VonAndreas Thiemeschließen
Manfred Genditzki saß 13 Jahre im Gefängnis, wurde dann aber doch wegen Mordes freigesprochen - und vom Freistaat entschädigt. Von dem Geld erfüllte er sich jetzt einen lang gehegten Wunsch.
München - Er saß 13 Jahre zu Unrecht wegen Mordes im Gefängnis - dafür wurde Manfred Genditzki (63) kürzlich vom Freistaat entschädigt. Der frühere Hausmeister erhielt exakt 368 700 Euro ausbezahlt - rein rechnerisch also je 75 Euro für 4916 Tage erlittene Haft.
Von dem Geld erfüllte sich der frühere Hausmeister jetzt einen großen Wunsch: ein neues Auto, mit dem er Ausflüge machen kann - samt der ganzen Familie. „Diese Zeit ist mir heilig“, sagt Genditzki. „Meine Familie und die Kinder habe ich hinter Gittern am meisten vermisst. Meine Frau war schwanger, als ich 2008 verhaftet wurde - heute ist meine Tochter 14 Jahre alt. Und meine Enkel hatte ich noch nie gesehen. Das wird jetzt alles nachgeholt.“
Manfred Genditzki wurde für 13 Jahre Haft vom Freistaat entschädigt
Rund 67 000 Euro kostet ein Hyundai Santa Fe Plugin Hybrid, den sich Genditzki nun leistete. Seit rund einem Jahr ist er nach seinem Freispruch in Freiheit, seither habe er „vor allem gearbeitet“, sagt Genditzki. Am Tegernsee ist er Fahrer für die örtliche Käserei. „Frühmorgens bin ich schon unterwegs.“
Zeit für Urlaub bleibt nicht - denn Genditzki braucht das Geld. Die Haftzeit hat ihn und seine Familie finanziell arg geschröpft. Neben der Haftentschädigung will er vom Freistaat jetzt auch noch Entschädigung für die Jahre, in denen er nicht arbeiten und nicht in die Rente einzahlen konnte. Zudem will seine Anwältin Regina Rick den damaligen Gerichtsgutachter in Regress nehmen. Insgesamt könnten Genditzki also mehr als eine Million Euro Schadensersatz zustehen.
Nach der Haftentlassung hatte sich der 63-Jährige eigentlich einen gebrauchten Chevrolet gekauft, doch der wurde in einem Hagelsturm am Tegernsee kürzlich zum Totalschaden. „Diese zwölf Minuten Gewitter waren heftig“, sagt er. Faustgroß seien die Körner gewesen.
Beim Termin im Autohaus blickte Genditzki am Freitag auch offen auf seine Haftzeit zurück. Elektroautos kenne er schon von Transporten in der Wäscherei - neu waren für ihn nach der Haft aber Navigations-Apps. „Eine wunderbare Erfindung. Das nutze ich jeden Tag“, sagt Genditzki, der 2008 verhaftet worden war. „Damals konnte man nur nach Karten fahren.“
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„Ich liebe Navigationsapps“: Was Genditzki nach seiner Haft neu im Alltag entdeckte
Die Arbeit hinter Gittern habe ihm Kraft und Ablenkung gegeben, sagt Genditzki. „Täglich von 5 bis 16 Uhr. Zehn Jahre in der Wäscherei und vier Jahre war ich Hausarbeiter. Mit den Beamten der JVA Landsberg habe ich mich gut verstanden.“
Und jetzt? In Freiheit? „Ich lebe genauso wie früher“, sagt Genditzki. „Warum soll ich etwas ändern? Ich habe nichts falsch gemacht im Leben.“ Gertenschlank erzählt Genditzki von den neuen Alltagsplänen. Ins Fitnessstudio will er - mit der ganzen Familie. „Hinter Gittern habe ich auch trainiert. Mit und ohne Gewichte.“ Liegestütze etwa. Ein junger Häftling habe ihm eine Wette angeboten: „Er wollte 50 Stück machen. Ich schaffte 51. Das war mein Ziel. Immer eine mehr als er.“
Der Badewannen-Mordfall: Warum Genditzki früher verurteilt wurde
Vom Landgericht München II war Genditzki 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil der frühere Hausmeister angeblich eine 87-Jährige ertränkt hatte, um die er sich in einer Wohnanlage in Rottach-Egern zuvor gekümmert hatte. Nach damaliger Überzeugung des Schwurgerichts hatte Genditzki der Seniorin in deren Wohnung nach einem Streit auf den Kopf geschlagen und sie dann in der Badewanne ertränkt. Diese Tat hat er stets bestritten - bis heute. Vom Landgericht München I wurde Genditzki Anfang Juli dieses Jahres dann komplett rehabilitiert - selbst die Staatsanwaltschaft München I forderte Freispruch. So endete der Wiederaufnahmeprozess dann auch. Genditzki war erleichtert, aber nicht euphorisch, denn „die 14 Jahre sind weg“, sagt er auch heute noch.
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Rubriklistenbild: © THOMAS PLETTENBERG

