Noch bis Jahresende gilt die ermäßigte Umsatzsteuer für Gastronomiebetriebe, bevor diese 2024 wieder auf 19 Prozent angehoben werden soll. Das Gros der Wirte im Landkreis ist in großer Sorge.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Noch gut drei Monate gilt die ermäßigte Umsatzsteuer für Gastronomiebetriebe, bevor diese 2024 wieder auf die ursprünglichen 19 Prozent angehoben werden soll. Das bereitet vielen Wirten im Landkreis Kopfzerbrechen. Dominik Tabak (Wirtshaus Flößerei in Wolfratshausen) ist einer von ihnen. Er hofft, „dass es noch länger bei den sieben Prozent bleibt, um gerade jetzt nicht die Bevölkerung und die mittelständischen Unternehmen noch stärker zu belasten“. Sollte die Umsatzsteuer wieder auf 19 Prozent steigen, müsse er dies „hinnehmen“. Allerdings seien dann Preissteigerungen für seine Gäste nicht vermeidbar, eventuell müsse er auch über „optimierte Öffnungszeiten“ nachdenken.
Stimmung unter den Gastronomen im Landkreis derzeit „sehr angespannt und aufgeregt“
Monika Poschenrieder, Eigentümerin des Restaurants Forellenhof Walgerfranz in Bad Tölz und Kreisvorsitzende des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, bezeichnet die Stimmung unter den Gastronomen im Landkreis als „sehr angespannt und aufgeregt“. Zahlreiche Wirte stelle die Anhebung der Umsatzsteuer vor ein existenzielles Problem. Es sei schwierig, die Betriebe zu erhalten, da auch in anderen Bereichen die Kosten enorm gestiegen seien: Lieferanten erhöhen laut Poschenrieder die Preise für Lebensmittel, zusätzlich klettern Energie- und Personalkosten, die Gasthäuser müssen auf erneuerbare Energien umgestellt werden. In dieser für die Gastronomen ohnehin schwierigen Phase müssen viele zudem die gewährten Corona-Soforthilfen zurückzahlen.
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Mit der Anhebung der Umsatzsteuer bliebe den Betrieben fast nichts anderes übrig, als die Preise für Speisen und Getränke zu erhöhen, so Poschenrieder. Außerdem vergrößere sich durch die Anhebung wieder der Abstand zur Besteuerung von Speisen in Imbissbuden und Drive-Ins, für die weiterhin der ermäßigte Steuersatz von sieben Prozent gilt. Es sei zu befürchten, dass sich viele Menschen im Landkreis einen Besuch im Gasthaus nicht mehr leisten könnten. Auch auf den Tourismus im Landkreis könnte könnte die Umstellung negative Auswirkungen haben, wenn durch das Schließen von Cafés und Biergärten das gastronomische Angebot unattraktiver werde.
Sieben statt 19 Prozent Umsatzsteuer
Zu Beginn der Corona-Pandemie hat die Bundesregierung die Umsatzsteuer in der Gastronomie gesenkt. Seit 1. Juli 2020 beträgt diese für Restaurant- und Verpflegungsdienstleistungen sieben statt 19 Prozent, ausgenommen sind Getränke. Zurzeit ist die Umsatzsteuersenkung befristet bis Ende 2023. Sie war ursprünglich dazu gedacht, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Gastronomiebranche abzumildern. Ab 2024 plant die Bundesregierung, die Steuer wieder auf die ursprünglichen 19 Prozent anzuheben. Bei einer erneuten Verlängerung würden dem Staat jährliche Einnahmen von rund 3,4 Milliarden Euro fehlen. sww
Touristen könnten wegbleiben
Ursula Werner, Inhaberin des Wirtshauses Der Altwirt in Lenggries, befürchtet, dass Touristen in der Region auch deshalb wegbleiben könnten, weil in den grenznahen Ländern ein reduzierter Mehrwertsteuersatz auf Speisen in Restaurants gilt – und diese somit preiswerter angeboten werden können. „So beträgt beispielsweise die Mehrwertsteuer in Österreich nur zehn Prozent auf Speisen in Restaurants.“ Momentan litten die Gasthäuser noch immer unter den Folgen der Corona-Pandemie, dazu kommen gestiegene Energie- und Personalkosten, so Werner. Wenn jetzt die Preise für Speisen angehoben würden, stelle sich die Frage, „inwieweit der Restaurantbesuch für den Gast und speziell für Familien noch leistbar ist?“ Die bayerische Kultur sei „auf Wirtshausbesuche ausgelegt“. Besonders im ländlichen Raum seien Wirtshäuser ein beliebter Treffpunkt, sowohl für Einheimische als auch für Touristen.
Staat müsse auch von etwas leben
Für Giuseppe Tedesco vom Ristorante Pinocchio in Münsing stellt die Anhebung der Umsatzsteuer im kommenden Jahr kein Problem dar. Natürlich sei es besser, wenn der Steuersatz noch länger nur sieben Prozent betrage – Tedesco hat allerdings Verständnis dafür, dass „der Staat auch von etwas leben muss“, so Tedesco im Gespräch mit unserer Zeitung . So funktioniere in Deutschland vieles besser als in Italien, weil der Staat mehr Steuergeld zur Verfügung habe. Als Kompromiss schlägt der Gastronom vor, die Steuer ab 2024 auf 15 Prozent anzuheben.
Hans Hofherr hält Kanzler Scholz Wortbruch vor
Hans Hofherr vom Posthotel Hofherr in Königsdorf dagegen empfindet es als „Frechheit“, dass die Steuer wieder angehoben werden soll: „Olaf Scholz hat vor einem halben Jahr gesagt, dass es dazu nicht kommen werde.“ Im Falle eines Wortbruchs müssten im Posthotel die Speisen teurer werden und das Personal mutmaßlich Abstriche beim Trinkgeld hinnehmen. Schon jetzt merkt Hofherr, dass – im Gegensatz zu Touristen – weniger Einheimische zum Essen kommen. Insgesamt bezeichnet er die Situation für seinen Betrieb als entspannt. Er ist überzeugt: „Wir haben die Coronakrise überstanden, ich bin zuversichtlich, dass wir auch die neue Herausforderung meistern werden.“
Die endgültige Entscheidung, ob es bei den sieben Prozent bleibt oder ob die Umsatzsteuer wieder auf die ursprünglichen 19 Prozent angehoben wird, trifft der Deutsche Bundestag voraussichtlich Ende des Jahres. Von Simone Wittig
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