noch nicht vorüber, aber Sierra Leone befindet sich auf einem guten Weg. Die Entwicklung und der Rückgang der Zahlen in den letzten Wochen geben dazu Hoffnung. Trotzdem ist weiterhin erhöhte Aufmerksamkeit und konsequentes Handeln bei allen Beteiligten geboten. Hunderte von Überlebenden leiden unter den Folgewirkungen ihrer Erkrankung wie Erblinden, Haarausfall, Stigmatisierung und vieles mehr.
Dabei sind unzählige Millionen an Hilfsgeldern geflossen, vor allem von großen Organisationen. Wo ist denn das Geld hin?
Ja, das ist eine berechtigte Frage. Es gibt eine große Distanz zwischen den sogenannten Experten großer Hilfsorganisationen und den einheimischen Menschen. Die Unsummen an Fördergeldern haben unstillbare Begehrlichkeiten geweckt. Das Wohl der Organisationen sowie deren Akteure scheint von wesentlicher Bedeutung zu sein. Große Gewinner dieser Pandemie sind Autohersteller, Regierungsbeamte, Hoteliers und aus der ganzen Welt eingeflogene sogenannte Protection Officers mit horrenden Gehältern. Es werden wenig effektive Hilfsprojekte durch die WHO oder andere UN-Organisationen gefördert. Die unmittelbar Betroffenen erreichen diese Hilfen kaum.
Das sind ja ganz schön harte Vorwürfe. Wie konnte sich so etwas entwickeln?
Es ist das System an sich. Es gibt zum Beispiel eine Symbiose zwischen lokaler Regierung und UN-Organisationen. So hat Unicef als sogenannter „Co-Chair“ den gemeinsamen Vorsitz mit der lokalen Regierung in der Bekämpfung der Ebola-Epidemie inne. Damit kann sie ja nicht mehr unabhängig sein und auf der Seite der Armen, der benachteiligten Kindern und Jugendlichen stehen, sondern ist der verlängerte Arm der Regierung. Das wissen die Wenigsten.
Was haben Sie denn ganz konkret vor Ort erlebt?
Als die WHO im medizinischen Bereich bekanntermaßen kläglich versagte, musste sich Unicef mit ihren weltweiten Hilfsgeldern Fragen gefallen lassen, ob sie rechtzeitig und entsprechend der Situation Anlaufstellen und therapeutische Zentren für traumatisierte Ebola-Waisen bereitstellen könnte. Da standen wir von Don Bosco ziemlich allein da. Anfangs der Krise verlangte Unicef sogar, dass traumatisierte Ebola-Waisen nicht länger als sechs Wochen in unserem Therapiezentrum bleiben dürfen, sondern sofort wieder zurück in ihre Familien sollten. Diese Familien gab es aber nicht mehr, und die Kinder bedurften dringender therapeutischer Hilfen, nicht nur im medizinischen Bereich, sondern vor allem im psycho-sozialen Bereich. Da zeigte sich Unicef sehr realitätsfern. 
Wie sieht’s denn eigentlich mit dem Schulsystem im Land aus? Können die Kinder schon wieder Unterricht besuchen?
Der Zugang ist vielen versperrt. Viele Familien sind durch die Ebola Krise verarmt und können das Schulgeld für die Kinder nicht zahlen. Deshalb hat die Regierung folgerichtig erklärt, dass keine Schulgelder erhoben werden dürfen, und sie die Kosten mit Hilfe internationaler Gelder übernehmen. Die Hilfsgelder hat die Regierung hierfür erhalten, aber nicht die Schüler. Derzeit gehen deutlich weniger Kinder zur Schule.
Hatte Unicef da nicht eine Aktion gestartet....?
Das kann man vielleicht eine PR-Aktion nennen, aber nicht nachhaltige Entwicklungshilfe. Unicef hatte groß angekündigt, Schulrucksäcke mit Lernmaterialien an alle Schüler zu verteilen. Die Meldung des Tages in den Nachrichten war perfekt: Unicef verteilt 1,9 Millionen gefüllte Schulranzen. Das waren am Ende Plastiktüten mit einem dicken Unicef-Logo und ein paar Schreibheften drin. Diese Hilfsmaßnahme war für mich symptomatisch für viele andere Aktivitäten: es geht um große Zahlen und PR.
Wie haben Sie das Auftreten der internationalen Medien erlebt?
Unbestritten haben die Medien für globale Solidarität gesorgt. Weltweit waren die Menschen geschockt über die schnelle Verbreitung des tödlichen Virus und viele Freiwillige haben sich gemeldet, um vor Ort zu helfen. Ich wünschte mir nun mehr den investigativen Journalismus, der über das Leid der Menschen sowie die korrupte Regierung und das zweifelhafte Agieren großer Hilfsorganisationen berichten. Das würde den Menschen, vor allem den Armen, sehr helfen, da es einfach hier an einem Korrektiv fehlt. Diese Lücke können nur die Medien schließen.
Viele Menschen im Tölzer Land nehmen großen Anteil an Ihrer Arbeit. Wie geht’s denn momentan mit den Aktivitäten in Don Bosco Fambul? Der Jachenauer Wolfgang Kofler hat Sie ja jetzt drei Monate unterstützt, wie wir im Juni berichtet haben.
Ja, Wolfgang hat uns sehr geholfen. Wir arbeiten derzeit täglich im Zentralgefängnis des Landes und Wolfgang hat dort unzählige Gespräche mit den Gefangenen geführt. Er hat dann schließlich herausgefunden, dass 79 Gefangene seit 2012 oder früher ohne Anklageschrift einsitzen. Das ist eine große Belastung mit vielen Folgen für die Gefangenen. Er hat sehr engagiert und besonnen die Öffentlichkeit auf diese Ungerechtigkeit hingewiesen. Wir führen Gespräche mit der Regierung sowie Vertretern der Justiz, um die Freilassung zu erzwingen.
Wann planen Sie ihren nächsten Besuch in Benediktbeuern?
Sobald Sierra Leone von der WHO als ebolafrei deklariert wird, besuche ich das Kloster in Benediktbeuern und werde mich dort einige Wochen erholen. Ich rechne damit ab Mitte September. Der neue Direktor im Kloster, Pater Reinhard Gesing, hat bereits ein Zimmer reserviert.

Fragen: Christiane Mühlbauer

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