VERANSTALTUNG DES BAUERNVERBANDS

Experte warnt: „Der Kulturwolf ist eine neue Situation“

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Großes Interesse: Über 600 Almbauern, Landwirte, Natur- und Tierschützer, Politiker und Behörden- und Verbandsvertreter kamen zur Veranstaltung in die Miesbacher Oberlandhalle.
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Der Wolf bewegt die Bayern: Über 600 Almbauern, Landwirte, Natur- und Tierschützer, Politiker und Behörden- und Verbandsvertreter folgten am Donnerstagabend der Einladung des Bauernverbands in die Miesbacher Oberlandhalle. Dreieinhalb Stunden lang ging es um den Wolf und den Erhalt der Weide- und Almwirtschaft. Die Botschaft ist eindeutig.

Miesbach – Bis aus dem Allgäu waren die Zuhörer angereist, um zu hören, wie mit canis lupus, der im Alpenraum auf dem Vormarsch ist, umzugehen ist. Vor dem Impulsvortrag ergriff Landrat Olaf von Löwis das Wort. Von Löwis fasste die jüngsten Bestrebungen der Landwirte des Landkreises Miesbach zusammen und stellte klar, dass der Wolf und dessen Monitoring Teil des Koalitionsvertrags der Bundesregierung sind: „Die Ansätze sind da. Dann macht’s es halt auch!“, rief er in Richtung Berlin. Denn es ist die Bundesregierung, die auf die EU-Politik einzuwirken habe, damit der Wolf im Alpenraum nicht Fuß fassen kann. „Wir brauchen die Herabstufung des europäischen Schutzstatus sowie Abschussgenehmigungen, ein europarechtskonformes regional differenziertes Bestandsmanagement und wolfsrudelfreie Gebiete“, war seine Botschaft.

Josef Faas von der Unteren Naturschutzbehörde machte klar, was für ein großer Schatz die Weidegebiete der Alpen seien: „Kulturbiotope brauchen die kontinuierliche Beweidung und Pflege. Es ist eine europarechtliche Verpflichtung, diese Flächen zu erhalten.“ Eine Wolfspopulation und der Erhalt der Biodiversität sei nicht vereinbar.

Drei Kilogramm Fleisch am Tag

Der Schweizer Wolfsexperte, Tier- und Naturschützer sowie Landschaftspfleger Marcel Züger aus Salouf in Graubünden erklärte warum. Er legte den Populationszuwachs des Wolfes in seiner Heimat dar, die in der Entwicklung ein paar Jahre vor Bayern liege. Dort habe sich 1995 der erste Wolf aus Italien angesiedelt. 2011 waren es rund zehn Wölfe. 2021 bereits 150 Tiere in 16 Rudeln. Ein Rudel umfasst meist fünf bis zehn Tiere. Züger sprach von der Leistungs- und Lernfähigkeit der Tiere, die pro Tag drei Kilogramm Fleisch fressen würden. „Ein Rudel Wölfe frisst pro Jahr 250 Hirsche“, machte der Experte deutlich.

Und dabei bleibt es nicht. Wölfe jagen und fressen Schafe, Kühe, Pferde, sogar Bisons. „2020 haben die elf Rudel in der Schweiz 815 Schafe gerissen“, sagte Züger und zeigte die entsprechenden Fotos von gerissenen Tieren in unmittelbarer Nähe einer Siedlung oder auf einer Langlaufloipe. Er zeigte einen Film, wie Wölfe Zäune überspringen. Bei den Szenen, die zeigen, wie zwei Herdenschutzhunde innerhalb von zwei Minuten zur Wolfsbeute wurden, funktionierte der Film nicht – Gottlob.

Lernfähige Tier

Auch den Mythos, dass Wölfe nur in der Dämmerung und Dunkelheit jagen, widerlegte er durch Beweisfotos. „Wir haben ein falsches, veraltetes Bild vom Wolf“, stellte er fest. „Der wilde Wolf im Osten war selten und scheu, aber er hat zwischenzeitlich gelernt, dass vom Menschen keine Gefahr ausgeht. Wir produzieren einen neuen Wolf, den Kulturwolf.“ Und mit diesem könne man nicht leben – weder die Landwirtschaft noch der Naturschutz. Laut Züger ist mit den 17 000 Wölfen in Festlandeuropa der günstige Erhaltungszustand erfüllt. Entsprechend sollten „Verteidigungsabschüsse“ im Bereich von 21 Prozent erlaubt sein. Deshalb forderte er eine transparente Kommunikation und dass die Kosten der Bauern für Zäune und Herdenschutzhunde von der öffentlichen Hand bezahlt werden sollten.

Züger forderte Weidezonen, Null-Toleranz-Politik, wenn es zu Angriffen kommt, und ein Wolfmanagement von offizieller Seite. „Die Laissez-faire-Politik läuft auf die Wiederausrottung des Wolfs hinaus“, sagte er eindringlich und unter Applaus. Eine Koexistenz könne nur mit einer Bestandsgrenze funktionieren.

In der anschließenden Diskussion machte Züger deutlich, dass es viele verschiedenen Maßnahmen brauche, um dem Wolf beizukommen und die Weidelandschaft zu schützen. Das Wichtigste sei es aber, die Gesellschaft zu überzeugen, damit sie diese Politik mittrage. Almbauer Bernd Gasteiger lud alle Tier- und Naturschützer kommende Woche zum Ortstermin zu sich auf die Alm ein. Auch Vogelschützerin Harda von Poser sprach sich gegen eine Privilegierung des Wolfes aus. Ein Berufsjäger stellte außerdem klar: „Wenn der Wolf bei uns überleben will, muss er gejagt werden.“ Alles in allem fand sich in der Oberhalle niemand, der sich für eine reglementierte Verbreitung des Wolfs ausgesprochen hätte. Selbst Manfred Burger vom Bund Naturschutz wollte wissen, wie eine Regulierung aussieht, wenn diese die einzige Waffe gegen den Wolf sei. „Die Integration des Wolfes ist teuer und aufwendig. Ideal wäre es, im gesamten Alpenraum jeden Wolf zu besendern und pro Rudel einen Betreuer zu haben“, meinte Züger.

Kreisobmann Josef Huber war mit der Sachlichkeit des Abends zufrieden. Er hofft, dass diese Argumente einen gesellschaftspolitischen Diskurs starten, „damit die Politik der Gesellschaft folgt“.

Wolfspopulationen weltweit im Überblick: Schweden: 300, Norwegen: 120, Frankreich: 600, Yellowstone Park USA: 100, Osttürkei: 6000, Kasachstan: 90.000, Brandenburg: 500, Niedersachsen: 400, Graubünden 65.

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