VonTobias Gmachschließen
Der Pflegebonus belohnt Mitarbeiter von Kliniken, in denen zehn Corona-Patienten im Jahr 2021 länger als 48 Stunden beatmet wurden. Die Starnberger Pflegekräfte gehen leer aus – wegen eines einzigen Falls zu wenig.
Starnberg – Exakt 2203,82 Euro sind es für Pflegefachkräfte in Vollzeit, für Intensivpfleger 3305,73 Euro. Steuerfrei. Gutes Geld und Wertschätzung für Menschen, die in der Corona-Pandemie täglich schuften, damit das Gesundheitssystem nicht kollabiert. Der im Sommer vom Bund beschlossene Pflegebonus wird heuer in 837 deutschen Kliniken ausbezahlt. Doch die Mitarbeiter im Klinikum Starnberg gehen leer aus. Das ist in diesem Fall besonders tragisch. Denn wäre dort im Jahr 2021 nur ein einziger Covid-19-Patient länger beatmet worden, dann hätten die Pflegekräfte das Geld erhalten.
500 Millionen Euro stellte die Bundesregierung bereit – aber nur für Krankenhäuser, in denen im vergangenen Jahr mehr als zehn Patienten wegen Corona länger als 48 Stunden beatmet wurden. „Aus medizinischer Sicht ist das Unsinn“, findet Dr. Thomas Weiler, Geschäftsführer des Verbunds Starnberger Kliniken. Er erzählt im Gespräch mit dem Merkur auch, dass in Starnberg 2021 eben „nur“ neun Menschen länger als 48 Stunden am Beatmungsgerät hingen. „Dabei ist es doch sinnvoll, Patienten möglichst wenig zu beatmen. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen“, betont Weiler. Studien zeigten im Laufe der Pandemie, wie belastend die künstliche Beatmung ist – und dass etwa die Hälfte der Patienten sie nicht überlebt. Bei alten Menschen war die Quote den Untersuchungen nach sogar noch höher. Konsens ist: Beatmung kann Leben retten – aber sie sollte das letzte Mittel sein.
Starnberger Klinik-Chef: „Medizinische Versorgung steht im Mittelpunkt“
Was das knappe Verpassen der Pflegeboni laut Klinik-Chef Weiler zeigt? „Sie sehen daran, dass die Qualität der medizinischen Versorgung für uns im Mittelpunkt steht.“ Also dass auf der Intensivstation niemand aus finanziellen Gründen auf die Uhr schaut, wann endlich die 49. Stunde anbricht. Aber anders gefragt: Wie fatal wäre das, wenn eine Klinik die Gesundheit von Menschen aufs Spiel setzt, um das Gehalt der Mitarbeiter aufzubessern? Das Starnberger Krankenhaus hat laut Weiler auch so manchen Patienten zur Beatmung in die Lungenfachklinik in Gauting überwiesen – weil sie dort fachlich besser aufgehoben seien. Auch deshalb fehlte am Ende ein Patient.
Den bundesweiten Pflegebonus gibt es erst seit heuer. Corona-Prämien gab es schon 2020 und 2021, auch für Starnberger Pflegekräfte, wie Klinik-Sprecher Stefan Berger auf Nachfrage bestätigt. Die Summen seien etwas geringer gewesen, sagt Weiler. Berger berichtet, dass von den Häusern der Starnberger Kliniken, zu denen auch die Krankenhäuser Seefeld und Penzberg gehören, nur die Schindlbeck-Klinik in Herrsching die Bedingungen des Pflegebonus erfüllt habe. Dort bekamen die genannten Berufsgruppen, die Intensiv- und Pflegefachkräfte, die rund 3300 beziehungsweise 2200 Euro laut Berger „mit der Oktober-Abrechnung“. Teilzeitkräfte erhalten das Geld anteilig.
Anderer Bonus bringt mehr - zumindest Intensivpflegekräften
Dass die Gautinger Asklepios-Lungenfachklinik die Bonus-Bedingungen erfüllt hat, ist nicht überraschend. Rund 700 Corona-Patienten wurden dort seit Pandemiebeginn stationär versorgt. Sprecher Christopher Horn teilt auf Nachfrage mit: „Der Klinik wurde ein Sonderleistungsbetrag in Höhe von etwas über 287.000 Euro zur Verfügung gestellt, den wir mit dem Gehaltszettel im Oktober anteilig an unsere berechtigten Pflegekräfte ausgezahlt haben.“ Außerdem hätten die Mitarbeiter auch den Intensivpflegebonus sowie die Covid-19-Sonderzahlung des Freistaats erhalten.
Immerhin mit diesen Mitteln rechnen auch die Starnberger Kliniken. Die Intensivpflegekräfte könnten laut Geschäftsführer Weiler dadurch bis zu 5000 Euro erhalten. Die Covid-19-Sonderzahlung sei je zur Hälfte für Klinik-Mitarbeiter und Sachkosten vorgesehen. Über genaue Summen konnte Weiler noch keine Auskunft geben.
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