- VonAndrea Kästleschließen
Die Künstlergruppe Spur ist eine der wichtigsten Zusammenschlüsse von Kunstschaffenden in Deutschland überhaupt. Sie hat international für Aufsehen gesorgt. Zwei ihrer Gründungsmitglieder lebten auch in Pullach und Baierbrunn.
Pullach/Baierbrunn - Die 1968er waren noch nicht mal in Sichtweite, da stellten ihre Mitglieder sich schon gegen „das gute Gewissen, den fetten Bauch und die Harmonie“. Gleichzeitig suchten sie nach neuen Wegen einer „polydimensionalen“ Kunst, die abstrakte Malerei allein schien ihnen uninteressant. Zwei von ihnen, Helmut Sturm und Lothar Fischer, haben ihre Zelte letztlich im Isartal aufgeschlagen. Wie sie wurden, was sie dann waren – nämlich Professoren an Kunstakademien – und worum es ihnen in der rebellischen Zeit gegangen ist: Das erfährt man am Montag, 20. Juni, in dem Film „Wir sind die Maler der Zukunft“, den das Geschichtsforum Pullach im Bürgerhaus zeigt. Beginn 19 Uhr, Eintritt frei.
Frischen Wind in den Mief der Adenauer-Ära bringen
Der Film von Sabine Zimmer wurde erstmals beim Dokfilmfest in München vor drei Jahren gezeigt. Damals hat ihn Angelika Bahl-Benker, die Vorsitzende des Geschichtsforums, gesehen und war sehr beeindruckt von der Arbeit der Beteiligten. Ansonsten wunderte sie sich: „Helmut Sturm ist ein weltbekannter Künstler. Aber in Pullach, wo er wohnte, weiß kaum jemand von ihm.“ Das wollte sie ändern, wenigstens im Rahmen eines Filmabends.
Seinen Anfang nahm „Spur“ 1957. Von vier Gründungsmitgliedern kamen drei aus der Oberpfalz, Sturm und Fischer nämlich und Heimrad Prem, der sich später tragischerweise das Leben nahm. HP Zimmer, der auch noch dazugehörte, war Berliner. Alle waren sie in den 30er Jahren geboren worden, sie hatten den Krieg als Kinder erlebt. Und jetzt wollten sie frischen Wind reinbringen in den Mief von Adenauer-Deutschland. Alle studierten an der Kunstakademie München.
Ein Flugblatt sorgt für Aufregung
Es dauerte nicht lang, da erregten sie mit einem ersten Flugblatt („Ein kultureller Putsch – während Ihr schlaft!“), mit ihrem „Gaudi-Manifest“ und anderen Aktivitäten auch international Aufsehen. Und Nervosität im hiesigen Kultusministerium. Sie waren unermüdlich am Diskutieren, nächtelang saßen sie zusammen und redeten und schrieben und feierten, und ständig fuhren sie im Gruppenbus umher, zeigten eigene Sachen in Ausstellungen, sahen sich andere Ausstellungen an und schlossen sich der linken „Situationistischen Internationale“ an.
Kunst-Prozess
Richtig groß wurde der Wirbel, den sie verursachten, im November 1961, als sechs Ausgaben ihrer Zeitschrift, die auch Spur hieß, beschlagnahmt wurden und sie sich selbst wiederfanden als Angeklagte vor Gericht wegen Gotteslästerung und Religionsbeschimpfung. Der Spur-Prozess war der erste Kunst-Prozess der Nachkriegszeit und zog sich ewig hin. 1975 wurden alle Beteiligten freigesprochen. Im Film sagt der Galerist Klaus Lea: „Plötzlich war in München Weltrevolution.“
Angesehen in der Kunstszene
Vielleicht ist das sehr Besondere an den Aktivisten: dass sie auch künstlerisch sehr viel zu sagen hatten - und sich schnell etablierten in der Kunstszene. Schon 1964 waren Sturm, Fischer und Prem auf der Documenta in Kassel vertreten, international wurden sie in den angesehensten Galerien gezeigt. Fischer wurde später einer der bekanntesten Bildhauer in Deutschland, und Neumarkt, seine Heimatstadt baute ihm in den Nullerjahren ein eigenes Museum. Das zeigt allein schon seine Bedeutung. An diesem Museum hat er selbst mitgeplant, die Inhalte mitkonzipiert, aber es war ihm nicht mehr vergönnt, die Eröffnung zu erleben. Er starb vier Tage vorher in Baierbrunn, am 15. Juni 2004.
Er und Sturm hatten Lehrstühle übertragen bekommen an den Akademien in München (Sturm, ab 1985) und Berlin (Fischer, ab 1975). Schon vorher war Sturm 1962 nach Pullach gezogen. Mit seiner Frau Maria Matuella bekam er drei Kinder. Er gab in seinem Haus zusammen mit einem Kollegen, Willi Wieprsek, Malkurse für Kinder, und in den Jahren 1969 und 1970 unterrichtete er zusätzlich am Gymnasium des Katholischen Familienwerks. Malen war für ihn suchen. Fischer siedelte sich nach ihm im Isartal an, 1979 kaufte er in Baierbrunn ein denkmalgeschütztes Anwesen.
Skulptur von Fischer in Baierbrunn
Auch der Verlag Wort & Bild, wie so viele Städte und Gemeinden, hat von Fischer eine Arbeit erworben, das „Große gesockelte Paar“ kennt jeder, der mal auf der Hauptstraße durchs Dorf gefahren ist.
1968, als Studenten aller Fachrichtungen die Spur der „Spur“ aufnahmen und sich auflehnten gegen die zubetonierte Zeit, löste sich die Künstlervereinigung auf. Nach Prem war 1992 auch HP Zimmer gestorben. Helmut Sturm, der heuer 90 geworden wäre, lebte bis 2008. Zur Filmvorführung am Montag haben sich seine Tochter, die Architektin Katharina Sturm, und Christel Fischer, die Witwe des Bildhauers, angekündigt.
Ausstellung
Wer Arbeiten von Helmut Sturm im Original sehen will, hat dazu noch bis zum 29. Juni Gelegenheit. Die Akademie der Schönen Künste in München zeigt eine kleine Auswahl seiner großflächigen Gemälde, Collagen und Grafiken.