Ein bisschen Nostalgie schwingt mit

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Ulrike Göpfert hatte mit Jan Marberg den Leitungsjob zwei Monate gedoppelt.

Die Stimmung ist entspannt bei Ulrike Göpfert. Die Neu-Rentnerin – bis vor kurzem Leiterin der Stadtbücherei – ist allerdings darauf bedacht, nicht neben ihren Ex-Kolleginnen zu sitzen. Denn dann würde sie wohl doch nostalgisch, gesteht sie. „Wir waren ein bisschen wie Familie.“

Weilheim – Als sie 1985 erstmals Mitarbeiterin der Bücherei wurde, sei diese noch neben dem Rathaus untergebracht gewesen – dort, wo heute die Stadtkapelle übt. „Na ja, in diesen engen Räumlichkeiten wäre ich wohl nicht so lange geblieben“, meint Göpfert und erinnert sich dann doch an eine kuriose Episode, die es nur mit dem alten Standort geben konnte: „Damals gingen die Zeitschriften-Abos einfach in den Rathaus-Briefkasten. Und einmal waren auf dem Titelbild einer Testzeitschrift Damenbinden drauf. Dieses Cover gab damals Unverständnis bis Entsetzen – oder auch Irritation, was das denn überhaupt sein sollte.“

Sie selber behält noch ihr „Einstiegsgeschenk“ in Erinnerung: Eine Sehnenscheidenentzündung. „Denn in den ersten Monaten mussten wir die Karteikarten noch auf einer mechanischen Schreibmaschine tippen.“ Kurz darauf sei ein elektrisch gestütztes Schreibgerät gekommen, „soooo ein Kasten“ sagt sie, und misst mit ihren Händen fast einen ganzen Meter Breite ab.

Bücherei vorher gut angeschaut

Bald sei dann der alte Bräuwastl-Stadl als neuer Standort ins Gespräch gekommen. „Bei der ersten Besichtigung war ich maßlos entsetzt“, gesteht sie. Doch nach dem fertigen Ausbau sei die anfängliche Skepsis bald der Liebe gewichen. „Ich vermisse das Gebäude täglich, vor allem das Flitzen über die Treppen“, meint Göpfert, die in ihrer kommenden Freizeit durchaus dynamisch bleiben will: Mit Hund und Mann in die Berge, zudem will sie gern einen Sonnenacker pachten, denn das Arbeiten mit Pflanzen sei ein wunderbarer Ausgleich, und vielleicht wolle sie auch wieder mit dem Chor-Singen anfangen.

Da fragt man natürlich, Ausgleich wofür, wenn doch der Arbeitsstress nun wegfällt. „Ausgleich für’s Krimilesen“, gibt Göpfert unumwunden zu, denn dieses Hobby pflege sie tatsächlich gerne. Sie zählt Lieblingsautoren auf: Fred Vargas, Henning Mankell, Minette Walters – „nur die Eberhofer-Krimis, die schaue ich lieber im Fernsehen.“

Es gab auch Kurioses

Eine andere Leidenschaft von ihr sei die Verhaltensforschung gewesen. Für die Werke von Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeldt habe sie schon im Alter von rund 15 Jahren eine Sonderberechtigung für die Ausleihe aus der Stadtbücherei in Schweinfurt gehabt, wo sie aufwuchs.

Gern erinnert sie sich an die Veranstaltungen in der Weilheimer Bibliothek, von der Märchenstunde bis zum Poetry Slam: Events, die sie zwar nicht erfunden, aber gern unterstützt habe. Daneben gab es die vielen technischen Neuerungen, die sie miterlebte, von neuen Medien – „am Anfang gab es Kinderhörspiele noch auf Musikkassette“ – bis hin zu neuen EDV-gestützten Verwaltungs- und Such-Tools. Allerdings habe ihre Technikbegeisterung Grenzen: „Beim Schmökern will ich echte Seiten in der Hand haben, und vor allem: da geht das Lesen auch noch, wenn einmal der Strom ausfällt.“ Und daher seien ihr am liebsten auch die Erinnerungen an die Menschen, denen sie durch ihren Langmut und durch ihre Stöber-Unterstützung eine Freude machen konnte. Auch Kurioses habe es oft gegeben: „Aber würde ich darüber erzählen, könnte man die Personen womöglich wiedererkennen, und das möchte ich nicht.“ Freilich, so gibt sie zu, könnte sie ihre Erlebnisse literarisch verfremden – rein theoretisch, denn praktisch verspüre sie zum Schreiben einfach keinen Drang. „Man braucht also nicht befürchten, dass von mir ein Buch rauskommt“, meint Göpfert und lacht.

Nachfolger will neue Impulse setzen

Nachfolger Jan Marberg hat inzwischen eine Neuerscheinung übers Skifahren dazugeholt, schließlich möchte er das aktuelle Angebot im Blick behalten. Der bei Köln geborene, aber in Oberfranken aufgewachsene 34-Jährige hat sich bei seiner Bewerbung im Sommer das Haus gut angeschaut. „Ich muss bei einer neuen Stelle etwas Positives für die Zukunft erspüren“, sagt Marberg, dem der Eindruck in Weilheim gefiel. Derzeit sondiert er Chancen auf verschiedene Fördermittel von Land und Bund, „denn wer weiß, wie lange die Kultur noch Mittel bekommt.“

Er selber hat seine Ausbildung in Germering absolviert, ist also mit Oberbayern schon etwas warm geworden. Nun will sich Marberg erst einmal mit den Abläufen und Gegebenheiten des „sehr schönen Hauses“ vertraut machen, bevor er vielleicht neue Impulse setzt. Die Leitung einer Bücherei sei jedenfalls eine perfekte Tätigkeit: „Man muss hier keine Produkte verkaufen, sondern kann den Besuchern Werte vermitteln und ihnen Neues zeigen.“

Göpfert ergänzt ganz vertraut: „Das hast du schön gesagt.“ Dennoch will die scheidende Folianten-Managerin vorerst nicht so oft in der Stadtbücherei auftauchen. „Ich möchte keinesfalls eine ,Graue Eminenz’ in diesem Haus werden, sondern erst einmal Abstand gewinnen.“

Andreas Bretting

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