VonFlorian Prommerschließen
Auf den Frust folgt die Freude: Die Obstbäume im Landkreis sind überladen mit Früchten. Hobbygärtner genießen das Ausnahmejahr, Experten dämpfen die Obst-Euphorie dagegen etwas.
Holzkirchen/Weyarn – Josef Killy muss sich kurz entschuldigen. Das Telefon klingelt. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag; und auch nicht zum letzten Mal. Am anderen Ende der Leitung erkundigt sich der Anrufer, ob er mit seinen Äpfeln vorbeikommen könne in der Obstpresse in Gotzing. Überhaupt kein Problem, erwidert Killy, die Presse laufe eh schon. Und wie. Nicht nur, dass Killy und Co. die Maschine heuer so früh wie schon lange nicht mehr angeschmissen haben. Sie rattert seither auch auf Hochtouren.
Denn egal wo man derzeit in den Garten lurt, ob in Rottach-Egern oder Otterfing, steht dort ein Obstbaum, ist der beladen mit Früchten. Zwetschgen, Äpfel, Birnen. „Die Leute wissen heuer ja gar nicht wohin mit dem ganzen Obst“, sagt Killy. Viele werden daher bei ihm in der Obstpresse vorstellig. Ihm selbst steht ebenfalls eine ergiebige Apfelernte ins Haus. „Bei mir im Garten brechen die Äste fast ab“, erzählt Killy – und klingt nicht so, als würde es ihn stören. Im Gegenteil. Der Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Holzolling genießt den Fruchtüberschuss – überlastete Äste hin oder her.
Im Vorjahr sah das nämlich noch ganz anders aus. Wegen des späten Frostes sind die meisten Blüten erfroren. „Die Bäume hatten daher fast überhaupt keine Früchte“, erklärt Thomas Schuster vom Gartenbauzentrum Bayern Südwest, das mit dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Holzkirchen zusammenarbeitet. Doch die Natur ist gewappnet für solche ertraglosen Jahre und reagiert trotzig: mit einem sogenannten Mastjahr. Ein „sehr, sehr seltenes“ Phänomen, wie Schuster erklärt.
Demnach haben die Bäume, vollgestaut mit vielen Reservestoffen, heuer umso mehr Blüten angelegt. Gepaart mit dem guten Wetter und einer „guten Befruchtung“ ergebe das den „extremen Fruchtbehang“, erläutert Schuster. Einziger Wermutstropfen: „Die meisten können mit einer solchen Obstschwemme nicht umgehen.“
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Vom Mastjahr profitieren nämlich nicht nur große, gewerblichen Obstbauer, sondern jeder Otto-Normal-Gärtner mit Apfelbaum und auch diejenigen, „die Kräuter auf dem Balkon anbauen“, sagt Killy. Und dank des guten Wetters („seit April praktisch Sommer“) seien die Früchte auch deutlich eher reif. Die ersten Frühäpfel seien mittlerweile geerntet und teils gepresst worden, in „acht bis 14 Tagen“, schätzt Killy, sind die heimischen Zwetschgen essbar: „Bei meinem Nachbarn biegen sich die Äste schon.“
In den Läden macht sich das Überangebot derzeit noch nicht bemerkbar. Kommt aber noch, ist sich Gabi Bichlmeier sicher. Sie betreibt auf dem Grünen Markt in Holzkirchen einen Obststand. Ihre Ware bezieht sie nach eigenen Angaben von regionalen Händlern in der Großmarkhalle in München. Die große Obst-Flut erwartet sie spätestens im September zur „Haupterntezeit“, die heuer sogar zwei, bis drei Wochen eher anstehe. Ihre Prognose: „Heuer gibt es alles in Hülle und Fülle.“ Und angesichts der Menge aller Voraussicht nach auch zu günstigeren Preisen, glaubt Bichlmeier.
Doch das sonnige Ausnahmejahr hat auch seine Schattenseiten. Die Quantität geht zulasten der Qualität, prophezeit Schuster. Gerade Äpfel könnten deshalb deutlich kleiner ausfallen als gewohnt und auch bei Weitem nicht so saftig schmecken. Pro Meter Obstholz, empfiehlt der Fachmann, sollten maximal fünf Äpfel hängen. Die sprichwörtliche Faustregel in diesem Fall: „Zwischen zwei Äpfel sollte immer eine Faust passen“, sagt Schuster, der dazu rät, den Fruchtbestand notfalls händisch etwas auszudünnen, „um den Baum zu entlasten“.
In Josef Killys Garten müssen die Äste seiner Apfelbäume nicht mehr allzu lange schuften. „Die Gravensteiner kann ich fast schon ernten“, sagt er. So lange mache er es sich aber noch bequem, unter dem schattigen „Baldachin“ aus vollbehangenen Ästen.
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