Für Projektleiterin Petra Mühlbauer ist es „die schönste Baustelle der Welt“ – für einige Wanderer die frustrierendste: die Falkenhütte im Karwendel wird seit einem Jahr saniert.
Hinterriß – Während einer Führung über die Baustelle rüttelt eine schwarzhaarige Mittfünfzigerin mit rosa Shirt am Bauzaun. Mühlbauer schaut kopfschüttelnd zu: „Ich hätte gedacht, dass das Schild ,Falkenhütte geschlossen‘ unmissverständlich ist.“ Mit sarkastischem Unterton fügt sie hinzu: „Vielleicht sollten wir besser schreiben: ,Die Falkenhütte ist wirklich geschlossen. Ganz ehrlich. Kein Schmarrn.‘“
Während sie die Bemühungen der Wanderin eher belustigt verfolgt, hat sie mit manchen Gästen Mitleid, die sich auf eine Stärkung freuen und vor verschlossenen Türen stehen. Beispielsweise mit einem Franken, der um 2 Uhr morgens in Nürnberg startete, die Lalidererwände hochkletterte, auf dem Grat entlangbalancierte und sich nach dem Abstieg nur eines sehnlichst wünschte: ein Weißbier. Es blieb beim Wunsch. Immerhin gab’s für den ausgedörrten Extremkletterer ein Glas Wasser.
Sanierte Hütte soll möglichst so aussehen wie die von 1923
Das letzte Mal normalen Betrieb gab es am 10. September 2017. Seither müssen die Wanderer und Mountainbiker, die die Falkenhütte seit vielen Jahren als Zwischenstopp nutzen, den Bauarbeitern weichen – die ein ums andere Mal ihren Augen kaum trauen. Was nicht nur an der märchenhaften Landschaft liegt. Vielmehr entpuppte sich die Falkenhütte als Fundgrube für Bausünden. Im Laufe der Jahre waren für die Statik enorm wichtige Wände und Balken entfernt worden. Im Boden verankerte Stahlseile waren nicht ordentlich gespannt. Dabei wären vernünftig gespannte Seile enorm wichtig: Sie sollen dafür sorgen, dass die Holzhütte bei Sturm nicht wie ein Zelt abhebt.
Die nicht gespannten Seile seien auch der Grund dafür gewesen, dass die Falkenhütte vor dem Umbau „extrem schief“ dastand, erklärt Architekt Rainer Schmid: „Gott sei Dank ist ein Holzbau sehr geduldig. Es dauert, bis so ein Haus umfällt. Aber viel hat nicht mehr gefehlt.“ Überraschungen gab es auch im Mauerwerk. An manchen Stellen war der Sockelbereich mit Zement abgedichtet worden. Die Konsequenz: Der Mörtel hatte sich im Laufe der Jahre zersetzt. Unterm Strich sei es also „höchste Eisenbahn“ für die Sanierung gewesen, sagt Schmid.
Momentan sind die Arbeiter damit beschäftigt, mangelhafte Fugen zu sanieren, „sodass die Wände wieder atmen können“. Stahlseile gibt es an der Falkenhütte nicht mehr, stattdessen sollen nun Stahlbänder verhindern, dass ein Sturm die Hütte wegreißt. Zudem ersetzen die Arbeiter aktuell fehlende Balken am Holzständerbau. Schmid arbeitet dabei eng mit dem Bundes-Denkmalamt zusammen. Ziel ist, dass die Falkenhütte möglichst ähnlich aussieht wie im Baujahr 1923. So bekommt die Gaststube die ursprüngliche Farbgebung zurück.
Weit weniger abenteuerlich geht es am Horst-Wels-Haus zu, einem Neubau mit sieben kleinen Schlafkammern und einem Doppelzimmer für das Personal – solche Rückzugsmöglichkeiten gab es im alten Gebäude nicht. Im neuen Haus gibt es auch Toiletten, während sich beim alten Gebäude das Klo noch im Freien befand. Im oberen Geschoss ist Platz für die Gäste. Hier befinden sich sechs Räume mit vier Betten und drei Räume mit sechs Betten.
Kosten werden bislang auf 6,3 Millionen Euro geschätzt
Bleiben die Baukosten trotz aller Überraschungen im Rahmen? Diese Frage beantwortet Schmid diplomatisch: „Die Baukosten bleiben sicher im Rahmen“, sagt er, um dann hinzuzufügen: „Ich weiß nur noch nicht, in welchem.“ Er habe einige Ungewissheiten einkalkuliert, noch stehe aber nicht fest, ob es genügend waren.
Bislang geht er von Kosten in Höhe von 6,3 Millionen Euro aus. Damit ist es das größte Bauvorhaben in der Geschichte der Alpenvereins-Sektion Oberland. Der Verein sei dringend auf Spenden angewiesen: „Sonst wäre ein Bauvorhaben in dieser Größenordnung nicht machbar.“
Schmid selbst ist Experte für Bauvorhaben in den Bergen, begeisterter Wanderer, Kletterer und Skitouren-Geher. Eine gewisse Verbundenheit zu den Bergen braucht jeder, der auf der Baustelle arbeitet. Die Saison auf dem Berg dauert nur fünfeinhalb bis sechs Monate, entsprechend muss rangeklotzt werden. Die Arbeiter fahren am Montag früh morgens auf die Baustelle, am Donnerstagabend geht es zurück ins Tal. 60, 65 Stunden Arbeit binnen vier Tagen sind keine Seltenheit. Manchmal muss es eben schnell gehen – etwa wenn die nächste Regenfront anrückt oder, wie am vergangenen Wochenende, Schnee fällt. Geschlafen wird in einem komfortfreien Massenlager im alten Horst-Wels-Haus, das nach dem Ende der Arbeiten abgerissen wird. Angesichts dieser extremen Bedingungen sei die psychologische Betreuung der Arbeiter wichtig, sagt Schmid. Ebenso wichtig sei es, die Motivation hoch zu halten. Generell arbeite in den Bergen ein ganz besonderer Menschenschlag: „Viele Handwerker wollten auf dieser Baustelle arbeiten, weil sie ist, wo sie ist.“