VonMike Schierschließen
Am Freitag beginnt in München die Fußball-Europameisterschaft. Zum Eröffnungsspiel werden Zehntausende Schotten in der bayerischen Landeshauptstadt erwartet.
München – Party ist garantiert. Für die britische Botschaft bedeuten vier Wochen Fußball-EM aber Ausnahmezustand. Ein Gespräch mit Botschafterin Jill Gallard über Völkerverständigung, Hooligans und verlorene Pässe.
Frau Gallard, 2017 spielte Celtic Glasgow beim FC Bayern – der Marienplatz war den ganzen Tag lang eine einzige trunkene, aber freudige und friedliche Partyzone. Auf was sollte sich München nächsten Freitag einstellen?
Jill Gallard: Ich glaube, die Atmosphäre wird wunderbar sein. Für uns ist die Partie als Eröffnungsspiel auch deshalb so toll, weil es seit 70 Jahren eine Städtepartnerschaft zwischen München und Edinburgh gibt. Deshalb wollen wir dieses Eröffnungsspiel ganz besonders feiern. Wir planen auch ein Fest, mit der wir die besondere Verbindung von Bayern und Schotten feiern wollen.
Schotten kommen für EM-Eröffnung nach München: Botschafterin schwärmt von „besonderer Verbindung“
Worin besteht diese besondere Verbindung?
Viele Schotten denken bei Deutschland zuerst an München und nicht an Berlin. Das Bier, die Berge, die grüne Landschaft ....
... und natürlich Kilt und Lederhose.
Ja, das auch (lacht). Die Euphorie ist jedenfalls riesig. Diese Woche haben wir hier in der Botschaft den Geburtstag unseres Königs gefeiert. Einer der Gäste war ein junger Schotte, der von Glasgow zu Fuß nach München läuft. Im Kilt. Dabei hat er noch gar kein Ticket ....
Wahrscheinlich reisen viele ohne Tickets an.
Ja. Schotten wie Engländer. Wir rechnen mit bis zu einer halben Million Briten während der Europameisterschaft in Deutschland. Je weiter die Teams kommen, desto mehr werden es natürlich. Es ist das erste große Sportfest seit Covid in Europa. Für die Briten ist dabei auch praktisch, dass man mit dem Zug nach Köln fahren kann. Und in Nordrhein-Westfalen finden auf kleinem Raum viele Spiele statt.
Sechs Partien finden in München statt
- 14. Juni, 21 Uhr: Deutschland - Schottland (Gruppe A)
- 17. Juni, 15 Uhr: Rumänien - Ukraine (Gruppe E)
- 20. Juni, 15 Uhr: Slowenien - Serbien (Gruppe C)
- 25. Juni, 21 Uhr: Dänemark - Serbien (Gruppe C)
- 2. Juli, 18 Uhr: Achtelfinale
- 9. Juli, 21 Uhr: Halbfinale
Fußball-EM in München: Ausschreitungen von Hooligans sollen verhindert werden
Die schottischen Fans genießen in Deutschland einen deutlich besseren Ruf als die englischen. Bei der Weltmeisterschaft 2006 gab es in Stuttgart schwere Ausschreitungen deutscher und englischer Hooligans. Fürchten Sie bei der EM eine Wiederholung?
An diesem Ruf trägt nur ein kleiner Teil der englischen Fans Schuld. Wir haben in den letzten Jahren viel daran gearbeitet, um das unter Kontrolle zu bekommen. Inzwischen werden gegen Hooligans oder Gewalttäter im Sport vor Turnieren Reiseverbote verhängt. Sie können auch – zumindest auf legalem Weg – keine Tickets für die Spiele kaufen. Wir tun, was wir können.
Wie sieht die Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden aus?
Wir teilen Informationen, außerdem sind 40 bis 50 unserer Beamten in Deutschland vor Ort. Ähnlich läuft die Zusammenarbeit übrigens mit Blick auf die Olympischen Spiele in Paris.
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„Wir sind optimistisch, dass die Fans aufpassen“
Eine halbe Million Fans bedeutet für Botschaft und Konsulat in den nächsten Wochen sicher Ausnahmezustand.
Das ist viel Arbeit. Es geht zunächst mal um ganz praktische Informationen: Was braucht man für die Reise? Wo sind die Fanzonen? Muss ich vorher ein Zugticket reservieren? Wir sind sehr froh, dass wir einige Nationalspieler für unsere Kampagne in den sozialen Netzwerken gewinnen konnten. Die Fans hören eher auf die Spieler als die Botschafterin (lacht). Zu den Spielen sind wir dann mit konsularischen Teams vor Ort.
Wie viele Ersatzdokumente für verlorene Reisepässe halten Sie vorrätig?
Wir sind optimistisch, dass die Fans aufpassen. Man muss auch realistisch bleiben: Bei der Neuausstellung von Dokumenten muss man sorgfältig sein. Deshalb gilt: Vorsorge ist besser als Nachsorge.
Haben Sie das Personal da für dann auch aufgestockt?
Ja. Es gibt ein sehr gutes System, mit dem unsere Teams in Düsseldorf, Frankfurt und München unterstützt werden. Dann kommen beispielsweise Kollegen aus Frankreich oder Spanien zur Hilfe. Auch unser Personal in Berlin wird in diesen vier Wochen etwas weniger Außen- oder Sicherheitspolitik machen.
Nach dem Brexit hat sich Großbritannien gefühlt ein Stück weit von Rest-Europa entfernt. Kann die Europameisterschaft daran etwas ändern?
Sowohl die Europameisterschaft als auch die Olympischen Spiele können da einen Beitrag leisten. Wobei die Reisezahlen ohnehin schon fast wieder auf dem Niveau wie vor der Pandemie 2019 sind. Übrigens hoffe ich, dass das Finale zwischen Deutschland und entweder England oder Schottland stattfindet. Dann würde nach unserer Wahl am 4. Juli der frisch gewählte Premierminister nach Berlin kommen, um mit Bundeskanzler Olaf Scholz oder Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Spiel anzuschauen. Das wäre doch ein wunderbarer Auftakt der Zusammenarbeit!
Während Fußball-EM: Viele Herzen schlagen in Brust der Botschafterin
Der Sport als verbindendes Element.
Boris Johnson hat immer gesagt: Wir haben die EU verlassen, aber nicht Europa. Wir arbeiten nach wie vor sehr eng zusammen. In der Ukraine-Politik, bei den Themen Sicherheit und Verteidigung. Mit den beiden Sportfesten wird diese Zusammenarbeit gefeiert.
Sie sind seit vier Jahren Botschafterin. Verzeihen Sie uns die Frage: Aber Sie haben mit Jürgen Klopp in Liverpool und Harry Kane in München gewaltige Konkurrenz.
Ja, ich sage das oft. Ich teile meinen Job gern (lacht). Vor zweieinhalb Jahren haben wir Jürgen Klopp dafür mit dem „Deutsch-Britischen Friendship Award“ ausgezeichnet. Es gab eine Zeremonie in Dortmund, um seine Verdienste zu feiern. Er ist ein wunderbarer Botschafter Deutschlands in England. Und das Gleiche gilt nun hier für Harry Kane.
Sie kommen aus Nordirland. Was machen Sie eigentlich, sollte England im Turnier auf Schottland treffen?
(Lacht). Eine sehr gute Frage. Ich habe in Edinburgh studiert und lange in London gelebt. Und beinahe hätte Wales sich auch noch qualifiziert! Aber da bin ich natürlich neutral. Wir haben schon überlegt, aus zwei Hälften ein gemeinsames Trikot zu schneidern. Für mich ist es sogar noch komplizierter, weil ich in Spanien, Belgien, Tschechien, Portugal und in Deutschland gearbeitet habe. Da schlagen viele Herzen in meiner Brust.
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