Interview mit Bauernobmann Jakob Maier

Ernährungskrise: „Wir sind die Lösung, nicht das Problem“

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Landwirt in dritter Generation ist Jakob Maier aus Niederding. Der verheiratete Vater zweier Kinder betreibt Kalbinnen-Zucht und bewirtschaftet Felder. Der 59-Jährige ist seit 2017 Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes. Am 4. Juli stellt er sich erneut zur Wahl. Bereits am Montag lädt er zum Kreisbauerntag.
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In der Pandemie erlebte die heimische Landwirtschaft einen Aufschwung, nun bekommen die Bauern die Inflation stark zu spüren. Zugleich fällt die Ukraine als Kornkammer aus. In Erding zählt der Bauernverband 1800 Mitglieder in knapp 40 Ortsverbänden. Ihnen steht seit 2017 Obmann Jakob Maier vor. Wir sprachen mit dem 59-Jährigen aus Niederding.

Erding - Herr Maier, wie fällt die Bilanz über Ihre erste Amtszeit als Kreisobmann aus?

Die Zusammenarbeit zwischen Bauernverband und Landfrauen hat sich verbessert. Wir haben viel gemeinsam gemacht. Auch die Öffentlichkeitsarbeit haben wir verstärkt, um unsere Anliegen besser vorzubringen.

Warum treten Sie noch einmal an?

In den ersten fünf Jahren konnte ich ein Fundament legen – zu politischen Parteien wie Nichtregierungsorganisationen. Darauf möchte ich aufbauen, vielleicht noch ein wenig offensiver als zuvor. Intern will ich mich dafür einsetzen, noch besser zusammenzuarbeiten.

Der BBV gilt als sehr CSU-nah, Sie nicht. Hat die Politik Sie das spüren lassen?

Ich habe schon Widerstand gespürt, wenn es etwa um die Frage ging, welche Referenten man zu einer Veranstaltung einlädt. Wenn man sich etwa gegen Infrastrukturprojekte ausspricht, gefällt das in der Politik nicht allen. Der BBV ist unabhängig.

Und wie gefällt es Ihren Berufskollegen?

Zu 90 Prozent sind es sehr positive Rückmeldungen.

Wie ist die Landwirtschaft durch Corona gekommen?

Die Direktvermarktung hat neuen Schwung bekommen. Durch die steigenden Preise lässt es jetzt wieder etwas nach. Ansonsten war unsere Arbeit durch die Pandemie relativ unbeeinträchtigt, weil die wenigsten Höfe fremdes Personal haben. Allerdings ist der Fleischabsatz durch die geschlossene Gastronomie noch einmal gesunken, das haben vor allem die Schweinehalter gespürt. Die verlieren wir leider reihenweise – auch wegen der nicht leistbaren noch höheren Anforderungen an die Stallhaltung.

Was bleibt vom Boom des Regionalen?

Es gibt definitiv mehr Hofläden. Viele machen sich Gedanken, dass es ein festes weiteres Standbein wird, was ich gut finde. Eine Möglichkeit neben dem Besuch von Märkten ist die Direktvermarktung übers Internet. Da gibt es gute Plattformen.

Ist in der Inflation nicht zu befürchten, dass sich wieder der Trend durchsetzt: Hauptsache billig?

Ja, und ich will das gar nicht bewerten. Fakt ist, den Menschen steht weniger Geld zur Verfügung.

Wo spüren die Landwirte die Inflation?

Die Betriebsmittel sind teurer geworden – Diesel, Dünger, Pflanzenschutz. Die Produktion wird teurer, damit steigen auch die Erzeuger- und die Verbraucherpreise.

Haben sich auch die Landwirte zu abhängig von russischer Energie gemacht?

Definitiv ja. Auch wir sind abhängig von fossiler Energie in jeglicher Form. Mineralische Dünge- und Pflanzenschutzmittel werden unter einem hohen energetischen Aufwand erzeugt, waren bislang aber ebenso günstig zu haben wie Diesel.

Wie kann der Ausweg aussehen?

Wir können auf mineralischen Dünger nicht verzichten, wenn wir das Ertragsniveau halten wollen. Es wird künftig sicher wieder mehr organischer Dünger zum Einsatz kommen, sprich Gülle oder Gärreste. Der Einsatz muss noch effizienter werden. Aber insgesamt steht zu wenig organischer Dünger zur Verfügung, um den mineralischen ganz zu ersetzen. Eigentlich haben wir also zu wenig Tierhaltung und Biogas statt zu viel.

Die Konsumenten essen weniger Fleisch und trinken auch weniger Milch. Woran liegt’s?

Das ist sicher auch eine Folge der Tierwohl- und Klima-Debatte. Trotz aller Versuche, Tierhaltung zu erklären, können wir Erzeuger das nicht steuern, das ist die Realität. Zu der gehört auch: Weltweit steigt der Verbrauch an tierischen Erzeugnissen.

Welche Schulnote würden Sie dem ersten grünen und vegetarischen Landwirtschaftsminister Cem Özdemir geben?

Eine Fünf – mangelhaft, weil er die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. Er holt die alten Sprechblasen wieder raus. Er will weniger Tierhaltung, hält an der vierprozentigen Flächenstilllegung fest. Biogas hat bei ihm anscheinend auch keine Berechtigung mehr. Wir Bauern sind auch für mehr Biodiversität, aber das muss produktionsintegriert sein. Flächen komplett rauszunehmen, ist der falsche Weg. Es passt einfach nicht zusammen, wenn man gleichzeitig verlangt, dass wir mehr produzieren sollen.

Ist Ihr Ärger über das Artenschutz-Volksbegehren von 2019 mittlerweile verraucht?

Nein! Mich ärgert das pauschale Misstrauensvotum gegenüber der Landwirtschaft nach wie vor – gerade in Bayern. Wir erleben einen Eingriff in unser Eigentum, etwa bei den Gewässerrandstreifen. Das ist Wertminderung. Das gibt es so bei keiner anderen Berufsgruppe. Wo ist der Beitrag der Gesellschaft?

Sie persönlich engagieren sich stark gegen den Flächenverbrauch. Wie sehen Ihre Berufskollegen das?

Es gibt auch kritische Stimmen. Allerdings bekomme ich viele positive Rückmeldungen. Dem Bauernverband wirft man ja oft und auch zu Recht vor, gerade beim Flächensparen zu abstrakt zu sein. Hier ist es ganz konkret, vor allem mein Nein zur Nordumfahrung.

Damit dürften Sie aber ziemlich alleine dastehen.

Das glaube ich nicht. Wir müssen uns mal entscheiden: Bauen wir neu, oder arbeiten wir den Sanierungsstau ab – auf der Straße wie auf der Schiene. Weniger Fläche zu versiegeln ist aktiver Umwelt-, Hochwasser- und Artenschutz. Hinzu kommt: Hier könnte die Kommunalpolitik handeln.

Warum gelingt es der Landwirtschaft nicht, ihr negatives Image abzulegen?

Es gab ja schon die Kampagnen wie „Wir erzeugen Lebensmittel!“ Aber die Frage ist: Wen interessiert das, wenn Lebensmittel allzeit zu sehr niedrigen Preisen in bester Qualität verfügbar sind? Die Landwirtschaft wird immer als Problem gesehen, nie als Lösung. Ich glaube allerdings nicht mal, dass wir bei der Mehrheit ein negatives Image haben.

Jammern die Landwirte zu viel?

Nein! Vielleicht wird es so wahrgenommen, weil wir bei Maßnahmen, die uns übergestülpt werden, nicht gefragt werden, und weil sich die Politik nicht für unsere Expertise interessiert. Und wir fühlen uns oft nicht ernst genommen. Das muss man auch anprangern dürfen.

Wie sähe Ihre Traum-Landwirtschaft aus?

Es ist der bäuerliche Familienbetrieb, der nicht viel Fläche braucht, der Tierhaltung hat, Direktvermarktung betreibt und breit aufgestellt ist. Schön wäre es, wenn es ein gutes Miteinander im Berufsstand gäbe, und wir die Wertschätzung der Bevölkerung und der Politik spüren würden, die wir ja mit den Dingen des täglichen Bedarfs versorgen.

ham

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