Interview mit Dr. Birgit Wahl

„Betroffene fallen in ein Loch“: Ärztin betreute Menschen bei Hochwasser – spricht über psychische Not

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Materieller Schaden des Hochwassers ist sichtbar. Doch was macht es mit der Psyche der Menschen? Dr. Birgit Wahl, die fachliche Leiterin der Psychosozialen Notfallversorgung der BRK-Bereitschaft Bayern, gibt darauf Antworten.

Freising – Sie war den Menschen im Ahrtal eine große Stütze in ihrer Verzweiflung nach der Flut: Dr. Birgit Wahl, die Leiterin der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) der BRK-Bereitschaft aus Neufahrn. Jetzt hat ihren Heimatlandkreis Freising ein verheerendes Hochwasser heimgesucht. Und auch hier war sie aktiv, um den Menschen in ihrer Not beizustehen. Die Ärztin gibt im FT-Gespräch einen tiefen Einblick in die menschliche Psyche und erklärt, wann es an der Zeit ist, sich professionelle Hilfe zu holen.

Hochwasser in Freising: Ärztin spricht über Psyche der Menschen

Frau Wahl, in Allershausen gab es am Donnerstag inmitten der Aufräumarbeiten ein spontanes Konzert. Während sich im Hintergrund die Sperrmüllberge aus den hochwassergeschädigten Häusern türmten, saß einer am Schlagzeug, das aus einem der Keller gerettet worden war, und spielte. Wie wichtig sind solche Momente in der Krise?
So ein Hochwasser ist ein unglaubliches Ereignis, das das ganze Leben durcheinanderwirft. Die Menschen erleben eine Extremsituation. Das Leben läuft im Moment nicht mehr normal ab. In all dem Chaos wünscht sich jeder ein bisschen Normalität. Solche Momente sind also extrem wichtig. Da setzt sich einer spontan inmitten des Chaos ans Schlagzeug, auch wenn alles kaputt ist. Es ist gut für die Seele, auf diese Weise einen unbeschwerten Moment zu spüren, bevor ich wieder in mein Chaos zurück muss. Es ist wie eine Pause, damit die Seele einmal kurz durchschnaufen kann. Eine super gesunde Reaktion des Menschen.
Ganz besonders viel Einfühlungsvermögen war bei der Evakuierung des Seniorenheims in Allershausen (unser Bild) nötig. Denn alte Menschen sind oft nicht nur körperlich auf Hilfe angewiesen, sondern können die ernste Situation aufgrund ihres Alters oft nicht mehr voll erfassen.

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Erleben Sie solche Situationen in Ihrer täglichen Arbeit öfter?
Ja, das ist ein natürlicher Mechanismus unseres Körpers: Zu schauen, worauf kann ich gerade zurückgreifen. So etwas gibt uns in Krisensituationen das Gefühl, trotz allem handlungsfähig zu sein. Das erlebe ich auch, wenn wir von der PSNV zusammen mit der Polizei Todesnachrichten überbringen und dann mehrere Stunden bei diesen Menschen zuhause verbringen. In dieser Zeit schauen wir, dass die Betroffenen selbst etwas tun, damit sie sofort spüren ,Ich bin noch handlungsfähig.‘ Und sei es nur ein Telefonat, um jemandem zu erzählen, was passiert ist. Andere fangen an, die Wohnung aufzuräumen. Oft sind es Dinge, die von außen gesehen völlig verrückt erscheinen. Aber es zeigt den Betroffenen, selbstwirksam zu sein.

Wie Betroffene nach dem ersten Schock mit dem Hochwasser in Bayern umgehen

Haben Sie eine Prognose, wie so eine psychische Ausnahmesituation sich nun weiterentwickelt? Kommt das böse Erwachen der vom Hochwasser Betroffenen nach dem ersten Schock noch?
Das kommt ganz darauf an, ob die Leute psychische Widerstandsfähigkeit haben. Im Moment ist es für viele vielleicht noch wie im Film, das Geschehene gar nicht real. Wenn der Mensch über eine gute psychische Konstitution verfügt, kann er das alleine bewältigen. Wobei für jeden ein gutes, soziales Umfeld sinnvoll ist. Es ist wichtig, jemanden zum Reden zu haben, Menschen, die einen auffangen. Das kann auch ein Seelsorger oder die Krisenintervention sein. Es ist wichtig, in solchen Situationen nicht allein zu sein.
Und wer psychisch nicht so stabil ist?
Wer davor schon Sorgen hatte, wer niemanden hat, mit dem er darüber reden kann, oder auch Menschen, die nicht versichert sind: In all diesen Fällen ist es möglich, dass die gesunden Mechanismen, um aus der Krise herauszukommen, erst einmal nicht greifen. Die Betroffenen fallen dann in ein Loch. Für all jene ist es besonders wichtig, nicht allein zu sein, sondern Hilfe angeboten zu bekommen.
Gibt es konkrete Hilfsangebote für Betroffene?
Das Landratsamt Freising ist gerade dabei, eine Stelle einzurichten, in der psychologische Hilfe angeboten wird. Das wird in dieser Woche anlaufen und dann bekanntgegeben. Man will etwas anbieten, wo die Leute sich niederschwellig und schnell hinwenden können.
Was kann ich als Angehöriger oder als Bezugsperson für jemanden tun, der nach dem Hochwasser psychisch angeschlagen ist?
Ich denke, es ist wichtig, nicht einfach zu sagen: Der- oder diejenige braucht jetzt Ruhe oder hat genügend andere Dinge zu tun, da ruf ich besser nicht an. Mein Rat: anrufen, fragen, ob und was derjenige braucht oder sich auch aktiv anbieten, zuzuhören. Betroffene sagen dann schon ganz konkret, was sie brauchen. Was den Menschen oft auch enorm hilft, ist der Zusammenhalt im Ort und in der Nachbarschaft, um zu sehen, dass ich nicht allein bin damit – und eben auch, um zu fragen: „Wie schlimm ist es bei Dir? Wie geht es Dir damit?“
Aus psychologischer Sicht: Was passiert da gerade mit den Menschen?
Man spricht da von einer akuten Belastungsreaktion, ein Zustand, der in den ersten Tagen einsetzt und bis zu vier Wochen andauern kann. Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Ängstlichkeit sind in dieser Phase völlig normal. Das ist alles nicht schön, aber deshalb ist man nicht psychisch krank. Hält dieser Zustand jedoch länger als vier Wochen an und verstärken sich die Symptome, ist es anzuraten, sich professionelle Hilfe zu holen. Dies wäre zum Beispiel der Fall, wenn sich jemand völlig zu isolieren beginnt oder auf ein paar Regentropfen Wochen und Monate nach dem Hochwasser noch mit Panik zu reagiert – kurz: wenn man sich selbst nicht wiedererkennt. Grundsätzlich sollten bei Menschen mit einer guten Konstitution und einem guten psychischen Gerüst die Symptome der akuten Belastungsreaktion mit der Zeit weniger werden. Wenn sie jedoch immer schlimmer werden und unter Umständen immer mehr Dinge hinzukommen und man seinen Alltag nicht mehr wie vor dem Hochwasser bewältigen kann, bedarf es Hilfe.

Anlaufstellen bei psychischer Not: Hausarzt, Kristendienst, Psychotherapie

Und die finde ich wo?
Erster Ansprechpartner kann der Hausarzt sein. Es gibt auch einen psychiatrischen Krisendienst, der 24 Stunden täglich telefonisch zu erreichen ist oder die Beratungsstelle für psychische Gesundheit der Caritas. Und im nächsten Schritt sind das natürlich Fachärzte oder etwa eine Psychotherapie, in der man lernt, das Geschehene zu verarbeiten. Ich würde mir wünschen, dass jeder, der Hilfe braucht, so schnell wie möglich Hilfe bekommt.
Sie waren bei der Evakuierung des Seniorenzentrums in Allershausen mit dabei. Was haben Sie da erlebt?
Altenheime sind ein sehr sensibler Bereich bei solchen Krisen. Da sind Menschen, die körperlich auf Hilfe angewiesen sind und aufgrund ihres Alters die Situation oft nicht mehr gut erfassen können. Die haben ganz andere Bedürfnisse und Ängste als jemand, der selbstständig seinen Koffer packen und sich auf den Weg machen kann. Und da sind aber auch die Mitarbeitenden, die sich um die Heimbewohner kümmern möchten, die aber oft auch privat betroffen sind und nicht wissen, wie in ihrem Zuhause die Lage ist. Da ist es für alle Beteiligten besonders wichtig, dass da jemand ist, dem man seine Sorgen erzählen kann. Jedes beruhigende Wort tut den Menschen gut. Da kommen auch viele Fragen auf, etwa wie es den Angehörigen geht, und ob die Bescheid wissen, dass die Senioren verlegt werden.
In welcher Ausnahmesituation die Menschen in den Überschwemmungsgebieten sind, erklärt Dr. Birgit Wahl, die Fachliche Leiterin der PSNV des BRK Bayern.
Die Evakuierung ist aber ohne besondere Vorkommnisse über die Bühne gegangen?
Die Bewohner waren alle sehr aufgeregt. Viele negativ, einige auch positiv. Eine nette ältere Dame ist auf mich zugekommen und hat gesagt, sie hätte nie gedacht, dass sie so ein Abenteuer noch erleben darf. Sie hat sich wirklich gefreut über ein bisschen Action. Eine Kollegin des KIT-Teams hat mir erzählt, dass eine andere Seniorin sie zur Seite genommen hat und meinte, ihr Freund, der ebenfalls im selben Seniorenheim wohnt, würde gleich nachkommen und sie hätten gerne ein Doppelzimmer dort, wo sie jetzt hingebracht werden. Dies sind kleine Episoden, in denen man trotz der schlimmen Lage wieder merkt, dass man als Helferin und Helfer alles richtig gemacht hat.

Zusammenhalt der Menschen nach dem Hochwasser in Freising

Ist der Zusammenhalt, den die Menschen jetzt an den Tag legen, nachhaltig? Zehren die Betroffenen langfristig davon?
Ich glaube schon, dass das die Leute zusammenschweißt. Wünschenswert wäre es, dass jeder nach Jahren auf dieses Ereignis zurückblicken und für sich sagen kann, aus dieser schlimmen Zeit gestärkt herausgegangen zu sein. Dass diejenigen, die eine Traumatisierung erlitten haben, Hilfe bekommen. Das Schlimmste, was passieren könnte, ist, dass man nach Jahren zurückschaut und sagt, es war niemand für mich da. Das darf auf keinen Fall passieren. Der Zusammenhalt in den schwer betroffenen Gebieten des Landkreises war enorm hoch. In kürzester Zeit ist jeder untergekommen, da wurde für Nachbarn Essen gekocht, die es besonders schwer getroffen hat. Da sind etwa im Haus des Kindes in Hohenkammer, wo eine erste Anlaufstation eingerichtet war, viele tröstende Gespräche gelaufen.
Sie sind ja selbst im Krisenstab. Können Sie uns da einen Einblick geben?
Ich habe hautnah erlebt, dass alle Beteiligten alles tun, um den Menschen zu helfen. Allein für das BRK sind über 500 Helferinnen und Helfer im Einsatz. Jeder ist gekommen – von der Wasserwacht, den Feuerwehren, BRK, JUH, THW, Polizei einfach alle –, um rund um die Uhr dazu beizutragen, der Bevölkerung zur Seite zu stehen. Das Landratsamt hat alles sehr gut koordiniert. Schade ist es manchmal, wenn die Menschen das vor Ort gar nicht so mitbekommen, weil man nicht an jeder Tür klopfen kann.
Das Engagement der Freiwilligen vor Ort geht ja oft über das normale Maß hinaus.
Ich habe so viel mit den Ehrenamtlichen gesprochen, da waren so viele, die bis zur völligen Erschöpfung gearbeitet haben. Da waren Helferinnen und Helfer, die haben ihre Schuhe ausgezogen und sind durch kniehohes Wasser gelaufen, um anderen zu helfen. Die Rettungskräfte sind bis an ihre Grenzen gegangen.
Für die kommenden Tage ist für die Region wieder Regen angesagt. Was raten Sie den Betroffenen, die jetzt Angst haben, dass alles wieder von vorne los gehen könnte?
Es ist für alle wichtig zu wissen, dass alle Hilfskräfte noch immer in Alarmbereitschaft sind. Jeder ist zu jeder Zeit bereit, dieselbe Hilfe, die geleistet wurde, wieder zu leisten. Es ist nicht so, dass die Rettungskräfte ihre Sachen einpacken und sich denken, da wird schon nichts mehr passieren. Freilich wird es jetzt eine Zeit dauern, bis wieder Normalität einkehrt. Und wie eingangs schon erklärt, ist Ängstlichkeit so kurz nach so einem Ereignis völlig normal. Wer Angst hat, sollte schauen, dass er nicht allein ist und jemanden hat, mit dem er reden kann.

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