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Opfer fordert: Katholische Kirche in Eichenau muss Missbrauch aufarbeiten

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Vor der Pfarrkirche „Zu den Heiligen Schutzengeln“ in Eichenau steht Richard Kick. Als Ministrant wurde er hier vom Kaplan sexuell missbraucht. Die Kirche hat der 66-Jährige seither nicht mehr betreten. Wenn die Kirche Aufarbeitung ernst nimmt, muss sie in jeder Tätergemeinde Nachforschungen anstellen Richard Kick, Missbrauchsbetroffener
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Das Trauma von Richard Kick begann, als er acht Jahre alt war. Über lange Zeit wurde er vom damaligen Kaplan Georg Pitzl sexuell missbraucht.

Eichenau – Der 66-Jährige Kick fordert nun eine Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in Eichenau – und ruft mögliche weitere Betroffene auf, sich zu melden.

Eichenau ist noch immer seine Heimat. Trotzdem. Oder jetzt erst recht. Richard Kick, der seit 60 Jahren in der Pendlergemeinde lebt, fühlt sich wohl in dem Ort. Die Kirche zu den Heiligen Schutzengeln aber, die hat er seit seiner Jugend nicht mehr betreten. Denn diese Schutzengel haben den kleinen Richard nicht behütet: Er wurde als Ministrant im Alter von acht bis zwölf Jahren vom damaligen Kaplan Georg Pitzl über Jahre schwerst sexuell missbraucht.

Mit voller Wucht zurück

2010, als der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Deutschland ans Licht gezerrt wurde, kam auch bei Kick die verdrängte Erinnerung an das unfassbare Verbrechen mit voller Wucht wieder zurück. Er saß vor dem Fernseher, sah die Berichterstattung und „plötzlich sind mir die Tränen runtergelaufen“. „Die sprechen ja von mir“, schoss es ihm durch den Kopf.

Seither ist Kick unermüdlich unterwegs: Er hat selber eine Traumatherapie durchgestanden, setzt sich mit dem Ordinariat, mit Kardinal Reinhard Marx und dessen Generalvikar Christoph Klingan auseinander, ist Sprecher des Betroffenenbeirats im Erzbistum, holt die Politik zur Missbrauchsaufarbeitung ins Boot – und hat gerade erst mit acht weiteren Missbrauchsbetroffenen eine international beachtete Radpilgerreise zum Papst unternommen.

Nicht mit der Keule

„Historisch für das Erzbistum“ habe Kardinal Marx die Tour genannt, weil die Betroffenen nicht als wütende Opfer unterwegs waren, sondern dem Papst ihr beschädigtes Herz in Form eines Kunstwerks überreichten. Sie kamen mit einem Herzen, nicht mit der Keule. Kick und seine Wegbegleiter riefen den Papst auf, klare Zeichen gegenüber Tätern und Bischöfen zu setzen, die ihrer Verantwortung bis heute nicht gerecht geworden sind. Franziskus reichte ihnen die Hände und hörte aufmerksam zu.

Auch drei Wochen danach ist Kick noch sichtlich berührt von der Begegnung mit dem Papst. Sein Glauben hat auch durch die Taten von Pitzl nicht gelitten, wohl aber sein Vertrauen zur Institution. Der Eichenauer wird nicht müde, die Amtsträger bei ihrer Verantwortung zu packen. Diejenigen, die Täter geschützt und nur versetzt hatten an andere Orte, an denen sie sich weiter an Kindern vergehen konnten.

Aufarbeitung

In den ersten Jahren nach 2010 wollte Kick nicht, dass sein Wohnort veröffentlicht wird. Wie würden die Eichenauer reagieren? Inzwischen steht der 66-Jährige zu seiner Vergangenheit. Vielmehr drängt er nun darauf, dass auch die katholische Schutzengel-Gemeinde das dunkle Kapitel aufarbeitet.

Als Kick acht Jahre alt war, begann der Albtraum. Im Zeltlager der Ministranten war Pitzl 1964 der einzige Erwachsene, und er hatte ein Auge auf Richard geworfen. „Es ging los, dass er kontrolliert hat, ob die Badehose noch feucht war, dann sollte ich mich ausziehen und so weiter“, erzählt Kick. Und so weiter – das heißt regelmäßiger Missbrauch, er nötigte den Buben zum Oralverkehr. In Zeltlagern, bei Ausflügen, sogar in der Sakristei nach Taufen oder Hochzeiten. Richard Kick traute sich nicht, mit seinen Eltern darüber zu sprechen, war doch der Kaplan Kartenspezl seines Vaters und gern gesehener Gast im Hause. Wer würde ihm glauben?

Mit Fahnenabordnung

Der Kaplan war doch der Mann Gottes. Über 50 Jahre später ist Kick als Betroffener von sexualisierter Gewalt durch einen Priester anerkannt. Sein Peiniger Georg Pitzl ist 2019 mit 88 Jahren gestorben – als unbescholtener, hochgeachteter Geistlicher wurde er in Emmering beigesetzt. „Mit Fahnenabordnung und allem Tamtam“ – eine Tatsache, die bei Kick bis heute Übelkeit auslöst. Denn das Erzbischöfliche Ordinariat wusste spätestens seit 2012 aus einem Bericht des damaligen obersten Kirchenrichters Lorenz Wolf, dass Pitzl ein Täter ist und nach Rom gemeldet werde müsse.

Doch kirchlich sanktioniert wurde der pädophile Priester nie. Erst 2017 hatte Kardinal Reinhard Marx den Fall nach Rom gemeldet, aber der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, sah die Taten als verjährt an. Marx solle selber disziplinarische Maßnahmen ergreifen. Kick hat dazu den kompletten Briefwechsel. Geschehen sei aber nichts. „Und Pitzl hat seine Taten nicht nur in Eichenau begangen. Er war auch Pfarrer in Schnaitsee, Waldhausen und Walpertskirchen“, sagt Kick. Er ist überzeugt: Dort ist es weitergegangen mit dem Missbrauch von Kindern.

Schweigen und Vertuschen

Nach einer Dokumentation auf dem Sender Arte mit dem Titel „Schweigen und Vertuschen“ am 11. April meldete sich bei Richard Kick eine Frau. Sie ist als junges Mädchen bei der Beichte von Pitzl bedrängt worden: Sie solle erzählen, ob sie schon einen Busen habe. Was sie mit ihrer Schwester abends im Bett mache. „Sie sagte mir, dass sie das ihr ganzes Leben verfolge – und sie will es jetzt öffentlich machen.“ Der Anruf der Frau ist für Kick ein Beweis dafür, dass Pitzl noch viel mehr Unheil angerichtet hat.

„Wenn Kirche Aufarbeitung wirklich ernst nimmt, dann muss die Kirche proaktiv in den Tätergemeinden Nachforschungen anstellen, Pfarrgemeinderäte informieren, den Ortspfarrer auffordern, das in einer Predigt mal anzusprechen“, sagt Kick. All das ist in Eichenau noch nicht geschehen. Man müsse in jeder Gemeinde in Bayern, in der ein Täter war, die Kirchengemeinde ansprechen und die Betroffenen dazu aufrufen, sich zu melden. „Ich habe jetzt ein Signal aus dem Erzbischöflichen Ordinariat München, dass man hier in Eichenau eventuell im Herbst eine Andacht macht und anschließend ein Gespräch im Pfarrheim führt.“ Vielleicht komme sogar der Kardinal.

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Damals, nachdem bei Kick die Erinnerungen wieder aufgebrochen waren, hatte er dem Ordinariat noch fünf weitere potenzielle Opfer genannt und sich dem damaligen Pfarrer Albert Bauernfeind anvertraut. Der inzwischen auch schon verstorbene Seelsorger habe Pitzl besucht und Kick ausrichten lassen, dass Pitzl mit ihm sprechen wolle. „Wenn es um Geld gehe, wäre das kein Problem“, ließ Pitzl ihn wissen. Kick war damals noch nicht so weit, seinem Peiniger gegenüberzutreten. „Heute würde ich mit der Polizei kommen“, sagt er.

Viele Zuschriften

Viele Freunde von damals haben Richard Kick geschrieben, nachdem er seine Geschichte publik gemacht hatte. Jetzt wussten sie, warum er sich so zurückgezogen hatte. Warum er alkohol- und tablettenabhängig gewesen war und sein Leben zunächst nicht in den Griff bekommen hatte. Heute hat Richard Kick die Scham und die langjährigen Schuldgefühle überwunden. Mehrere Therapien haben ihm dabei geholfen. „Und meine tolle Frau.“

Jetzt will der Eichenauer selber helfen und die ermuntern, die Ähnliches erlitten haben in ihrer Kindheit, das Schweigen zu überwinden und die Täter beim Namen zu nennen. Richard Kick hofft nun auf einen Termin im Herbst, an dem in Eichenau die Missbrauchstaten durch Priester dem Verschweigen entrissen werden.

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