VonAndreas Steppanschließen
Große Freiheit auf sieben Quadratmetern: Eine Tölzer Familie bricht auf eine dreimonatige Tour gen Norden auf. Ihr rollendes Zuhause ist selbst ausgebaut.
Bad Tölz – Ein Hund, ein Baby, zwei Eltern, drei Monate, sieben Quadratmeter: Das ist, in Zahlen ausgedrückt, das Abenteuer, zu dem eine Tölzer Familie am Freitag aufbricht. Alisia Schreiner (27) und ihr Lebensgefährte Andreas Stricker (29) machen sich zusammen mit Säugling Rosalie und Hund „Sola“ auf den Weg in Richtung Dänemark. Sie werden ein Vierteljahr in einem Mercedes Sprinter leben, den Andreas Stricker ausgebaut hat.
Am Anfang stand ein komplett leerer Kleintransporter. Mittlerweile ist daraus eine Mini-Wohnung mit Küche, Hochbett, Wickeltisch, Kleiderschrank, Esstisch und Wohnzimmer geworden – auch wenn nicht alles davon gleichzeitig da ist, sondern zum Teil erst durch den ein oder anderen Handgriff hervorzuzaubern ist.
Der 29-Jährige hat alles selbst geplant und ausgeführt: von der Isolation über die Solaranlage auf dem Dach und das Verlegen der Leitungen, den Einbau von Spüle und Siphon, Schubladen, Hochschränken, Sitzbank, Lichtspots und vielem mehr. Sein Leitgedanke: jeden Zentimeter ausnutzen, Dinge dreh- beziehungsweise ein- und ausklappbar gestalten und wo auch immer Möglichkeiten schaffen, etwas aufzuhängen – und sei es per Karabiner, den man an der Deckenverkleidung festmacht.
Alles selbst zu bauen, das entspricht ganz dem „Tüftlerwahnsinn“, den Stricker für sich reklamiert. Und außerdem: „Wenn man ein fertig ausgebautes Wohnmobil kauft, besteht alles aus Pressspanplatten in Optik ,Eiche gebeizt‘“, sagt er. In seinem eigenen Mobil dagegen sei alles natürlich, das Holz nur mit Öl behandelt.
Zusätzlich zum Kaufpreis des Gebrauchtwagens hat die Familie rund 10 000 Euro sowie etwa eineinhalb Monate Arbeit in den Ausbau investiert und das Gefährt schließlich „Carlotta“ getauft – in Anlehnung an das englische Wort „car“ für Auto.
Zum Abschluss gab’s den Ritterschlag: die Abnahme durch den TÜV. „Das ist dann das ultimative Kompliment.“
Kleintransporter zu Wohnmobil ausgebaut: Mit Baby Rosalie und Hund „Sola“ aus Reisen
Der 29-jährige ist zwar weder Schreiner noch Elektriker, bringt aber handwerkliche Erfahrung mit: Der gelernte Sattler und Feintäschner-Meister arbeitet im Bereich Ausstattung beim Film. „Da ist viel Kreativität gefragt, um das zu ermöglichen, was der Szenenbildner sich für den jeweiligen Film vorstellt.“
Selbstzweck war die Bastelei freilich nicht: Nun soll es mit „Carlotta“ auf große Fahrt gehen, bis Mitte September. Erste Anlaufstelle ist ein Campingplatz in Dänemark, auf dem Alisia und Andreas schon öfter waren. „Danach richten wir uns ganz danach, wie es für Rosalie passt“, sagen sie. Entweder bleiben sie länger auf dem Campingplatz, oder sie fahren weiter durch Skandinavien, gerne nach Norwegen.
Lesen Sie auch: Wohnen im Denkmal: Ein Kleinod von 1677 wird in Schnaitt bei Bad Tölz aufpoliert
Nach der Geburt des Babys will das Paar die Elternzeit zum Reisen nutzen – und um sich als frisch angewachsene Familie ganz aufeinander zu konzentrieren, ohne alltägliche Verpflichtungen. „Für Rosalie gibt es nichts Besseres, weil Mama und Papa durch gar nichts abgelenkt werden“, sagt Andreas Stricker. Dass das Gepäck des Babys den meisten Stauraum im Wohnmobil beansprucht, versteht sich von selbst. „Wir nahmen sogar einen Schneeanzug für Rosalie mit – man weiß ja nie“, sagt die Mama.
Sich im Hinblick auf die eigenen Bedürfnisse „ein bisschen zu reduzieren“, passt derweil gut zur Lebenseinstellung des Paars. Die Platzbegrenzung spiele auch nur solange eine Rolle, „bis die Schiebetür aufgeht“.
Lesen Sie auch: Mit seinem historischen Seitenwagen schafft Anton Soff locker 300 km/h
Auch der agile Australian Sheperd „Sola“ ist für die Tour bereit, sind Frauchen und Herrchen überzeugt. Der Hund wird unterwegs seinen Platz auf dem Beifahrersitz einnehmen – natürlich angeschnallt. „Sie könnte 24 Stunden Auto fahren – wenn sie nur aus dem Fenster schauen kann“, sagt Alisia Schreiner. Mit Rücksicht auf Baby und Hund ist das Paar aber von dem Gedanken abgekommen, in den Süden zu reisen: zu heiß, zu anstrengend.
Lesen Sie auch: Heilbrunner Koch in der Türkei: „Botschafter des guten Geschmacks“
Ein wenig traurig über die Reisepläne sind nur Rosalies Omas, die den Säugling jetzt drei Monate nicht sehen – außer vielleicht auf der Foto-Plattform Instagram im Internet, wo die Familie ihre Fahrt dokumentiert. Auch bislang schon hat Andreas Stricker unter dem Profilnamen „grenzlos_“ Bilder vom Umbau veröffentlicht und ist so ins Gespräch mit Gleichgesinnten gekommen. 400 Follower hat er – es dürften noch einige dazukommen.

