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Die Corona-Krise beschert Deutschlands zweitgrößtem Flughafen faktisch eine Stilllegung des Luftverkehrs. Die Passagierzahlen sind auf fünf Prozent gesunken.
Flughafen – Jost Lammers, seit Jahresbeginn Chef des Münchner Flughafens, muss sich drei Monate nach Amtsantritt als Krisenmanager bewähren. Die Corona-Krise beschert Deutschlands zweitgrößtem Flughafen faktisch eine Stilllegung des Luftverkehrs. Nur fünf von hundert geplanten Starts beziehungsweise Landungen werden derzeit durchgeführt. Das hat jetzt drastische Auswirkungen auf tausende Mitarbeiter aus allen Geschäftsbereichen.
Die FMG-Geschäftsführung und der Betriebsrat haben sich auf die „sofortige Einführung von Kurzarbeit im Konzern und bei der Abfertigungstochter AeroGround verständigt“, berichtet Pressesprecher Ingo Anspach. Der jeweilige Umfang der Kurzarbeit, der bis zu 100 Prozent betragen kann, hängt vom Volumen des wegfallenden Arbeitsaufkommens ab und wird in den verschiedenen Bereichen individuell festgelegt. „Durch die Einführung der Kurzarbeit sollen die Arbeitsplätze bei FMG und AeroGround in der Krisenzeit gesichert werden“, betont Anspach.
+++ Update, 14. Mai: Der Flughafen München bereitet sich auf den Corona-Neustart* vor. Ein Überblick über die Corona-Maßnahmen die Passagiere am Flughafen sicher erwarten - und über welche noch spekuliert werden.
Untere bis mittlere Lohngruppen bekommen höhere Aufstockung des Kurzarbeitergelds
„Wir können heute noch nicht abschätzen, wann sich der Luftverkehr wieder regenerieren wird. Die Kurzarbeit wird uns aber dabei helfen, den Schaden für das Unternehmen und die Mitarbeiter zu begrenzen“, erklärt Lammers.
Auch andere Tochtergesellschaften der FMG wie Eurotrade (Ladengeschäfte), Allresto (Gastronomie) und die CAP (Sicherheitskontrollen) haben nach Angaben Anspachs bereits Kurzarbeit eingeführt und dafür jeweils eigene Regelungen mit ihren Arbeitnehmervertretungen getroffen. Seitens des Arbeitgebers werde das gesetzliche Kurzarbeitergeld der Beschäftigten auf bis zu 90 Prozent des durch Kurzarbeit entfallenen Nettoentgelts aufgestockt. Für FMG und AeroGround wurde laut Flughafensprecher überdies eine soziale Komponente vereinbart, der zufolge Mitarbeitern aus den unteren bis mittleren Lohngruppen eine höhere Aufstockung ausgezahlt wird. „In dieser schwierigen Lage sind alle Konzernbeschäftigten gefordert. Der Teamgeist war am Flughafen München schon immer der entscheidende Erfolgsfaktor. Ich freue mich, dass wir auch in der Krise alle an einem Strang ziehen“, so Lammers.
Flughafen München während der Corona-Pandemie: Passagieraufkommen bei fünf Prozent
Bereits in der Jahrespressekonferenz Ende März hatte er kein gutes Bild von der wirtschaftlichen Lage eines der größten Arbeitgebers Bayerns gezeichnet. „Aufgrund der im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie erfolgten Reisebeschränkungen und des drastisch reduzierten Flugangebotes verzeichnen wir gegenwärtig massive Verkehrsrückgänge in allen Bereichen.“
So sei die Anzahl der Starts und Landungen im März kontinuierlich zurückgegangen und habe zuletzt nicht einmal mehr zehn Prozent des Vorjahresniveaus ausgemacht. Das Passagieraufkommen sank seinen Angaben zufolge auf rund fünf Prozent.
Kritische Infrastruktur: Schließung des Airports kommt nicht in Frage
Die FMG hat nicht nur mit Kurzarbeit auf die Einbußen im Millionenbereich reagiert. „Schon vor Wochen haben wir damit begonnen, weitreichende Schritte zur Sicherung der Liquidität des Flughafens zu ergreifen“, erklärt Lammers. So wurde ein konzernweites Maßnahmenprogramm zur strikten Begrenzung der Personal- und Sachkosten aufgelegt, das umfangreiche Einsparungen in sämtlichen Bereichen vorsieht. Geplante Investitionsvorhaben wie das Parkzentrum West, die neue Konzernzentrale oder das neue Budget Hotel wurden bis auf Weiteres zurückgestellt. Dabei gleicht der Flughafen mit mehr als einem Dutzend großer Projekte eher einer Großbaustelle als einem internationalen Verkehrsdrehkreuz. „Wir erleben eine in dieser Größenordnung nie da gewesene Krise des weltweiten Luftverkehrs, und ein Ende ist nicht absehbar. Oberste Priorität hat weiterhin der Schutz der Gesundheit der Passagiere und Beschäftigten am Münchner Flughafen.“
Eine – vorübergehende – Schließung des Flughafens im Erdinger Moos (wie etwa in Memmingen) ist aber ausgeschlossen, er gehört zu sogenannten „kritischen Infrastruktur“. Denn nur auf diesem Wege können Urlaubsheimkehrer nach Deutschland gelangen und wichtige Güter transportiert werden.
Wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre ein Glücksfall
Leer sind die Vorfelder in diesen Zeiten nicht. Im Gegenteil, die geparkten Maschinen stehen dicht an dicht. Ein Flughafensprecher berichtet von 100 Flugzeugen, die aus dem Verkehr genommen worden seien. Der Satellit des Terminals 2 wurde bereits Mitte März vorerst für Passagiere geschlossen. Das betrifft auch die Bereiche A, B und D im Terminal 1.
Die Flinte ins Korn werfen will Lammers nicht. „Unser Ziel im laufenden Jahr ist es, die wirtschaftlichen und finanziellen Grundlagen auf die aktuelle Situation und die vor uns liegende längere Durststrecke auszurichten. Dabei kommt uns die positive wirtschaftliche Entwicklung zugute, die der Flughafen in den vergangenen Jahren und insbesondere auch 2019 gezeigt hat.“
Corona-Krise wirtschaftlich schlimmer als 11. September
Er gibt aber auch zu: „Die Auswirkungen der Corona-Krise sind massiver als die Folgen der Anschläge vom 11. September 2001 oder der weltweiten Finanzkrise von 2008.“ Deshalb werde es diesmal möglicherweise deutlich länger dauern, bis die Nachfrage wieder auf dem früheren Niveau sei. Strukturelle Veränderungen im Luftverkehr seien nicht auszuschließen. Damit spielte er auf weitere Insolvenzen von Airlines beziehungsweise deren (teilweiser) Verstaatlichung an. Darüber wird aktuell bei Lufthansa, der größten Fluggesellschaft der Republik, diskutiert.
Langfristig, ist Lammers überzeugt, werde der globale Mobilitätsbedarf wieder steigen und der Luftverkehr deshalb zunehmen. Das steht für mich aber außer Frage“, versichert der Aiport-Chef.
Hans Moritz
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