In der Schrannenhalle hielten Harald Lesch und Martin Herrmann einen Vortrag über den menschengemachten Klimawandel.
Erding – Die Klima-Eckpunkte der Bundesregierung bringen Professor Harald Lesch auf die Palme. „Ich habe gedacht, sie haben sie nicht mehr alle“, schimpfte der bekannte Astrophysiker, Naturphilosoph, Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator bei seinem Vortrag im Schrannensaal im Erdinger Sparkassengebäude. Er fühle sich wie ein alter Soldat, der sich nach einem Kampf vom Schlachtfeld schleppt und dem man den fusseligen Mund schon ansehen müsste, den er sich in jahrzehntelanger Arbeit geredet habe. „Wer wird wohl gewinnen, Gehirn oder Gesäß?“, fragte er das zahlreich erschienene Publikum – die Handelnden oder die Aussitzer?
Zusammen mit Dr. med. Martin Herrmann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (Klug), sprach Lesch vor knapp 300 Interessierten zum Thema „Medizinischer Notfall Klimakrise“. Die beiden Referenten machten die Notlage sichtbar. „Wenn bei Ihnen zu Hause ein Notfall ist, dann gilt der Terminkalender nicht mehr“, erklärte Lesch gleich zu Anfang.
Meeresspiegel wird um einen Meter ansteigen
„Alle Bäume im Harz sind bereits vom Borkenkäfer befallen, falls das noch nicht jedem klar ist – das ist eine ziemlich heftige Nummer.“ In den vergangenen 22 Jahren seien die 20 bisher wärmsten gewesen. Beim „Business as usual“, das gerade laufe, werde der Meeresspiegel bis zur Mitte des Jahrhunderts um einen bis eineinhalb Meter ansteigen.
Lesch zeigte mit anschaulichen Beispielen auf, wie es um die „Patientin Erde“ steht. Er erklärte die physikalischen Fakten verständlich und mit eindringlicher Stimme. „Wir sind der Natur völlig egal, wir Menschen sind die Ansprechpartner, wenn es um die Katastrophe geht, vor der wir stehen. Und dazu müssen wir uns den Dingen stellen, auch wenn es aussieht, als wäre es nicht möglich, etwas zu verändern.“
Klimawandel muss Priorität haben
Als Hermann 2017 mit 15 Mitstreitern die Initiative Klug gründete, sei der Klimawandel im Gesundheitsbereich und auf Ärztekongressen noch kein Thema gewesen, berichtete er bei dem Vortrag. Und das, obwohl der Klimawandel schon weitreichende gesundheitliche Auswirkungen zeigt. In Deutschland nehmen Hitzewellen zu, Allergien treten vermehrt auf, und die Frühsommer-Enzephalitis, die oft von der Zecke übertragene Gehirnhautentzündung, beginnt schon im Januar.
„Nach einem Jahr wussten wir dann, wenn wir nicht auf die Straße gehen, passiert nichts“, erzählte Herrmann. So ging es los mit Mahnwachen unter dem Slogan „Patientin Erde auf der Intensivstation“. Inzwischen sei der Klimawandel zum Schlüsselthema geworden, und es ist entscheidend, wie Parteien sich dazu verhalten. Am 26. Mai wurde beim Marburger Bund, Deutschlands größtem Ärzteverband, nun die Begrenzung des menschengemachten Klimawandels und dessen Folgen für die Gesundheit gefordert. Dies müsse absolute Priorität im gesundheitspolitischen Handeln bekommen.
Appell an Erdinger Lokalpolitiker
„Es tut sich etwas“, erklärte Herrmann, „doch ohne die Bürgerinnen und Bürger ist keine Veränderung möglich. Politiker sind nur unsere Repräsentanten, und deshalb brauchen wir den Mut, mit der Ungewissheit umzugehen, und anfangen zusammenzuarbeiten.“ Einen Masterplan gebe es nicht. Er sei der Überzeugung: „Wenn genügend Handlungspersonen vor Ort an einen Tisch zusammenkommen und zwei bis drei Maßnahmen beschließen, die zwicken, dann ist ein Anfang zwar unbequem, aber sehr schnell möglich.“
In der anschließenden Fragerunde diskutierten einige Zuhörer mit den Wissenschaftlern. Zum Schluss meldete sich Jule Maylandt, Vertreterin der „Friday for Future“-Ortsgruppe Erding, zu Wort und fragte die Politiker auf lokaler Ebene, was der Landkreis Erding gegen den Klimawandel tun kann. Oberbürgermeister Max Gotz kündigte darauf an, demnächst einen Klimabeirat einzuberufen, bei dem Politiker ohne Blick auf die Parteien, die Fridays-for-Future-Bewegung und Umweltverbände zu gemeinsamen Gesprächen und tatsächlichem Handeln vor Ort eingeladen sind.
Pauline Dückert