VonChristian Fellnerschließen
Sie ist Ehrenbürgerin von Garmisch-Partenkirchen, war bis zu ihrem Karriereende die Top-Biathletin Deutschlands. Inzwischen konzentriert sich Laura Dahlmeier auf andere Dinge. Im neuen Talkformat von Harald Helfrich ließ sie das Publikum daran teilhaben.
Garmisch-Partenkirchen – Wer wissen will, wie Laura Dahlmeier tickt, der musste eigentlich nur ihrer Geschichte lauschen, wie sie drauf kam, mit dem Rad nach Istanbul zu fahren. Rund 2700 Kilometer in drei Wochen. Vollkommen allein. Nun: Ganz typisch ist dieses Projekt der heute 29-Jährigen tatsächlich eher nicht. Denn eigentlich hat sie schon gerne ein paar Spezl um sich herum, vor allem halt, wenn es in die Berge geht.
Nur zeigt dieser Trip durch elf Länder sehr gut die Freiheitsliebe, die Spontaneität, die in der Garmisch-Partenkirchnerin steckt: „Ich hab’ mir gedacht, ich radel einfach mal los.“ Sie wusste: „Ich hab’ jetzt drei Wochen Zeit.“ Erst dachte sie über Italien nach. „Ganz nach unten.“ Auf der Karte sah sie dann: „Da komm’ ich ja auch bis Istanbul.“ Der Reiz war geweckt. Bei Google Maps studierte sie die Routen. Die kroatische Küste entlang sollte es sein. „Dann hab’ ich mir die Karte offline heruntergeladen und bin los.“ Ohne Begleitfahrzeug. Einfach nur Laura Dahlmeier. Freilich mit Gepäck. „Ich hatte eine Isomatte und einen Schlafsack dabei, weil ich dachte, dass es in Albanien keine Unterkünfte gibt.“ Sie merkte bald: Ein Schmarrn. Immerhin: Eine Vertrauensperson daheim weihte sie ein, hielt Kontakt. „Aber nur sie wusste, wo ich bin.“ Auch für den Notfall. Der trat nicht ein. So fuhr sie los – und kam drei Wochen später am Bosporus an.
Laura Dahlmeier als erster Gast in neuem Talkformat
Ein klassischer Dahlmeier hätte man früher wohl gesagt, als sie als Biathletin noch eines ihrer Rennen in unnachahmlicher Art gewonnen hatte. Nun sitzt sie da im U1 am Richard-Strauss-Platz und plaudert ganz locker über ihre Erlebnisse, über ihre Kindheit, Karriere und die Zeit nach dem Leistungssport, der Gegenwart und Zukunft also. Harald Helfrich hatte sie eingeladen als Premierengast für sein neues Talkformat „Wos’d ned sogst!“, das er in kühnen Gedanken in der Corona-Zeit entwickelt hatte. Und nun Wirklichkeit geworden ist.
Helfrich also – noch so ein Multitalent. Schauspieler, Regisseur, Kommunalpolitiker und mittlerweile Leiter der Offenen Ganztagsschule in St. Irmengard. Vorab: Es war stimmig, kurzweilig und vor allem nicht im Ansatz langatmig, was das Duo in gut 70 Minuten auf die Bühne zauberte. Und die Premierenbesucher – der Saal war sehr gut gefüllt – waren begeistert. Vom Format, sicher aber auch von der erfrischenden Art der Olympiasiegerin von 2018. Von ihren Erzählungen, ihrem offenen und ehrlichen Auftreten.
Laura Dahlmeier bringt Buch auf den Markt
Wer sich jetzt ärgert, dass er nicht dabei war, für den hat Dahlmeier ganz frisch ein Buch mit dem Titel „Wenn ich was mach, dann mach ich’s gscheid!“ auf den Markt gebracht. Darin arbeitet sie das Erlebte auf, ihren Weg vom jungen Sporttalent, das mit Freude als Neunjährige erstmals ein Luftgewehr in die Hand nahm und euphorisch war, zur Ausnahmekönnerin, die sich ihren frühen Kindheitstraum, den Olympiasieg, den sie in einem Poesiealbum als Berufswunsch vermerkt hatte, tatsächlich 2018 in Südkorea erfüllte. „Mit dem perfekten Rennen“, wie sie heute sagt. Zehn Treffer, ein guter Ski – alles passte.
Diese Perfektion war es, die ihr wiederum ein Zeichen gab, nun alles erreicht zu haben, an ein Karriereende zu denken. „Ich hab’ gewusst, ich kann es nicht besser.“ Und nach der Heimreise aus dem düsteren Pyeongchang wurde ihr schnell klar: „Ich brauche dieses Erlebnis Olympia nicht mehr.“ Denn es war alles so anders als bei den Rennen daheim in Europa. Eine Auszeit auf der Alm, ganz allein ohne Handy, nutzte sie, um noch einmal in sich reinzuhorchen. Sie fasste den Entschluss: Ein Jahr soll es noch werden. Nur war ihr das Glück nicht hold. Eine Verletzung im Sommer und Krankheiten ließen sie nie mehr in Topform kommen. Und doch ergatterte sie bei ihrer letzten WM in Östersund 2019 nochmals zwei Medaillen. „Aber ich hatte mich da während der Saison schon entschlossen, dass es reicht.“
Geduld ist nicht ihre Stärke
Eines ist der Werdenfelserin verdammt wichtig: Das wiederholt sie auch an diesem Abend. „Ich will nicht mein Leben lang nur die ehemalige Biathletin sein.“ Daher hat sie sich an viele neue Aufgaben herangewagt. Ihr Studium der Sportwissenschaften beispielsweise, das sie bald abschließen wird. „Ich bin am Ende des siebten Semesters, die Bachelorarbeit muss ich noch schreiben.“ Was sie damit anfängt, kann sie jetzt nicht sagen. „Mir war wichtig, dass ich einen Abschluss habe.“ Mit Sponsoren und Partnern realisiert sie immer noch viele Projekte, dazu kommt die Arbeit als Biathlon-Expertin fürs Fernsehen. Zudem absolviert sie die Ausbildung zur Bergführerin, mit der sie im Mai fertig sein könnte. Viel Programm, „und ich bin wirklich froh, wenn jetzt eines nach dem anderen abgeschlossen ist“.
Denn dann warten ja noch die Berge auf die junge Frau. Ziele hat sie viele. Zum Beispiel 7000er-Gipfel anzupacken, eine echte Expedition. Auf diese ganz großen Touren hat sie bislang noch verzichtet. „Denn da muss man so viel warten, bis alle Bedingungen passen, das ist nicht so meine Sache“, räumt Dahlmeier ein. Überhaupt, sagt sie, sei Geduld nicht ihre Stärke. „Komischerweise hab’ ich das nur beim Biathlon geschafft.“ Da machte es ihr nichts aus, stundenlang das Gewehr zu halten, die Anschläge zu üben.
Ein guter Start des Talkformats
Bei aller Begeisterung für die Berge, die Freiheit, die ihr das Klettern vermittelt, dieses Hobby, diesen Sport will sie nicht als Profi betreiben. „Ich möchte mich nicht wieder auf einen Sport konzentrieren, wie es beim Biathlon war.“ Und trotzdem: An der nötigen Hingabe mangelt es nicht. Das zeigte noch ein Beispiel, das sie mit strahlenden Augen erzählte, bei dem man ihr die Freude regelrecht ansah. Sie wagte sich an ein Projekt, die Zugspitze an einem Tag auf allen vier gängigen Wegen zu erklimmen. Früh morgens ging’s übers Höllental rauf, dann übers Gatterl runter nach Ehrwald, über die Wiener Neustädter Hütte wieder hoch. „Oben am Gipfel haben wir dann die Leute getroffen, die wir in der Früh im Höllental überholt hatten. Die haben ganz schön geschaut.“ Heim marschierte die Gruppe übers Reintal. Und typisch Dahlmeier: „An der Bockhütte hab’ ich mir dann gedacht: Puh, das ist ganz schön anstrengend jetzt da zurück runter bis ins Skistadion.“
Fazit: Laura Dahlmeier ist wahrlich eine würdige Ehrenbürgerin der Marktgemeinde, eine, von der man in Zukunft sicher noch einiges hören und sehen wird. Und Harald Helfrich: Der könnte mit seinem Promitalk sicher einen Volltreffer landen, wenn es ihm gelingt, die Gästeliste derart schillernd zu halten. Definitiv ein guter Start.
