VonTobias Gmachschließen
Amateurfilmer steigen unbemerkt ins Alpamare ein. Sie dokumentieren das verfallene Bad in allen Details auf Youtube. Zu sehen sind rostige Saunaöfen, aktive Drehkreuze und demolierte Rutschen.
Update: Die Filmer haben das Video nach Erscheinen des Artikels auf Merkur.de auf „privat“ gestellt. Es ist nun nicht mehr öffentlich bei Youtube zu sehen.
Bad Tölz – Die Kontrolllampen leuchten noch. Ansonsten ist es im Überwachungsraum der Bademeister stockdunkel. Im Taschenlampenlicht erscheinen ein Schreibtischstuhl, ein Telefon, Kabel, Steckdosen. Hier liegen nicht nur Hefte und Papiere herum, sondern auch eine bezogene Matratze. Ein Blick aus dem Fenster – ins Auffangbecken des Alpa-Bob, eine große Attraktion im Spaßbad. Es ist leer. Seit dem 30. August 2015 ist der Spaß vorbei, im Alpamare rutscht niemand mehr.
Dafür durchforsten zwei Amateurfilmer unerlaubt jeden Meter. Ihr wackliges, 13 Minuten und 39 Sekunden langes Video haben sie ins Internet gestellt. Titel: „Das verlassene Erlebnisbad“. Es erscheint im Youtube-Kanal „Anderswelt & Wynterabend“. Dort findet man jede Menge Filmchen, die ein junger Mann an verlassenen Orten gedreht hat – in einer NS-Munitionsfabrik, einer Kurklinik, einem Güterbahnhof oder einem Klärwerk. Immer mit dem Hinweis: „Um den Zustand der Orte zu wahren, werde ich keinerlei Ortsangaben veröffentlichen.“
Ein Mann mit „Security“-Jacke huscht ins Bild
Sogenannte „Lost Places“ mit der Kamera aufzusuchen, ist keine neue Idee – eher ein weit verbreitetes Internet-Phänomen. Das Alpamare-Video kommt auf über 55 000 Klicks. Es beginnt im Bereich der Außenbecken. Das Unkraut sprießt, kaputte Klappstühle und Schwimmnudeln liegen herum, im Bild taucht ein Mann mit schwarzer Jacke auf, einer der beiden Filmer. „Security“ steht auf seinem Rücken. Auch wenn der Film alles andere als professionell ist – eines dramaturgischen Kniffs bedient er sich: Immer wieder werden Bilder alter Tage dazwischengeschnitten, planschende Senioren, tobende Kinder.
„Wir sind drin“, jubelt dann einer der Männer und hält mit der Kamera auf den Auslauf einer roten Rutsche. Hier landeten einst die Mutigsten. Alpa-Canyon I und II, bis zu 92 Prozent Gefälle. Eine der beiden Adrenalin-Rutschen ist komplett demontiert, das Drehkreuz leuchtet noch rot, dahinter tut sich ein tiefes Loch auf. 100 Prozent Gefälle. Momente später vermisst der Kameramann seinen Kollegen und sagt, nicht ganz im Ernst: „Ich hör’ den Chris nicht mehr, ich hoffe, der ist nicht irgendwo abgestürzt.“
Kameramann im Alpamare: „Das riecht so ekelhaft nach Gummi hier“
Die Filmer können nicht fassen, was sie alles im verlassenen Erlebnisbad aufstöbern. „Holla, die Waldfee“, „Alter Schwede“, „Heilige Scheiße“: Auf solche Sprüche im Flüsterton beschränkt sich die Audio-Spur des Videos meist. Die beiden rennen die Alpa-Bob-Rutsche hinunter und bewundern rostige Saunaöfen und einsame Planschbecken. Im Restaurant fehlen die Tische, dafür steht die „Ofenfrische Pizza“ für 7,50 Euro nach wie vor auf der Speisekarte. Strom fließt auch noch im Alpamare – zumindest zum Dreh-Zeitpunkt des am 15. März veröffentlichten Videos. Denn die Tür zur Surfanlage öffnet sich für den Kameramann automatisch.
Bilder: Der letzte Tag im Alpamare
Der sagt bei Minute 4:44: „Das riecht so ekelhaft nach Gummi hier.“ Er ist im Wellenbad angekommen, wo vertrocknete Pflanzen herumliegen und das vom eingefallenen Zeltdach bedeckt ist. Ein beengendes Gefühl. „Ich hab’ ein bisschen Angst, hier nicht mehr rauszukommen“, hört man. Den Filmern scheint bewusst zu sein, dass ihre Aktion nicht legal ist, ja einem Einbruch gleichkommt.
Das Video-Ende: Dunkle Gestalten und Horror-Film-Musik
Nachfrage bei Eigentümer Anton Hoefter, dem Chef der Jodquellen AG: Zum Video möchte er nicht öffentlich Stellung nehmen. Die Fragen, ob er auf das Filmchen mit einer Anzeige reagiere und ob es in letzter Zeit Einbruchversuche gab, beantwortet er offiziell nicht. Von Hoefter erfährt man nur, dass er Teile der Rutschen an Bäder in Serbien verkauft hat.
Nachfrage bei der Polizei: Keine Einbruchsversuche in letzter Zeit, sagt der Chef der Tölzer Inspektion, Bernhard Gigl. Und was sagt der Bürgermeister zum immer mehr verfallenen Ex-Aushängeschild der Stadt? „Es ist ein Jammer, wie das Areal jetzt aussieht. Man sagt ja eigentlich: Eigentum verpflichtet“, meint Josef Janker. Beschwerden über das dahinrottende Bad seien nicht bei der Stadt eingegangen. Janker würde in solchen Fällen aber ohnehin auf die Jod AG verweisen.
Bei Youtube kommentieren Alpamare-Besucher unter dem Video, wie traurig sie die Schließung immer noch macht. Die Amateurfilmer enden mit fingierten Grusel-Witzen: In den Umkleidekabinen schließen sich Schränke wie von Geisterhand, dunkle Gestalten erschrecken den Zuschauer unter Horror-Film-Musik. Ein unheimliches Ende.
