Der Tier-Garten Eden

Esel leisten Senioren Gesellschaft im Demenzzentrum

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Brav und zutraulich: Die Esel „Fritz“ und „Carlo“ sind zwei der tierischen Bewohner des AWO-Demenzzentrums. Sie sind im Garten beheimatet, zu dem viele Frauen und Männer im Heim eine besondere Beziehung haben.
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Am Paradiesweg in Wolfratshausen gibt es einen Ort, der paradiesisch anmutet: der Garten des AWO-Demenzzentrums. Sämtliche Bewohner fühlen sich hier gleichermaßen wohl – menschliche wie tierische. Die Geschichte eines ganz besonderen Gartens.

Wolfratshausen – „Lilly“ und „Lucy“ meckern laut und deutlich, dann hüpfen sie davon, und eine jagt die andere. „Die Ziegen sind ziemlich frech“, sagt Dieter Käufer und grinst. Der Leiter des AWO-Demenzzentrums am Paradiesweg lehnt an dem grünen Metallzaun und beobachtet das Treiben in dem 400 Quadratmeter großen Gehege. „Lilly“ und „Lucy“ wohnen dort zusammen mit einigen Hühnern, Enten und den beiden Eseln „Carlo“ und „Fritz“. Die Tiere gehören, ebenso wie die gesamte Grünfläche vor dem Haus, zum gerontologischen Konzept der Einrichtung. „Ein solcher Riesengarten ist ein Traum“, betont Käufer im Gespräch mit unserer Zeitung vor Ort.

Der „Fluss des Lebens“: Jeder Stein im Beet symbolisiert einen Verstorbenen. Die Engelsfigur wacht über sie.

Die Hauptattraktion sind natürlich die Tiere. Jeden Tag statten ihnen viele der knapp 70 Heimbewohner einen Besuch ab. Sie beobachten die Zwerghühner, die sich ein Plätzchen im Schatten suchen. Die Enten, die gemächlich am Wassertümpel entlang spazieren, die Ziegen, die zwischen den beiden hölzernen Ställen herumtollen. Und die Esel „Carlos“ und Fritz“, die meist zu zweit unterwegs sind und die Menschen am Zaun neugierig beschnuppern. „Die beiden sind sozusagen von Kindesbeinen an zusammen und seit zweieinhalb Jahren bei uns“, berichtet Käufer. Die gutmütigen und pflegeleichten Tiere herzuholen, sei nicht von langer Hand geplant gewesen.

Esel-Paar durch
Zufall gefunden

Heute erinnert sich der 64-Jährige gern an die Anekdote: 2014 habe das Haus den Rudi-Assauer-Preis für innovative Ansätze in der stationären Pflege für Menschen mit Demenz bekommen. Der ehemalige Manager des Fußball-Bundesligisten Schalke 04 erkrankte selbst vor einigen Jahren an Alzheimer. Seit 2012 gibt es die nach ihm benannte Initiative, die über Demenz aufklärt. „Die Preisverleihung fand in der Veltins-Arena, der Schalke-Heimstätte, in Gelsenkirchen statt. Als wir gefragt wurden, was wir mit dem Preisgeld machen, verkündete Gabi Strauhal einfach so, ohne Absprache, durchs Mikrofon: ,Davon kaufen wir Esel.‘“ Die Sozialdienstleiterin gab so den Anstoß – „und dann standen wir ein bisschen unter Druck“, gibt Käufer zu. Durch Zufall entstand der Kontakt zu einer Familie, die aus der Nähe von Wolfratshausen stammt und sich im französischen Burgund eine Eselszucht aufgebaut hat.

Nun wohnen die freundlichen, grauen Langohren im AWO-Demenzzentrum in der Loisachstadt und tun Gutes, indem sie einfach da sind. Käufer: „Ein Besuch bei ihnen ist eine Unterbrechung vom Alltag. Für die Bewohner ist die Berührung, das Streicheln sehr wichtig.“ Weil viele der Frauen und Männer aus Landwirtschaften stammen, war es dem Heimleiter und seinem Team wichtig, Tiere zu halten, die den Bewohnern bekannt sind, und den Garten so anzulegen, wie er heute ist. „Wie man sieht, ist der ist nicht auf Hochglanz poliert, sondern eher wild.“

Auf den zahlreichen Grünflächen neben den rollstuhlgerechten Wegen stehen Sitzbänke, Sonnenliegen, eine Hollywoodschaukel und ein Pavillon. Es gibt einen Barfußpfad und ein Klangspiel. In einer Ecke ist ein Seerosenteich angelegt, in dem Karpfen schwimmen und Frösche quaken.

Bewohner helfen
bei der Obst-Ernte

Dazwischen wachsen knorrige Obstbäume. „Äpfel, Aprikosen, Kirschen. Die ernten wir und kochen Marmelade draus“, erklärt Käufer. All das dient nicht nur dazu, dass sich die Frauen und Männer im Demenzzentrum wohlfühlen. „Wir möchten Erinnerungen an früher wecken“, sagt Käufer. „Wenn wir Obst pflücken, erinnert sich manch einer vielleicht daran, wie er als Kind die Kirschen vom Baum geholt hat.“

Der Heimleiter geht weiter und erreicht eine andere Ecke des Gartens. Er deutet auf eine Art Beet, das aber nicht mit Blumen und Erde, sondern mit Steinen gefüllt ist, die in der Form eines Flusses daliegen. An der Stirnseite wacht eine Engelsfigur aus rostrotem Eisen. „Unser ,Fluss des Leben‘“, sagt Käufer. Jeder Stein steht für einen Menschen, der am Paradiesweg zuhause war. „Nach seinem Tod bemalen seine Angehörigen einen Stein für ihn. Manche gestalten auch jetzt schon ihren eigenen.“ Viele der ehemals bunten Kiesel sind mittlerweile verwittert. „Ein Symbol für die Vergänglichkeit“, sagt Käufer, während er die vielen Steine betrachtet. Aber genau wie die Tiere und Pflanzen sei auch das ein Teil des Lebens. „Hier, in diesem Garten, gehört alles zusammen.“

mh

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