Blick in die Geschichte

Ein Stausee im Leitzachtal: Darum wäre es fast dazu gekommen

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Einen Staudamm vor der Haustür hätten die Wörnsmühler einst bekommen sollen.
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Das Interesse Münchens am Miesbacher Wasser erhitzt die Gemüter. Nicht zum ersten Mal, wie ein Blick in die Geschichte zeigt. So wäre es fast zu einem Leitzach-Stausee gekommen.

Fischbachau – Viel hat nicht gefehlt, und Fischbachau würde heute an einem See liegen. Ein 1,3 Kilometer langes und – je nach Pegelstand – bis zu 17 Meter tiefes Gewässer im Drachental. Bei Hochwasser hätte der Staudamm bei Wörnsmühl bis zu 20 Millionen Kubikmeter Wasser zurückhalten und das Leitzachtal auf einer Länge von fünf Kilometern fluten können. Rund 18 Millionen Mark hätte das Megaprojekt der Obersten Baubehörde des Freistaats verschlungen – und 250 Hektar Bauernland obendrein. Der Unterlauf der Leitzach wäre hingegen weitgehend trockengefallen, wie der Neue Miesbacher im März 1962 berichtet.

Die ersten Pläne zum Staudamm tauchten schon acht Jahre zuvor auf. Zwei Ziele hätte er erfüllen sollen: die Hochwasserspitzen der Leitzach abfedern und damit – quasi als Nebeneffekt – die Grundlage für eine Stromgewinnung durch die Stadtwerke München schaffen. Der Widerstand der Leitzachtaler ließ nicht lange auf sich warten. Vor allem die Landwirte fürchteten um ihre Existenzen, da etliche ihrer Höfe im künstlichen See versenkt worden wären.

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Der Unmut speiste sich aber noch aus einer anderen Quelle: dem Einfluss der Stadtwerke. Genau jener habe nämlich die Hochwasserproblematik am Unterlauf der Leitzach überhaupt erst heraufbeschworen, wie Landrat Dr. Walter Königsdorfer bei der Gründungsversammlung der Schutzgemeinschaft Leitzachtal im Dezember 1963 erklärte. Ab den Stellen, an denen die Stadtwerke München das Leitzachwasser zur Stromgewinnung Richtung Seehamer See abzweigen würden, sei die natürliche Vegetation am Fluss abgestorben. Das räche sich, wenn bei Starkregen große Wassermassen durch das kahle Bett schießen und dabei alte Ufer mitreißen würden. Das Gelddenken früherer Jahrzehnte, so Königsdorfer, habe zu „getöteten Flüssen“ geführt.

Mit einer Zeichnung hat die Heimatzeitung im März 1962 das Projekt illustriert.

Den Argumenten der Befürworter des Projekts, ein Stausee könne ja auch einen schönen Anblick und damit einen Mehrwert für den Fremdenverkehr bringen, schenkten die Leitzachtaler keinen Glauben. So würde sich bei Niedrigwasser eine „grauenvolle Schlammkrawatte“ zeigen, der einer verwüsteten Landschaft gleiche, mahnte Landrat Königsdorfer. Dennoch fürchtete er einen harten Kampf gegen das Projekt. „Wir sehen uns in der widerspruchsvollen Lage, gegen etwas sturmlaufen zu müssen, was vernünftig ist.“

Doch die Leitzachtaler rüsteten sich für den Widerstand. 90 Unterschriften trug das Gründungsprotokoll der Schutzgemeinschaft, auch der Kreistag stimmte für einen Beitritt. Unterstützung sagte auch Landtagsabgeordneter Anton Staudacher zu. Er versprach, sich für eine Hochwasser-Verbauung des Unterlaufes der Leitzach einzusetzen – und damit dem Staudammprojekt indirekt das Wasser abzugraben. Sogar unter Tage formierte sich eine Front gegen die Mauer. Die Haushamer Bergleute fürchteten, ein Aufstauen des Wassers könnte die Sicherheit ihrer Stollen bedrohen. Ein gewichtiges Veto legte auch die Regierung von Oberbayern ein. Sie erklärte die „Kreisverordnung zum Naturschutz des mittleren Leitzachtals“ für vollziehbar.

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Bis zum endgültigen Aus des Leitzachsees sollten aber noch etliche Jahre der Unsicherheit ins Land gehen. Im Juli 1969 vermeldete der Miesbacher Merkur, der Hochwasser-Rückhaltespeicher sei endgültig vom Tisch. Die wechselhafte Führung des Wildwassers Leitzach und die Rutschgefahr der Hänge über dem Drachental hätten zum Zurückstecken der Planer geführt.

Die Ruhe währte bis zur Jahrtausendwende. Im Jahr 2000 stand ein weiterer Staudamm zur Debatte. Diesmal ging es um eine 950 Meter lange und 26 Meter hohe Mauer, die zwischen Naring und Holzolling errichtet werden sollte, wie in der Chronik des Arbeitskreises Geschichte in Weyarn nachzulesen ist. Und wieder stand der Hochwasserschutz im Fokus, diesmal allerdings für die Gemeinden des unteren Mangfalltals. Doch erneut setzten sich Politiker, Verbände und nicht zuletzt die Bürger zur Wehr – und auch dieser Eingriff in die Gewässerlandschaft wurde verhindert.

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