“Das ist eine riesige Verbauung“

Forstbetrieb baut Lawinenschutz bei Wildbad Kreuth - Umweltschützer entsetzt

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Hinter Wildbad Kreuth ragt der Hang auf, um den es geht. Im Bereich links oberhalb des Gebäudes hat die Schutzwaldsanierungsstelle bereits Holzverbauungen platziert. Sie sind zum Teil schon eingewachsen. Aktuell sind nun Arbeiten rechts oberhalb des Gebäudes im Gange. Bis September werden Dreibeinböcke montiert. Hubschrauber bringen die Verbauungen nach oben. Die offene Fläche soll zum Schutzwald werden.
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Ein stabiler Wald soll die B 307 vor Lawinen schützen. Um ihn zu schaffen, setzt der Forstbetrieb Schliersee im Grüneck erst Dreibeinböcke, dann Bäumchen. Der Verein Wildes Bayern sieht darin einen Natur-Frevel.

Wildbad Kreuth – Hubschrauber dröhnen, Männer arbeiten mit schwerem Gerät am Steilhang bei Wildbad Kreuth. Aktuell setzt der Forstbetrieb Schliersee im Auftrag der Weilheimer Schutzwaldsanierungsstelle den letzten Baustein beim Lawinenschutz für die viel befahrene B 307 unterhalb des Grünecks. Ziel ist es, neuen Wald zu etablieren, der rutschenden Schnee aufhält. Damit junge Bäumchen am Steilhang aufkommen, montiert der Forstbetrieb hölzerne Dreibeinböcke. Kostenvolumen: rund 300 000 Euro. Im Herbst 2019 werden dann im Bereich der Schutzbauwerke junge Bäume gepflanzt.

„Wir machen das nach bestem Wissen und Gewissen“, versichert Jörg Meyer, Leiter des Forstbetriebs Schliersee. Die B 307 habe in den vergangenen Jahren immer wieder wegen Lawinengefahr gesperrt werden müssen.

Wildbiologin Dr. Christine Miller, Vorsitzende des Vereins Wildes Bayern, lässt das nicht gelten. Sie hat schon öfter Maßnahmen des Forstbetrieb angeprangert, spricht von „Totschlagargumenten“ und „dummen Märchen“. Die sogenannte Schutzwald-Sanierung bedeute hier die Zerstörung eines Offenland-Biotops. Für den Lawinenschutz könne der Freistaat Schnee absprengen oder Lawinen-Galerien bauen. Durch die Arbeiten würden noch nicht flugfähige Junge und Hennen von Birkwild und Haselwild massiv gestört. Nach den Bauarbeiten werden die Flächen nach Überzeugung Millers fürs Rot-, Reh- und Gamswild sowie für Hasen nur erschwert passierbar sein. „Die schräg gespannten und bodennahen Zäune stellen für junge Kitze und Kälber ein Hindernis mit hohem Verletzungspotenzial dar“, heißt es in einem vierseitigen Schreiben Millers ans Landratsamt als Untere Naturschutzbehörde. Sie wolle Anzeige erstatten – gegen Unbekannt und den Forstbetrieb Schliersee.

In dem Schreiben moniert Miller Verstöße gegen naturschutzrechtliche Bestimmungen, das Wald- und Kreislaufwirtschaftsgesetz sowie tierschutzrechtliche Regelungen und erkundigt sich nach der Baugenehmigung. „Das ist eine riesige Verbauung“, erklärt Miller. Die Veränderung eines geschützten Offenland-Biotops sei nur nach einer Verträglichkeitsprüfung zulässig. Eine solche sei ihres Wissens nach nicht erfolgt.

„Wir überprüfen die Entscheidung des Forstbetriebs Schliersee, die Arbeiten so und in diesem Umfang durchzuführen“, erklärt Landratsamt-Sprecher Birger Nemitz. Neu ist das Projekt für die Untere Naturschutzbehörde nicht: Die Arbeiten wurden dort im März angekündigt. „Die inhaltliche Begründung für die Notwendigkeit war stark“, meint Nemitz. Es bestehe ein sehr hohes öffentliche Interesse, die Verkehrssicherheit auf der B 307 zu gewährleisten. „Der Objektschutz hat hier ein sehr hohes Gewicht.“

Die Montage der Dreibeinböcke soll bis September abgeschlossen sein. Später im Jahr hätten die Arbeiten nicht beginnen können, erklärt Markus Hildbrandt, Bereichsleiter Forsten der Fachstelle Schutzwaldmanagement. Ansonsten könne man sie vor dem Winter nicht beenden. Der Lawinenschutz erfolge mit möglichst geringen Eingriffen in Natur und Landschaft. Um den Boden zu schonen und die Bauzeit kurz zu halten, montieren die Arbeiter die Bauwerke komplett im Tal und verankern sie dann am Berg. „Dazu werden noch einige Hubschrauberflüge erforderlich sein“, kündigen Meyer und Hildbrandt an. Die Verbauung soll den Jungbäumen nur über die erste Zeit helfen. Die Hoffnung ist, einen stabilen Schutzwald heranzuziehen, der nicht nur Lawinen aufhält, sondern auch Boden- und Wasserschutzfunktionen erfüllt.

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