VonPatrick Staarschließen
Es ist vier Meter hoch, zwei Meter breit und lässt keinen kalt: das neue Feldkreuz im Moor beim Kloster Benediktbeuern. Es wurde von einer Berliner Familie gestiftet, diente einst als Requisit für einen Film von Luis Trenker und erinnert heute an die Kriegsgefangenen, die bei der Arbeit im Moor ums Leben gekommen sind.
Benediktbeuern –Pater Karl Geißinger, Rektor des Zentrums für Umwelt und Kultur (ZUK), nahm in den vergangenen Tagen immer mal wieder auf der Sitzbank neben dem Kreuz Platz. Er wollte beobachten, wie Passanten darauf reagieren. Die Reaktionen fielen recht eindrucksvoll aus: „Ich hab’ Radfahrer gesehen, die auf dem Weg dahingerast sind. Als sie das Kreuz gesehen haben, haben sie eine Vollbremsung gemacht und sind abgestiegen.“ Auch Schulklassen seien von dem Kreuz berührt und schockiert, „weil es nicht so geglättet ist. In dem Kreuz werden die Grausamkeit, die Sinnlosigkeit und der gewaltsame Tod sichtbar.“ Er wertet die Reaktionen als Zeichen, dass das Kreuz genau an der richtigen Stelle steht.
Das Benediktbeurer Feldkreuz ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. So gibt es in Oberbayern keines, das ähnlich aussieht. Es stammt aus Südtirol. In Auftrag gegeben hat es die Bergsteiger-Legende Luis Trenker, der es als Requisit für einen seiner Filme benötigte. „Meinen Großvater hat das Kreuz sehr angesprochen und berührt“, sagt der Berliner Martin Lindner im Rahmen der Einweihungsfeier am Samstag. Also kaufte es der Großvater Ende der 20er-Jahre und ließ es in seine Villa nach Grünwald transportieren. Dort hing es bis vor zwei Jahren im Treppenhaus. Dann starb Lindners Vater, und das Haus wurde aufgelöst.
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Die Frage lautete nun: Wohin kommt das Kreuz? In der Kirche in Grünwald fand sich kein geeigneter Platz. Dann kam ein Umzug nach Mecklenburg-Vorpommern ins Gespräch. Schließlich schlug Lindners Schwiegervater vor, beim Kloster Benediktbeuern anzufragen – und Pater Geißinger griff zu. Das Kreuz wurde von den Gaißacher Werkstätten Wiegerling restauriert und wetterfest gemacht. Geißinger machte sich dafür stark, dass das Kreuz am Benediktbeurer Moor-Rundweg aufgestellt wird. „Pater Geißinger hat gezeigt, dass er den bayerischen Verdienstorden völlig zurecht trägt“, sagt Lindner. „Es gibt immer Widerstände und Bedenkenträger, aber er hat sich durchgesetzt. Nur mit diesem Einsatz kann man Dinge vorantreiben.“
Geißinger schlug auch vor, dass das Kreuz an all die Menschen erinnern soll, die bei den Arbeiten im Moor ums Leben gekommen sind. So habe das Kloster-Gebäude in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Gefängnis für Schwerverbrecher gedient. Diese Menschen hätten bis drei Meter tiefe Entwässerungsgräben ziehen müssen, um landwirtschaftliche Nutzflächen zu schaffen. Einige seien dabei ums Leben gekommen, „aber man weiß keine Namen“. Während des Zweiten Weltkriegs mussten Kriegsgefangene die gleiche Arbeit erledigen, wieder kamen Menschen ums Leben, wieder weiß man nicht ihre Namen. „Gott sei Dank sind sie mit der Arbeit nicht fertig geworden“, sagte Geißinger. „Den letzten Stich zur Loisach haben sie nicht geschafft.“ So kann das Kloster nun Wanderungen in eine schöne Moor-Landschaft anbieten.
Sein Großvater wäre mit der Wahl des neuen Standorts in Benediktbeuern sicher zufrieden gewesen, sagte Lindner. „Er war ein großer Patriot und hätte sich sicher gefreut, dass das Kreuz in Bayern bleibt.“ Dass das Kreuz an die Gefangenen erinnert, hätte er ebenfalls gut gefunden, „denn er hat sich im Widerstand engagiert und war bei der Freiheitsaktion Bayern“.
