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Weyarn - Im Mai 1945 kamen die Alliierten. In unserer Serie zum Kriegsende werfen wir einen Blick in die Berichte der damaligen Pfarrer. Heute: Michael Huber aus Weyarn.
Plötzlich wütete der Krieg direkt vor der Haustür: „Die amerikanischen Soldaten kamen zu uns am 1. Mai mittags zwischen 12 und 13 Uhr. Zuerst fuhren 40, andere sagten 80 Panzerwagen auf der Autobahn nach Osten“, schreibt der Weyarner Pfarrer Michael Huber in seiner Chronik, die aus Texten vom 9. und 10. Juli sowie vom 9. Dezember 1945 besteht und in dem von Peter Pfister herausgegebenen Buch „Das Ende des Zweiten Weltkriegs im Erzbistum München und Freising“ erschienen ist. „Die Gefahr war für Weyarn sehr groß, denn der Ort und die Umgebung waren voll von deutschen Soldaten und SSlern.“
Dann eskalierte die Situation. „Die Burschen in Kasperlmühle, von ihren Leitern verführt, schossen auf die Amerikaner.“ Denn die Mühle und vor allem das ehemalige Kloster dienten zuweilen als Führerschule der Hitlerjugend, als Kaserne zu vormilitärischen Übungen und zuletzt als Wehrertüchtigungslager und der Waffen-SS. Huber verabscheute diese Leute ohnehin: „Dieses Haus war immer eine große Gefahr für die Pfarrei Weyarn.“ Die Amerikaner erwiderten das Feuer schnell. Es entbrannte ein kurzer Kampf. Schnell gab es die ersten Opfer.
Plötzlich donnerte es: „Um 14 Uhr 5 Minuten sprengten abziehende SS die Autobahnbrücke zwischen Standkirchen und Darching. Die Brücke fiel vollständig herab und deren Trümmer sperrten den Weg durch das Mühlthal“, erzählt Huber. „Da die Leute bei jener Schießerei sehr verängstigt wurden und vor der Brückensprengung mit vorgehaltenen Pistolen aus den Häusern getrieben worden waren, wurde zu dem sterbenden Müller kein Priester geholt.“
Vier deutsche Soldaten und ein Müllergeselle verloren bei dem Einmarsch ihr Leben. „Die Toten in Mühlthal wurden in Mitterdarching beerdigt, denn der Weg zu uns war ja versperrt.“ Auch danach mussten die Bürger einiges ertragen: „Eine Härte war es für die Bevölkerung, dass von den Amerikanern Häuser ganz oder auch teilweise beschlagnahmt wurden, wobei die Bewohner für einige Tage oder auch Wochen ausziehen mussten.“
Immerhin: „Im Pfarrbezirk Weyarn sind während des Krieges durch Fliegerangriffe Personen, Kirchen und kirchliche Gebäude nicht zu Schaden gekommen“, resümiert Huber. Und: „Den beiden Geistlichen der Pfarrei wurde in den unruhigen Tagen keinerlei Unrecht zugefügt.“ Auch Plünderungen blieben aus. Während der gefährlichen Zeit waren die Ignaz-Günther-Werke ausgelagert.
Sein allgemeines Fazit lautet: „Der Zweite Weltkrieg hat sich in Weyarn nicht viel anders ausgewirkt als sonst in den Orten des bayerischen Oberlandes.“ Viele Familien hätten jahrelang Angst um Väter und Brüder auf dem Feld gehabt. Manche leider zurecht: „So kann man sagen, dass die Zahl der Gefallenen 26 betrage, wie im Krieg von 1914 auf 1918.“ Doch damit nicht genug. „Es ist aber sicher damit zu rechnen, dass von den Vermissten manche tot sind“, schreibt er weiter.
Der Mangel an Lebensmitteln hatte im Laufe der Jahre den Bürgern der Pfarrei mächtig zu schaffen gemacht. Die Last der landwirtschaftlichen Arbeit lag auf den Schultern der zurückgelassenen Alten. Diese bekamen allerdings Hilfe: „Von den zugeteilten ausländischen oder kriegsgefangenen Arbeitern waren Franzosen und Serben meist willig uns fleißig“, schreibt Huber. „Auch Polen gewöhnten sich vielfach so an unsere Familien, dass ihnen der Abschied beim Kriegsende schwer wurde.“
Von Marlene Kadach

