VonDieter Dorbyschließen
Die Geschichte Miesbachs ist ein spannendes, aber leicht zu bestellendes Feld. Nachdem die Mehrheit des Miesbacher Stadtrats im Mai dieses Jahres einen Bürgerantrag von Lisa Hilbich abgelehnt hatte, die NS-Vergangenheit der Stadt aufarbeiten zu lassen, geht die Miesbacherin dieses Thema nun mit einigen Mitstreitern selbst an.
Miesbach – Ziel ist die Gründung einer „Geschichtswerkstatt Miesbach“, die nun gegründet werden soll. Im Interview erklärt die Initiatorin die Hintergründe.
Frau Hilbich, wie kam es zur Idee der Geschichtswerkstatt?
Ich habe von vielen Mitbürgern positives Feedback bekommen, verbunden mit der Ansicht, man sollte sich damit auseinandersetzen. Aber um etwas auf die Beine zu stellen, muss einer den Hut aufhaben.
Seitens der Stadt hat es ja nicht geklappt. Jetzt starten Sie das Projekt in Eigenregie. Welche Zeit haben Sie besonders im Blick?
Die Zeit ist bewusst ganz offen gelassen. Man muss sehen, wer kommt und wer welche Interessen und Schwerpunkte hat. Aber natürlich bewegt die Zeit des Nationalsozialismus. Das hat ja auch die Diskussion um die Wandgemälde im Parsberger Altwirt gezeigt. So eine Werkstatt ist eine gute Gelegenheit auch zu sehen, was es schon gibt. Einige haben beispielsweise großes Interesse an sogenannten Stolpersteinen. Euthanasieopfer können ein Thema sein, ebenso Gemeinderatsmitglieder, die ins Konzentrationslager mussten. Und natürlich Familiengeschichten und Zeitzeugen.
Wie sollen die Ergebnisse denn veröffentlicht werden?
Ich denke, dass man da offen sein muss für jede Form. Toll wäre natürlich eine Ausstellung. Leider haben wir ja kein Museum, also muss man schauen, wo das stattfinden könnte. Die Ergebnisse sollen jedenfalls nicht im Ordner verschwinden. Sie sollen vielmehr weitere Grundlage sein für weitere Forschung. In Rosenheim wurden auch schon Stolpersteine verlegt. So etwas würde ich mir wünschen – als Anstoß für Stadt und Gesellschaft.
Im Zuge solcher geschichtlichen Untersuchungen gibt es oft auch Befürchtungen, dass unreflektiert Geschichten aus der Vergangenheit in die Öffentlichkeit gezerrt werden, die die heutigen Generationen belasten, obwohl diese gar nichts getan haben. Ein Problem?
Es stimmt. Es muss ein seriöser Umgang mit Geschichte sein, der nicht polarisiert. Aber warum soll man nicht dazu stehen? Es gab damals sehr viele NSDAP-Mitglieder. Dem kann man sich als Familie stellen. Diese Bewegung kam aus der Mitte der Gesellschaft. Darüber kann man heute vorwurfsfrei diskutieren. Und es wäre auch gut zu analysieren: welche Strukturen haben geholfen, einen solch großen Einfluss zu erlangen? Was kann man für heute daraus lernen? Die Geschichtswerkstatt ist auch ein Angebot für Schulen und Lehrer – und für alle, die sich dafür interessieren.
Und wenn das Interesse am Ende vielleicht gar nicht so groß ist in der Bürgerschaft?
Wenn kein Interesse vorhanden sein sollte, ist das so. Diese Auftaktveranstaltung ist ein Blindflug. Aber wenn ich an das bisherige Feedback denke, ist Interesse da..
Der Termin
Zur Geschichtswerkstatt treffen sich Interessierte am morgigen Donnerstag um 19 Uhr im Bunten Haus, dem Foyer der evangelischen Kirche, Rathausstraße 8 in Miesbach.
