Caritas

Er begründete die Obdachlosenhilfe im Tölzer Land: Thomas Faller verabschiedet

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„Das Gesicht der Caritas vor Ort“: Thomas Faller geht am 1. August in den Ruhestand.

Er kämpfte jahrelang für Obdachlose, schuf die erste Unterkunft für sie im Landkreis. Jetzt wurde Thomas Faller verabschiedet.

Bad Tölz – „Das Gesicht der Caritas vor Ort“, so hat ihn Diakon George Papp genannt und im Pfarrbrief mit warmen Worten gewürdigt, wie viel Thomas Faller in seiner stillen und unaufgeregten Art in den vergangenen 35 Jahren bewegt hat.

In der Tat. Am 1. August geht einer in den Ruhestand, der sich einst als „Spinner“ hat bezeichnen lassen müssen und ausgelacht wurde, weil er nicht, wie mancher Dorfbürgermeister, Landstreichern schlicht ein Bahnticket zur Fahrt in die nächste Stadt schenkte, sondern das Thema Obdachlosigkeit ernst nahm und professionelle Strukturen zur Vermeidung aufbauen wollte. Er wollte nicht nur, er tat es mit aller Konsequenz. Mit seiner Familie lebte er viele Jahre im selben Gebäude, in dem er die Notunterkunft Haus Jakobus an der Salzstraße geschaffen hatte.

Die Zahlen belegen, dass die Zeit der „Tippelbrüder“ lange vorbei ist. Heute trifft Obdachlosigkeit auch Menschen mitten in der Gesellschaft. Trennung, Jobverlust und Krankheit führen nicht selten zum Wohnungsverlust. Und es trifft alle. Faller berichtet davon, dass früher von 100 Obdachlosen nur drei Frauen waren. „Heute sind wir beim Verhältnis 50:50.“ Bemerkenswert findet Faller die Zunahme an obdachlosen Jugendlichen, die „wenn es schlecht läuft, ein Leben lang in der Sozialhilfe landen“.

Obdachlosenhilfe Stück für Stück aufgebaut

Dass dem nicht immer so ist, ist Strukturen zu verdanken, die der 62-Jährige seit 1984 Stück für Stück aufgebaut hat. Drei Vollzeitstellen der Caritas im Dunstkreis der Städte Bad Tölz, Geretsried und Wolfratshausen beschäftigen sich inzwischen mit Wohnungslosenhilfe nach dem 3-Säulen-Modell: Versuchen, Obdachlosigkeit zu vermeiden, obdachlos gewordenen Menschen helfen und sie – ganz wichtig – nachbetreuen, wenn sie wieder eine Wohnung gefunden haben. Die Zeit des Spottens ist lange vorbei. Heute arbeiten Städte, Gemeinden und Landkreis eng mit der Caritas zusammen, wie Faller stolz feststellt. Man wisse, was man aneinander habe. Dass der Tölzer 1999 den „Martinsmantel“, eine hohe Auszeichnung des Michaelsbunds der Erzdiözese München-Freising für seine Obdachlosenarbeit bekam, hat dabei sicherlich auch geholfen.

Fallers Credo ist bei alldem ganz einfach: „Wenn man in der Früh aufsteht, muss man wissen, warum man aufsteht.“ Lebenssinn und Halt gibt zum Beispiel auch eine Einrichtung wie der Carisma-Möbelmarkt in der August-Moralt-Straße, wo Langzeitarbeitslose wieder einen geregelten Lebensrhythmus finden.

Zu Weihnachten bastelt er eine neue Bleibe für die heilige Familie

Er habe, so erinnert sich Faller, „wie ein alter bayerischer Knecht“ an Lichtmess im Februar 1984 mit seiner Arbeit in dem kleinen Büro in der Klammergasse begonnen. Faller stammt aus einer Münchner Künstlerfamilie und hatte in Benediktbeuern studiert. In dem Job bei der Caritas, so blickt er zufrieden zurück, habe er alle seine Begabungen ganz gut ausleben können. „Ich glaube, es ist viel entstanden in der Zeit.“ Neben dem Haus Jakobus, der „Keimzelle der Obdachlosenhilfe“, sowie „Carisma“ auch die Kontaktstelle „Alt und Selbständig“, die sich aus einem Studentenprojekt entwickelt hat. Zu nennen sind auch die vielfältigen Beratungsdienste der Caritas wie etwa Sucht- und Schuldnerberatung. Aus den 30 bis 40 Caritas-Mitarbeitern sind heute rund 200 im Landkreis geworden.

Von der Klammergasse wanderte die Tölzer Caritas in Fallers Amtszeit in die Franzmühle an der Salzstraße und von dort ins ehemalige Franziskanerkloster. Das ist für Faller die beste Lösung. Die ehemaligen Klosterzellen dort sind alle gleich. „Es gibt keine Suite und kein Besenkammerl. Das passt zur Caritas.“

Am 1. August beginnt nun die Ruhephase seiner Altersteilzeit, auf die sich Faller freut. „Mir wird bestimmt nicht langweilig“. Er will mehr reisen und sich weiterhin in der Tölzer Pfarrei engagieren. Und um Obdachlose wird sich Faller auch künftig kümmern, auch wenn es sich um ganz spezielle handelt. Er betreut die Jahreskrippe in der Franziskanerkirche und baut mit eigenen Händen jedes Jahr aufs Neue in der Weihnachtsgeschichte der Heiligen Familie eine neue Bleibe. Christoph Schnitzer

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