VonChristiane Mühlbauerschließen
Familie Pehl aus Lenggries ist Ende Juli für ein Jahr nach Norwegen gezogen. In Tromsø, ganz im Norden des Landes, gestaltet sie jetzt ihren Alltag.
Lenggries/Tromsø – „Man muss sein Leben ja nicht immer am gleichen Fleck verbringen“ – so beschreibt Familie Pehl ihre, wie sie sagt, „verrückte Idee“, ein Jahr in Norwegen zu leben, und zwar in Tromsø, wo von Ende November bis Mitte Januar Polarnacht herrscht. Die Wahl auf Tromsø fiel bewusst. Andreas Pehl kannte die Stadt durch berufliche Verpflichtungen als Countertenor, ebenso Eva Pehl als Chorsängerin. Die Familie liebt die Landschaften Norwegens und wollte erleben, wie es sich anfühlt, der rauen Natur direkt ausgesetzt zu sein. „Außerdem wollen wir als Familie noch mal fest zusammenwachsen, bevor sich unsere Wege trennen“, sagen sie.
Familie aus Lenggries zieht für ein Jahr nach Norwegen
Die Pehls hatten Glück bei der Wohnungssuche und konnten das Haus einer norwegischen Familie beziehen, die im Sommer ebenfalls ins Ausland ging. Auch für die beiden Töchter Theresa (15) und Katharina (12) ist das Jahr eine gewisse Auszeit. Sie besuchen die Waldorfschule in Tromsø, versuchen aber gleichzeitig, den Stoff am Gymnasium Hohenburg zu verfolgen. „Das klappt ganz gut“, sagt Eva Pehl. Als die Familie die Schulleitung über ihre Idee informierte, sei man sehr aufgeschlossen gewesen. Lehrer und Klassenkameraden schicken Theresa (10. Klasse) und Katharina (7. Klasse) regelmäßig Aufgaben und Lernstoff. Wenn sie dann im kommenden Schuljahr bis Weihnachten in der nächsthöheren Klassenstufe mithalten können, dürfen sie bleiben, ansonsten müssen sie die vorherige Jahrgangsstufe wiederholen. „Das ist eine gute Absprache“, finden die Eltern. Sie wählten auch deshalb in Norwegen eine Waldorfschule, weil ihre Töchter dort als Gastschülerinnen mehr Freiheiten hätten. „Sie können auch mal einige Tage dem Unterricht fern bleiben, weil sie sich auf Hohenburg konzentrieren wollen“, berichtet Eva Pehl.
Schulsystem vermittelt mehr Lebenspraxis
Im norwegischen Schulsystem sei einiges „ganz schön anders“, sagt die Mutter. Was in Deutschland schon Stoff in der zehnten Klasse sei, hätte man dort erst kurz vor dem Abitur. Weil die Sprache in der Anrede keine „Sie“-Form kennt und sich alle duzen, bestehe in der Wahrnehmung des Anderen kein Gefälle. Außerdem würden die Schüler im Vergleich zu Deutschland mehr Lebenspraxis lernen. „Hier erfahren sie viel über Gesundheit und Lebensmittel und müssen auch in Betrieben mitarbeiten“, sagt Eva Pehl. Zudem seien die Schüler regelmäßig draußen – das Wetter spiele dabei keine Rolle.
Die Pehls haben sich mit dem Wetter arrangiert. Im Sommer waren sie wandern, auch bei Regen, und sammelten Beeren: Blau- und Preiselbeeren, aber auch Krähenbeeren. „Eine Mischung aus Blau- und Wacholderbeeren“, beschreibt Eva Pehl den Bodendecker. Sie hat daraus Sirup gemacht. „Der schmeckt fruchtig frisch, etwas säuerlich sowie herb und bitter.“
Der Winter kam rasch. „Es gab hier den kältesten Oktober seit 20 Jahren“, berichtet Andreas Pehl. Die Familie montierte auf ihren E-Bikes Spike-Reifen und ist mittlerweile das Radln auf Eis und Schnee gewöhnt.
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Schon seit Wochen sehen die Pehls auf ihrem Balkon immer wieder Nordlicht. Und unaufhaltsam rückt täglich die „mørketid“, die „dunkle Zeit“, also die Polarnacht, näher. Die Familie ist gespannt, wie sie in den Wochen völliger Dunkelheit damit zurecht kommen wird. Ein bisschen was spürt sie jetzt schon. „Man ist weniger leistungsfähig“, sagt Eva Pehl. Auch Norweger würden in dieser Zeit das Leben ruhiger angehen lassen. Angestellte im öffentlichen Dienst müssten beispielsweise pro Woche eine Stunde weniger arbeiten.
Stadt tut viel für junge Leute und für die Kultur
Einigeln werden sie sich zu Hause aber nicht. Denn die Stadt Tromsø sei sehr familienfreundlich und biete vor allem für Kinder vieles kostenlos an. „Man kann sich zum Beispiel gratis sämtliche Sportausrüstungen ausleihen“, sagt Andreas Pehl begeistert. Angebote wie zum Beispiel Kletterkurse seien für Jugendliche sehr günstig, die Stunde koste weniger als zehn Euro. Die öffentliche Bibliothek sei eine Kulturstätte mit vielen verschiedenen Veranstaltungen, auch für Erwachsene, und das zu einem sehr günstigen Preis. Bereits in den Sommerferien gab es für Kinder kostenlose Kinovorstellungen, schwärmt die Familie. Die Pehls haben sich eine Jahreskarte fürs Theater gekauft, die umgerechnet 120 Euro kostet. „Damit kommen wir in alle Vorstellungen.“ Einige Stücke wollen sie mehrmals sehen. „Es hilft uns, die Sprache zu lernen.“ Kontakte knüpfen sie auch im Stadtorchester, das aus Laien besteht. Andreas Pehl spielt darin Kontrabass, Theresa Cello.
Auch beruflich sammelt die Lenggrieser Familie neue Erfahrungen: Eva Pehl kann für ihren Arbeitgeber in Deutschland stundenweise aus dem Homeoffice arbeiten, zudem begleitet sie den Musikunterricht an der Waldorfschule. Andreas Pehl arbeitet als Journalist für den Bayerischen Rundfunk und macht zurzeit Beiträge, die sich viel mit samischer Kultur beschäftigen. Sie laufen im Programm von Bayern 2 in den Reihen „Radio Reisen“, bei „Radio Wissen“ sowie in der Kinder-Reihe „radioMikro“. Dass es ihnen ihre Lebensumstände ermöglichten, ein Jahr lang in Tromsø zu leben, dafür seien sie „sehr dankbar“, sagt die Familie. „Wir wissen, dass das nicht selbstverständlich ist.“
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