VonNora Linnerudschließen
Wollen Transsexuelle ihr Geschlecht in Dokumenten ändern, müssen sie vor Gericht einiges durchmachen. Amanda Reiter hat einen besseren Vorschlag.
Lenggries – Amanda Reiter steht fest im Leben, lacht viel und herzlich – und nimmt jeden noch so diskriminierenden Augenblick mit Humor. Sie lacht einfach, wenn Menschen in ihrer Heimat Lenggries sie mit ihrem abgelegten männlichen Vornamen ansprechen oder über ihre Transsexualität spotten. Und sie lacht darüber, was im August 2014 in einem Münchner Amtsgerichtssaal geschah – geschehen musste – damit Amanda Reiter ihren Namen und ihre Geschlechtszugehörigkeit beim Lenggrieser Standesamt wechseln durfte: „Man hat mir damals eine Zwangsstörung attestiert, damit ich als Frau leben kann“, berichtet Amanda Reiter. Dass das so sein muss, das steht im deutschen Transsexuellen-Gesetz, kurz TSG. Jetzt will die Bundesregierung das TSG reformieren. Die Lenggrieserin ist deswegen alarmiert und positioniert sich dagegen.
„Transsexuell gibt es nicht, es ist ein Konstrukt. Ich fühle eine Frau zu sein, also bin ich es“, sagt Amanda Reiter. Bisher konnte ihr noch nie jemand das Gegenteil beweisen, sagt sie. Reiter trägt beigefarbene Pumps, ein grünes Etuikleid, ist dezent geschminkt. Eine Geschäftsfrau, die selbstständig als Software-Entwicklerin und als Dozentin in Rosenheim arbeitet und nebenbei noch Leistungssport betreibt. Für die Änderung des zugeschriebenen Geschlechts in der Geburtsurkunde, dem Pass oder dem Führerschein brauchte es bislang zwei psychologische Gutachten, die belegen, dass die transsexuelle Person „mindestens drei Jahre unter einem Zwang gelebt hat, entsprechend dieser Vorstellung zu leben“, zitiert Reiter aus dem Protokoll ihres Gerichtsverfahrens. An die Empfehlung der Psychologen müssen die Amtsrichter sich halten und können so einem Geschlechts- und Namenswechsel zustimmen.
Lesen Sie auch: Ihre Liebe ist gleich in mehrfacher Hinsicht grenzenlos. Zum Valentinstag erzählt das Lenggrieser Ehepaar Amanda und Winardi Reiter die Geschichte einer Beziehung, die beiden neue Horizonte öffnete.
Woran der Richter und die Psychologen ihr weibliches Geschlecht feststellten? Vor allem daran, dass sie Frauenkleider trug. „In den Gerichtssaal bin ich deswegen im Dirndl gegangen“, sagt die Lenggrieserin. Als würden Menschen durch ein Kleid, hohe Schuhe und die richtige Frisur zur Frau – nicht durch das sichere Gefühl eine zu sein. Amanda Reiter wusste ihr wahres Geschlecht schon auf dem Schulhof. Damals als Kind war sie sich bewusst, dass sie nicht zu den Jungs, sondern zu den Mädchen gehört. „Ich durfte aber nicht mit denen spielen, die Lehrer haben mir sogar gesagt, ich soll mich lieber mit den Buben prügeln“, erinnert sich Reiter an die Kindheit.
„Keine Krankheit“: Lenggrieserin kritisiert Transsexuellen-Gesetz
Die Gutachten und das Urteil über eine Zwangsstörung sind laut Reiter demütigend. Die zugesprochene psychische Störung führe zudem bei vielen Transsexuellen zur Arbeitslosigkeit oder dazu, dass Kreditinstitute keine Darlehen mehr erteilen.
„Transsexualität ist keine Krankheit“, sagt Reiter. Dieser Tatsache stimmt seit vergangenem Jahr auch die Weltgesundheitsorganisation zu. Doch trotz aller Widersprüche im aktuellen Transsexuellen-Gesetz findet Reiter den neuen Entwurf des Gesetzes noch schlimmer.
Nach der Reform soll anstelle des Gutachtens durch die Psychologen nur noch ein Beratungsgespräch für die transsexuelle Person stattfinden. „Worauf soll sich denn der Richter dann im Urteil beziehen?“, fragt sich Reiter. Denn ein einfaches Beratungsgespräch sei für den Richter nicht bindend. Für die Lenggrieserin ist die Vorstellung der willkürlichen Entscheidung eines Richters ausgeliefert zu sein eine schlimme Vorstellung. Dann zählt nur noch: Ist die Kleidung fraulich genug, sind die Haare lang genug, um vor dem Richter als Frau durchzugehen? Ist der Richter aufgeschlossen oder konservativ? Viele andere Transsexuelle seien gegen die Reform, weil sie die Sorge haben, dass ohne die psychologischen Gutachten und ohne die Diagnose der Zwangsstörung die geschlechtsangleichenden Operationen von den Krankenkassen nicht mehr übernommen würden. Reiter hat aber ganz andere Ideen.
Denn eigentlich fordert die Lenggrieserin etwas ganz einfaches: „Dass transsexuelle Menschen – meinetwegen mit einem ärztlichen Attest – einfach zum Standesamt gehen können, um ihren Namen- und ihr Geschlecht zu ändern“, so Reiter. Genau so werde aktuell auch mit intersexuellen Menschen verfahren, die sich keinem Geschlecht zuordnen und statt männlich oder weiblich „divers“ in Dokumenten eintragen lassen können.
nl
Lesen Sie auch:
Amanda Reiter ist auch politisch aktiv. Sie wirkt beim neuen Ortsverband der Grünen in der Gemeinde Lenggries mit. Lesen Sie: Grüne heben Ortsverband in Lenggries aus der Taufe - und haben schon viele Ideen
Auch spannend: Das Thema „Ehe für alle“ stand im Mittelpunkt einer Debatte, zu der der Verein Schwule und Lesben in Bad Tölz und dem Oberland eingeladen hatte.
