Internationaler Frauentag

„Es ist eine Mütterkrankheit zu meinen, es müsste alles perfekt sein“: Drei Frauen berichten vom Spagat zwischen Familie und Arbeit

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Frauengespräch zum Frauentag: (v.l.) Die Redakteurinnen Stephanie Uehlein und Kathrin Hauser mit Heike Grosser, Veronika Mahnkopf und Beate Hollaus.
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Vor 20 Jahren gab es in Weilheim kaum Krippen- und Hortplätze. Heute sieht das anders aus. Doch ist es deshalb leichter? Ein Interview mit drei Müttern.

Landkreis - Als Heike Grosser und Beate Hollaus kleine Kinder hatten, gab es in Weilheim noch keine oder sehr wenige Krippen - und Hortplätze. Rund 20 Jahre später schaut das anders aus. Ist es deswegen für Frauen einfacher, Mutter und trotzdem berufstätig zu sein? Was hat sich getan? Was muss sich noch ändern?

Die Redakteurinnen Stephanie Uehlein und Kathrin Hauser sprachen mit drei Müttern darüber:
Heike Grosser hat drei Kinder, die 31, 23 und 20 Jahre alt sind. Sie lebt in Weilheim und ist seit 26 Jahren Kreisfachberaterin für Gartenkultur und Landespflege. 
Veronika Mahnkopf hat drei Kinder im Alter von 6 und 3 Jahren und 3 Monaten. Sie lebt mit ihrer Familie in Marnbach, ist Redakteurin und derzeit in Elternzeit.
Beate Hollaus hat zwei Kinder, einen Sohn, der 20 Jahre alt ist, und eine Tochter mit 24 Jahren. Sie lebt in Weilheim, ist promovierte Chemikerin und arbeitet als Lehrerin.

Wie geht es Ihnen heute in Sachen „Kinderbetreuung“, Frau Mahnkopf?
Veronika Mahnkopf: Ich bin ja derzeit in Elternzeit, deswegen ist es diesbezüglich derzeit noch relativ entspannt. Unser älterer Sohn hat für zwei Nachmittage einen Platz im „Offenen Ganztag“ an der Hardtschule und unsere Tochter geht in den Waldkindergarten. Der Kleine ist mit seinen drei Monaten zu Hause. Wir haben unsere Wunsch-Betreuungsplätze bekommen, aber man muss sich als Familie schon dafür einsetzen, dass das dann auch klappt. Es war teilweise wie eine Bewerbung.
Wie stand es um die Kinderbetreuung zu Ihrer Zeit als junge Mütter, Frau Hollaus und Frau Grosser?
Beate Hollaus: Ich kann mich erinnern, dass es damals auch eine Bewerbungsphase gab, bis wir die Plätze im Kindergarten hatten. Die, die sich besonders interessiert und engagiert gezeigt haben, sind eher zum Zuge gekommen. Und die Anzahl der Plätze war sehr begrenzt. Für ganz kleine Kinder und Schulkinder gab es so gut wie gar nichts.
Heike Grosser: Es herrschte ein großer Mangel an Krippen- und Hortplätzen. Im Jahr 2001 haben wir vom Mütterzentrum damals in Weilheim die erste Kinderkrippe eröffnet. Es war die erste im gesamten Landkreis. Meine Tochter war damals von Anfang dabei. Sie war das erste Kind, das die Krippe bis 15 Uhr besucht hat.
Hatten die Anfänge des Müze etwas mit fehlender Kinderbetreuung zu tun? Wenn ja, wie war das damals?
Grosser: Ich bin 1991 nach Weilheim gezogen, zwei Jahre zuvor war das Mütterzentrum (Müze) gegründet worden. Ich bin dann dort mit Spielgruppen eingestiegen und im Jahr 1994 habe ich meinen Sohn ins Kindernest gegeben. Das war eine der ersten Kindernest-Gruppen in Bayern. Das Kindernest haben später auch meine beiden jüngeren Kinder besucht. Ich war ein paar Jahre im Vorstand des Müze und habe auch etliches mitbegründet damals. Wir haben uns gefragt, was wir als Mütter, als Familien brauchen und dann versucht, die entsprechenden Angebote zu schaffen. Es gab zum Beispiel eine „Tea-Time“, um unser Englisch aufzubessern, den Kinderwarenbasar und einen Not-Mütter-Dienst.
Hollaus: Ich muss da ein großes Loblied auf das Müze singen. Die waren sehr flexibel damals, was die Betreuungszeiten angeht. Ich wusste oft erst kurzfristig, an welchen Tagen die Kinder betreut werden müssen und das war nie ein Problem. Die haben damals ein sehr hohes Maß an Flexibilität gezeigt. Und wenn es um Kinder und Berufstätigkeit geht, braucht es viel Flexibilität. 
Ist Flexibilität eine wichtige Eigenschaft für berufstätige Mütter? Immer wieder müssen doch Pläne geändert werden, weil zum Beispiel jemand in der Familie krank wird.
Grosser: Ich war die meiste Zeit alleinerziehend und ich musste immer einen oder zwei Notfallpläne haben. Überhaupt musste der ganze Alltag gut organisiert sein, sonst hätte es nicht geklappt. Als berufstätige Mutter brauchst du top gesunde Kinder.
Mahnkopf: Das hat sich mit Corona noch verschärft. Vor der Pandemie sind die Kinder eben den ganzen Winter über mit einer Rotznase in die Schule oder in den Kindergarten gegangen, plötzlich konntest du sie nur noch völlig gesund bringen. Zeitweise durften sie nicht einmal niesen, sonst mussten sie abgeholt werden. Ich habe mir auch angewöhnt, immer einen Notfallplan zu haben, aber auch damit klappt es nicht immer. Ich kann mich an einen Tag erinnern, an dem ich eigentlich arbeiten sollte. Der alte Kindergarten hatte wegen Personalmangels geschlossen, Oma und Opa waren krank und meine Schwägerin, die Notplan Nummer drei war, konnte nicht, weil ihre Kinder auch krank wurden. Schließlich habe ich eben nicht gearbeitet.
Wie sieht die Unterstützung durch die Väter aus beziehungsweise wie sah sie damals aus?
Mahnkopf: Mein Mann übernimmt Aufgaben, wo er kann und die Zeit dazu hat. Trotzdem bleibt eigentlich alles, was die Organisation und Planung des Alltags betrifft, an mir hängen. Ich möchte meinem Mann gar keinen Vorwurf machen. Er ist Handwerker und kann nicht immer im Homeoffice arbeiten. Zudem ist es in seiner Branche nicht üblich, dass Männer länger Elternzeit nehmen. Wenn wir uns dafür entschieden hätten, dass er mehrere Monate in Elternzeit geht, dann wäre seine Position als Bauleiter für ihn vermutlich weg gewesen. Ich sehe eher die Arbeitgeber in der Pflicht, etwas zu ändern, dass es auch für Männer mehr Teilzeitstellen gibt. Ich finde die Männer haben es genauso schwer mit dem, was von ihnen erwartet wird, wie wir Frauen. Sie müssen verschiedene Rollen spielen – und die meisten wollen das ja auch. Aber die Rahmenbedingungen dazu müssten verbessert werden.
Hollaus: Zu der Zeit, in der unsere Kinder klein waren, haben sich die Männer in den Familien schon sehr eingebracht. Das war so eine Umbruchphase, in der die Männer als Väter anders präsent sein wollten als ihre Väter, aber darin nicht unterstützt wurden. Wenn mein Mann damals gesagt hätte, er reduziert Arbeitszeit oder nimmt sich eine berufliche Auszeit, um sich um die Kinder kümmern zu können, dann wäre er zum Außenseiter in seiner Firma geworden.
Wie haben Sie die Situation dann gelöst?
Hollaus: Ich bin Diplom-Chemikerin, habe promoviert und habe, bevor die Kinder kamen, auch als Chemikerin gearbeitet. Ich hatte eine Vollzeitstelle und habe eine Abteilung geleitet. Meine Firma war in Ottobrunn und wir haben in Weilheim gewohnt. Diese Position musste ich aufgeben, weil ich mit den beiden Kindern und der Pendelei nicht Vollzeit hätte arbeiten können. Ich wollte die Kinder auch nicht nur am Wochenende sehen. Ich habe dann eine Teilzeitstelle übernommen und bin später Lehrerin geworden. Das ließ sich besser vereinbaren.
Mahnkopf: Das ist ein sehr interessanter Aspekt. Ich habe den Eindruck, dass man als Mutter in die Teilzeit-Arbeit gedrängt wird, was gleichzeitig den Verlust von beruflichen Perspektiven bedeutet. Ich möchte meine Kinder auch nicht jeden Tag bis 17 Uhr abgeben. Ich möchte gleichzeitig Kinder haben und in verantwortungsvoller Position tätig sein und nicht nur jemandem zuarbeiten. Und ich kenne inzwischen auch Firmen, in denen das möglich ist, dass sich zwei Arbeitnehmer eine leitende Position teilen.
Grosser: Ich bin Diplom-Agraringenieurin und habe nach dem Studium eine Staudengärtnerei geleitet. Damals habe ich 50 bis 60 Stunden pro Woche gearbeitet. In dieser Position war Jobsharing damals nicht möglich. Deswegen ging das als Mutter nicht. Ich habe dann eben sehr viel im Müze gemacht und damals auch ein bissl Geld dafür bekommen. Als mein großer Sohn fünf Jahre alt war, ist die Stelle der Fachberaterin für Gartenkultur und Landschaftspflege am Landratsamt frei geworden. Und die habe ich seit 26 Jahren inne. Das war für mich als Alleinerziehende natürlich ideal. Ich musste selten am Abend und am Wochenende arbeiten, war meist erreichbar und konnte meine Arbeit weitgehend selber organisieren. Als die Kinder klein waren, habe ich meine Arbeitszeit reduziert und dann wieder ausgeweitet, als die Kinder größer waren. 
Mahnkopf: Es wäre einfach der Schlüssel, wenn es möglich wäre, flexibler zu arbeiten. Für mich war diesbezüglich die Coronazeit ein Segen: Meine Tochter war damals sechs Monate alt, als es losging mit der Pandemie und ich habe wieder angefangen zu arbeiten. Dank Corona war ich im Homeoffice und konnte problemlos weiter stillen. Das wäre zuvor so nicht möglich gewesen, weil ich in die Redaktion nach München hätte fahren müssen.
Dann hat sich diesbezüglich in den vergangenen 20 Jahren nicht viel geändert für die Mütter?
Hollaus: Ich könnte mir vorstellen, dass sich jetzt durch den Personalmangel etwas tut. In diesen Zeiten, in denen in vielen Bereichen nach Arbeitskräften gesucht wird, fragen die Arbeitnehmer auch nach den Arbeitszeiten und nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Solange sich die Firmen die Leute aussuchen konnten, die allzeit bereit waren zu arbeiten, haben sie sich natürlich für diejenigen entschieden, die fraglos alles übernommen haben. Wenn sie diese Auswahl nicht mehr haben, dann müssen sie sich bewegen.
Ist es für eine berufstätige Frau schwieriger zuzugeben, dass sie wegen der Kinder zum Beispiel rechtzeitig Feierabend machen muss, als für einen Mann?
Mahnkopf: Ich glaube nicht. Ich frage mich immer wieder, ob der Stress, nicht zugeben zu wollen, dass man als berufstätige Mutter weniger einsatzbereit ist, von außen kommt oder ob man selber diesen Anspruch an sich hat. Mir hat einmal eine Hebamme gesagt: „Sobald du geboren hast, steht auf deiner Stirn ,schlechtes Gewissen’ geschrieben.“
Hollaus: Es ist eine Mütterkrankheit zu meinen, es müsste alles perfekt sein. 
Während Mütter, die nach einiger Zeit wieder arbeiten wollten, früher vielleicht als Rabenmütter angesehen wurden, gibt es heute einen gesellschaftlichen Druck, möglichst schnell wieder berufstätig zu sein?
Hollaus: Vor unserer Zeit war es völlig klar, dass die Frau zu Hause bleibt, sobald sie Mutter geworden ist. Es wäre ein absolutes No-Go für eine Frau gewesen, zu arbeiten, obwohl sie Kinder hat. Heutzutage habe ich manchmal das Gefühl, dass die jungen Mütter blöd angeschaut werden, wenn sie „nur“ zu Hause sind und nicht gleich wieder arbeiten gehen.
Mahnkopf: Ich finde, dass es einen Unterschied zwischen Dorf und Stadt gibt. Während es in Weilheim doch inzwischen selbstverständlich ist, dass die Kinder über Mittag in der Kita bleiben und dort auch zu Mittag essen, ist das auf dem Dorf noch eher verpönt. In Marnbach werden die meisten Kinder um 12.15 Uhr abgeholt, weil die meisten Familien gemeinsam zu Mittag essen möchten. Deswegen ließ es sich dort auch nicht einführen, dass ein Mittagessen angeboten wird. Dafür gebe es keinen Bedarf, hieß es. In Weilheim ist das anders. Da ist es in vielen Einrichtungen sogar erwünscht, dass die Kinder dort gemeinsam zu Mittag essen. Wenn ich um 12 Uhr mein Kind wieder abholen muss und dann auch gekocht haben sollte, da brauche ich nicht einmal eine Teilzeit-Stelle anzunehmen. Dass ich trotz der Kinder bald wieder arbeiten möchte, ist nicht nur, aber auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Meine Mutter konnte es sich noch leisten, mit jedem Kind drei Jahre ohne eigenes Einkommen zu Hause zu sein. Das geht bei uns nicht.
Grosser: Dabei bekommen Eltern in der Elternzeit heutzutage deutlich mehr Geld. Elterngeld gibt es ja erst seit dem Jahr 2007. Erziehungsgeld war damals nicht so viel. Für mich war es einfach notwendig, berufstätig zu sein. Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, nochmal zwei Kinder zu bekommen, dennoch hätte ich diese ganze Familienarbeit nicht geschafft, wenn ich nicht selber arbeiten gegangen wäre. 
Sind Sie rückblickend zufrieden mit Ihren Entscheidungen und Ihrem Weg?
Grosser: Ich bin zufrieden. Es hat mich aber auch viel Kraft gekostet. Vor eineinhalb Jahren ist mein jüngster Sohn ausgezogen. Und ich habe erst, als keines der Kinder mehr da war, gemerkt, wie viel Energie ich gelassen habe. Zuerst habe ich immer wieder gedacht: „Ich hab’s geschafft!“ Ich habe immer noch das Gefühl, dass ich dabei bin, Energie zu tanken. Ich habe aber nichts in Frage gestellt.
Hollaus: Für die damaligen Umstände, bin ich zufrieden, weil ich es geschafft habe, Beruf und Kinder unter einen Hut zu bringen. Ich hätte mir gewünscht, eine Führungsposition in Teilzeit haben zu können, aber das gab es damals nicht.
Wie stellen Sie sich diesbezüglich die kommenden Jahre vor, Frau Mahnkopf?
Mahnkopf: Ich denke, es kostet sehr viel Energie, wenn ich das so realisieren möchte, wie ich es mir vorstelle. Ich kann mir nicht vorstellen, ausschließlich die Care-Arbeit zu machen, aber das kostet Kraft. Ich muss mein Berufsleben so schaffen, dass es mich nicht aufarbeitet, dass es mich nicht zerreißt. Die Frage ist, bin ich da selber gefordert, das hinzukriegen, die Gesellschaft, die Männer oder das Umfeld der Männer?
Grosser: Ich denke, wenn wir Frauen offener kommunizieren, dass es gerade zum Beispiel nicht möglich ist, zu telefonieren, weil das Kind, das zu betreuen ist, quengelt oder weint, dann werden wir selber wieder freier. Frauen können offen zugeben, dass sie gerade zwei Berufe machen und dass der eine im Moment die gesamte Aufmerksamkeit erfordert. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, das dann auch zu äußern. Da dürfen wir ruhig selbstbewusster sein.

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