VonDieter Dorbyschließen
Aus Sicht des Denkmalschutzes ist Miesbach ein kulturhistorisches Schatzkästchen. Dies zeigte sich kürzlich auch beim Besuch der mittelfränkischen Landtagsabgeordneten Sabine Weigand (Grüne).
Miesbach – Im Rahmen einer Denkmalschutztour stattete sie als Mitglied des Landesdenkmalrats sowie des Ausschusses für Wissenschaft und Kunst auch der Kreisstadt einen Besuch ab.
Kreisbaumeister Christian Boiger nutzte die Gelegenheit, neben dem Kinderhaus im Kloster ein Kleinod zu präsentieren, dessen weitere Entwicklung erst noch geklärt werden muss: das ehemalige Café Kern, das sich zwischen Frühlingstraße und Marienplatz befindet und seit vielen Jahren leer steht, nachdem es die Familie Kern bis 2006 geführt hatte. Dabei stehen nicht die beiden vorderen Gebäude zur Frühlingstraße im Fokus des Denkmalschutzes, sondern der rückwärtige Saal, der 1936 den beiden 1914 erbauten Häusern hinzugefügt worden war.
Gebäude im Privatbesitz
Bei der Tour konnte das Gebäude, das sich in Privatbesitz befindet, zwar nicht innen besichtigt werden, doch das war kein Problem. Denn ein für Boiger zentrales Element kann jedermann vom Marienplatz aus betrachten: das Fresko von Heinrich Bickel unter dem Dach.
Wie der Kreisbaumeister erläutert, zeigt die Szene die Hochzeit zu Kana, heimatlich interpretiert: Die Braut stammt mutmaßlich aus dem Oberland, während der Bräutigam dem breitkrempigen Hut nach wohl aus Tirol stammen dürfte. Mit Blick auf die Bauzeit während des Dritten Reichs wertet Boiger den Bau als Protest-Architektur: „Das war ein Statement – weg vom Wilhelminischen Protz. Gleichzeitig wurde die regionale Architektur aufgegriffen.“ Noch deutlicher werde das beim Fresko. „Es bekennt sich zur Kirche in einer Zeit, in der man sich von der Kirche distanziert hatte.“ Die Personen seien nicht im Nazi-Stil groß, kräftig, strahlend dargestellt worden, sondern feingliedrig und normal proportioniert – „also keine Hände wie Schraubstöcke, keine germanischen Helden“. Dazu der Bräutigam aus Tirol in der Trachtenstadt Miesbach, was für grenzübergreifende Gemeinschaft stehen könnte. Insgesamt strahle das Bild Glauben, Nächstenliebe und Gemeinschaft aus, sagt Boiger. „Der Auftraggeber sagt aus heutiger Sicht: Ich bin kein Brauner.“
Bauwerke aus dieser Zeit sind rar
Bauwerke aus dieser Zeit seien rar, ergänzt der Architekt. Nur sehr wenige seien nicht im NS-Stil gebaut worden und erhalten geblieben. Beim Café Kern komme hinzu, dass der Saal auch innen „herausragende Bedeutung“ habe, weil auch Fenster und Wandleuchten erhalten geblieben sind. Dieses stimmige Gesamtbild mache den Saal auch zum Einzeldenkmal, während die beiden vorderen Häuser lediglich dem Ensembleschutz der Miesbacher Innenstadt unterliegen.
Dieser Unterschied ist wesentlich, erklärt Boiger: „Beim Ensembleschutz ist nur die Hülle geschützt. Innen könnte man umbauen. Das ist beim Einzeldenkmal nicht möglich.“ Hier sei die Nutzung engeren Grenzen unterworfen. Und der Eigentümer sei gesetzlich verpflichtet, für den Erhalt des Denkmals zu sorgen. Jedoch betont der Kreisbaumeister, dass dies nicht bedeute, dass man „eine Käseglocke darüberstülpt“. Vielmehr sei es der Anspruch des Denkmalschutzes im Landkreis Miesbach, im Dialog mit allen Beteiligten gute, machbare Lösungen zu finden. „Wir können als Landratsamt nur im Miteinander mit Eigentümer und Stadt beraten.“ Dabei warte die Behörde nicht, bis ein Antrag eingehe, sondern nehme von sich aus Kontakt auf, um in einen Austausch zu kommen. Das sei auch beim Café Kern geschehen. Über die Interessen auf Eigentümerseite könne er aber nicht sprechen: „Das ist Privatsache.“
Denkmäler sollen gelebt und geliebt werden
Eines sei jedoch klar: Denkmalschutz kostet Geld. Im Idealfall, sagt Boiger, sollen die Denkmäler gelebt und geliebt werden. Ein Anspruch, den er sich auch beim Café Kern in der Miesbacher Innenstadt für die Zukunft wünscht. Wobei er generell eine Lanze für das Sanieren bricht: „Bis zu zehn Prozent des CO2-Ausstoßes gehen auf die Herstellung von Zement zurück. Ein Neubau hinterlässt also einen deutlichen ökologischen Fußabdruck. Eine Sanierung ist da die harmlosere Variante. Vor allem, wenn man einfach baut, mit regionalen Baustoffen wie Holz.“
Denkmäler könnten deshalb ein Beispiel sein für eine lange Nutzung und Lebenserwartung von Gebäuden. „Man kann viel machen“, stellt Boiger fest. „Das gilt auch bei Denkmalschutz und Einzeldenkmälern.“
