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Heute lesen die Drag-Künstler Vicky Voyage und Eric Big-Clit in der Stadtbibliothek Bogenhausen – eine umstrittene Veranstaltung. Wir haben mit Eric BigClit gesprochen. Er kommt aus Salzburg, ist 33 Jahre alt und heißt bürgerlich Alice Möschl.
Herr BigClit, man kennt Sie als Alice Möschl, Alice Moe und Eric BigClit. Wer sind Sie wirklich?
Eric BigClit: Ich bin darstellende Künstlerin und habe zurzeit zwei Charaktere. Alice Moe ist eine eher öffentliche Figur, die zum Beispiel bei Podiumsdiskussionen auftritt. Eric BigClit dagegen ist eine Drag-Persönlichkeit und divers, wunderschön. Ich kann mit ihm vieles ausprobieren.
Sind Sie als Mann oder Frau geboren?
Auf so was antworte ich nicht.
Da Sie sich BigClit (dt.: große Klitoris) nennen, fragt man sich nun mal: Hat er überhaupt eine?
Eric BigClit ist ein Kunstcharakter. Sein Name lässt Fantasien entstehen und die möchte ich dem Betrachter nicht wegnehmen. Ich will Zauber verbreiten, den Horizont öffnen. Die Zuschauer sollen neue Aspekte in sich entdecken, die sie noch nicht kennen. Was ich selbst zwischen den Beinen habe, geht dabei niemanden etwas an. Sagen wir so, ich definiere mich als genderfluid. Alles was drunter und drüber ist, da fühle ich mich wohl. Ich habe Verständnis, dass das nicht so einfach zu verstehen ist. Aber das ist gut, so reden wir miteinander und lernen uns kennen.
Ihre Kostüme sind oft überbordend pompös und teils ein wenig angsteinflößend. Wie wollen Sie in der Stadtbibliothek Bogenhausen auftreten?
Wenn ich ein Kinderbuch vorlese, kostümiere ich mich nicht als mächtiger Drag-King, das ist doch klar. Ich habe Sozialarbeit studiert, schon viele Workshops mit Kindern und Jugendlichen gemacht – ich weiß, dass die Kleinen da womöglich Angst bekommen. Ich würde bei der Lesung gerne ausschauen wie eine Märchenfigur, wie ein Prinz. Ich werde wohl ein neues Kostüm dafür kreieren. Wahrscheinlich wird es ins Blaue gehen. Ich freue mich schon auf die freudigen Gesichter!
Aus welchen Büchern lesen Sie vor?
Die Stadtbibliothek stellt die genaue Liste online. Aber etwas kann ich verraten: Ich lese aus dem „Kleinen Prinzen“ von Saint-Exupéry. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ ist eine tolle Botschaft. Es wird viel ums Herz gehen. Da bin ich ganz kitschig. Diejenigen, die die Veranstaltung so sehr kritisieren, wären wahrscheinlich völlig enttäuscht und gelangweilt.
Wie verkraften Sie den Rummel um die Lesung? Sind Sie bedroht worden?
Ja, es gab über die sozialen Medien Androhungen von körperlicher Gewalt. Oder die Aufforderung, ich solle die Kinder in Ruhe lassen. Was stellen sich diese Leute vor? Kindesmissbrauch ist ein ernstes Thema, da muss die Gesellschaft dringend eine Lösung finden. Stattdessen wird es an Menschen weitergetragen, zu denen es nicht hingehört.
Haben Sie schon überlagt, abzusagen?
Nein, es ist wichtig, präsent zu sein. Ich lese doch nur in einem Outfit Bücher vor!
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Gab es auch positiven Zuspruch?
Ja, ich hatte auch viele gute Gespräche. Einige haben sich nach ihrem ersten Gefühlsausbruch bei mir entschuldigt. Das hat mich gefreut, da gab es einen Lernprozess. Und die Erwähnung in der „Heute Show“ war natürlich spitze.
Vor der Bibliothek wollen unter anderem die AfD und eine private Drag-kritische Gruppe demonstrieren. Fürchten Sie um Ihre Sicherheit?
Nein, ich vertraue auf den gesunden Menschenverstand. Die meisten Menschen sind nicht böse, sondern einfach gestresst. Wir haben schwierige Zeiten, die Leute haben Angst. Außerdem passt die Stadtbibliothek gut auf uns auf. Wie genau, das darf ich aus Sicherheitsgründen nicht sagen.
Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter sagte, er würde mit seinen Enkeln nicht zu Ihrer Lesung gehen. Finden Sie München prüder als zum Beispiel Linz oder Graz?
Ich habe schon das Gefühl, dass München ein Problem mit LGBTQ-Themen hat. Das war früher nicht so. Vor 20 Jahren war alles viel offener, höre ich öfter. Da sieht man, was der Einfluss der Medien aus den Menschen macht.
Was sagen Sie zur aktuellen Diskussion: Soll die CSU mit einem Wagen an der Polit-Parade des Christopher Street Days teilnehmen dürfen?
Es ist schwierig, wenn eine Partei eigentlich gegen etwas ist und sich dann einmal im Jahr plötzlich dafür ausspricht. „Pink Washing“ nennt man das, und es sieht sehr nach Wahlkampf aus. Ich habe Verständnis, wenn die Veranstalter sich ernsthaft überlegen, ob die CSU eigentlich wirklich für queere Leute ist. Das muss man schon ausdiskutieren. Für immer Nein zu sagen, finde ich aber nicht okay. Alle sollen am selben Strang ziehen!
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