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Mit Punktesystem für mehr Familiengerechtigkeit? Der Familienstützpunkt in Taufkirchen berät Frauen und Paare „meistens, wenn es kriselt“. Die Rahmenbedingungen müssen sich ändern.
Taufkirchen - Von wegen Feierabend. Nach der Arbeit das Kind von der Krippe abholen, noch schnell das Geburtstagsgeschenk für Oma besorgen und den Nudelauflauf kochen. Ach ja, und die 30-Grad-Wäsche einschalten. Es sind all die kleinen Aufgaben, die in der Summe dazu führen, dass Frauen pro Woche neun Stunden mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer. Das Ergebnis geht aus einer Studie des Statistischen Bundesamts hervor.
Der Familienstützpunkt Taufkirchen kennt dieses Ungleichgewicht in der Sorgearbeit. Seit einigen Jahren kommen immer öfter Paare mit Kleinkindern in die Elternsprechstunde. „Meistens, wenn es kriselt“, sagt Familientherapeutin Lydia-Maria Schulz. Mit einem Baby wechsle die Partnerschaft in die Elternschaft. „Das ist eine hochbelastete Situation.“
Kindheitspädagogin Sarah Otto leitet das „Café Kunterbunt“, einen offenen Treff für Eltern und Kinder. Sie berät Frauen beim Berufseinstieg. „Die Corona-Pandamie hat das Familiensystem zurückgeworfen“, sagt sie. Frauen kümmerten sich wieder mehr um Haushalt und Kinder. Für viele ist die Elternschaft ein Karrierekiller. „Frauen wissen oft nicht, wann sie sich aus der Mutterrolle wieder ein bisschen herausnehmen dürfen“, sagt Otto. „Wie kann ich eine gute Mutter sein und gleichzeitig Karriere machen?“
Im Alltag fällt der Überblick nicht leicht
Schwierig werde es dann, wenn die Frau unzufrieden mit der Situation ist. Weil sie den Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest, während der Mann einen Tag nach der Feuerwehrübung in der Gemeinderatssitzung ist. Im Alltag erkennen Frauen oft nicht, was schiefläuft. Sie werfen ihrem Partner vor, nicht genug für die Familie da zu sein. Referentin Anne Gutt ist sich aber sicher: Die Ursache ist das System: Noch immer verdienen Männer oft mehr. „Deswegen arbeiten Frauen oft in Teilzeit und deswegen ist der Mann auf einem Business-Trip“, sagt sie.
Die Lösung: Die Rahmenbedingungen müssen sich ändern. „Wir brauchen neue Arbeitszeitmodelle“, sagt Schulz. Firmen müssen Führung in Teilzeit anbieten und ihren Mitarbeitern flexiblere Arbeitszeiten ermöglichen. Vater und Mutter sollen abwechselnd ein Jahr in Teilzeit- und Vollzeit arbeiten können. Die Bezahlung muss gleich bleiben.
Mehr Verantwortung im Familienalltag
Diesen Wunsch haben zunehmend Männer. Sie wollen mehr Verantwortung im Familienalltag übernehmen. „Männer sind nicht nur der Versorger, der das Geld nach Hause bringt, sondern auch Partner und Vater“, sagt Schulz. Aber es ist nicht einfach. „Die Männer erobern sich wenig Stimmen in der Öffentlichkeit“, sagt Gutt. Mit Geburtskursen für Männer lockt der Familienstützpunkt die jungen Väter hervor. Samstag tauschen sich junge Väter auf dem Papa-Kind-Treff aus. Der zweite Vorteil: In dieser Stunde können die Mütter eine Stunde durch den Herbstwald spazieren. „Selbstfürsorge heißt, sich Zeit für sich herauszunehmen“, sagt Otto. „Eine gute Mama schafft sich kleine Inseln im Alltag.“ Selbst im Chaos – wenn der Wäschehaufen immer größer wird.
Ein zweites strukturelles Problem ist die Betreuungssituation. In Taufkirchen im vergangenen Jahr 75 Kinder keinen Kindergartenplatz bekommen. „Wie sollen sich Familien das teure Leben in München leisten?“, fragt Schulz. Beide Eltern müssen arbeiten gehen. „Nur eine gute Betreuung kann Familien entlasten.“
Verankerte Rollenbilder aufbrechen
Neben den externen Bedingungen müssen sich fest verankerte Rollenbilder ändern. Meist wird die Arbeit des Mannes höher bewertet, weil er das Geld nach Hause bringt. „Dabei sind Kinderbetreuung und Hausarbeit genauso viel wert“, sagt Otto. Frauen trauen sich oft nicht, diese Wertschätzung einzufordern. Ein Punktesystem könnte helfen. Auf einem Bogen schreiben Paare, wer welche Arbeit erledigt. Jede Tätigkeit hat unterschiedliche Faktoren. Das Kind jeden Tag Kind ins Bett zu bringen, gibt einen Punkt. Alle zwei Wochen Auto zu waschen, bekommt einen Viertelpunkt. „Der Erfassungsbogen gibt ein relativ gutes Bild, wer macht eigentlich wie viel“, sagt Gutt. „ Paare erkennen, auch wenn man sich selbst belastet und fleißig fühlt, ist es der andere auch.“
Nachdem der Vater das Ungleichgewicht erkannt hat, ist der zweite Schritt, herauszufinden, wie Paare sich besser strukturieren können. Manchmal sind es die kleinen Dinge: Während die Nachbarin auf das Kind aufpasst, kann Mama im Supermarkt einkauft. Diesen Sonntag geht Papa mit den Kindern im Wald Pilze sammeln, während Mama zum Yoga geht.
Frauen leisten mehr Carearbeit
Frauen in Deutschland haben im Jahr 2022 pro Woche rund neun Stunden mehr unbezahlte Arbeit geleistet als Männer. Der Gender Care Gap lag laut Statistischem Bundesamt bei 44,3 Prozent. 2013 hatte er noch bei 52,4 Prozent gelegen. Dabei hat sich die Zeit, die Frauen wöchentlich mit unbezahlter Arbeit verbringen, im Zehnjahresvergleich um gut 20 Minuten erhöht. Allerdings stieg der Zeitaufwand bei den Männern noch stärker, um gut eine Stunde und 20 Minuten. Insgesamt verbringen Frauen durchschnittlich knapp 30 Stunden und Männer knapp 21 Stunden pro Woche mit unbezahlter Arbeit.
Fast die Hälfte der unbezahlten Arbeit setzt sich bei Frauen aus klassischer Hausarbeit wie Kochen, Putzen und Wäschewaschen zusammen. Fast zwei Stunden pro Tag wenden Frauen für diese Tätigkeiten auf. Auch mit der Betreuung und Pflege verbringen Frauen fast doppelt so viel Zeit. Pro Woche wenden sie hierfür mehr als dreieinhalb Stunden auf, Männer nur knapp zwei Stunden. Mit Einkaufen und Haushaltsorganisation verbringen Frauen fast fünf Stunden pro Woche. Für Handwerk und Ehrenamt wenden Frauen gut fünf Stunden und Männer knapp sechs Stunden wöchentlich auf. (mm)