VonMagdalena Höcherlschließen
Gegen den Wegwerf-Wahn: Nadine Keßler forscht in Freising zur richtigen Lagerung von Lebensmittel. Obst und Gemüse werden besonders häufig weggeworfen - was leicht vermieden werden kann.
Freising – Der Salat ist welk, die Karotten schrumpeln vor sich hin, und um die Pfirsiche in der Schale kreisen die Fruchtfliegen: Obst oder Gemüse in solchen Stadien wird oft mit spitzen Fingern in den Müll befördert. Um dem entgegenzuwirken, hat sich Nadine Keßler in ihrer Bachelorarbeit mit dem Thema befasst. Die 29-Jährige, die an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf Gartenbau studiert hat, ist dafür nun mit dem Nachhaltigkeitspreis der Selbach-Umwelt-Stiftung ausgezeichnet worden. Im FT-Gesprä
ch erklärt sie ihre Motivation und gibt Tipps, die jeder zu Hause umsetzen kann.
Frau Keßler, leidet unsere Gesellschaft unter einem Wegwerf-Wahn?
Ja. Es ist wirklich enorm. Während meines Studiums habe ich mich auf Obst und Gemüse spezialisiert, genauer gesagt: auf Lagerung und Qualitätsmanagement in der Nachernte. Dafür habe ich viel zum Thema Lebensmittelverschwendung recherchiert und festgestellt, dass in Deutschland extrem viel weggeworfen wird. Eine Studie von 2012 spricht von elf Millionen Tonnen im Jahr. Laut einer WWF-Studie von 2015 ist diese Zahl schon auf 18 Millionen gestiegen.
Zwei Drittel wirft der Verbraucher weg
Wie viel davon machen Obst und Gemüse aus?
Ausgehend von der Studie von 2012 sind es 50 Prozent. Zwei Drittel wirft der Verbraucher weg. Ein Grund ist die falsche Lagerung.
Welche Gründe gibt es noch?
Vielleicht ist der Einkauf falsch geplant oder man hat hungrig eingekauft. Dann hat man zu viel gekocht und keine Lust mehr, noch einmal das Gleiche zu essen, oder es schmeckt nicht. Oder man hat schlicht vergessen, welche Lebensmittel noch zu Hause sind. Vielen ist gar nicht bewusst, wie viel Arbeit und Ressourcen in einem Apfel oder einem Blumenkohl stecken. Nicht zu vergessen: Die Lebensdauer dieser Produkte ist halt auch endlich.
Gleich beim Einkaufen sagen, wie man richtig lagert
Wie haben Sie gemerkt, dass Handlungsbedarf besteht?
Ich arbeite nebenbei auf einem Münchner Wochenmarkt. Dort habe ich gemerkt, wie sinnvoll es ist, den Leuten gleich beim Einkaufen zu sagen, wie die Sachen gelagert werden sollten. Es macht einen großen Unterschied, ob sich die Karotten vier Wochen halten – wofür Lagergemüse eigentlich gemacht ist –, oder ob ich sie nach drei Tagen im Kreis biegen kann. Und weil ich so erstaunt war, dass sich damit noch keiner so richtig auseinandergesetzt hat, habe ich beschlossen, das zu tun.
Was haben Sie herausgefunden?
Ich habe zehn Interviews mit Menschen verschiedenen Alters geführt. Herausgestellt hat sich, dass die ältere Generation noch besser über das Thema Bescheid weiß. Es macht auch einen Unterschied, ob man in der Stadt wohnt und wenig Platz hat, oder ob man Kartoffeln etwa im Keller lagern kann. Der Knackpunkt ist aber, dass viele einfach nicht wissen, warum Obst und Gemüse immer wieder schlecht werden – und es dementsprechend auch nicht darauf zurückführen, dass sie diese Dinge falsch lagern.
Obstschale nur für Bananen
Was sind die gängigsten Fehler?
Die Obstschale ist eine der dümmsten Erfindungen aller Zeiten. Dort gehören eigentlich nur Bananen rein. Äpfel, Birnen, Beeren und Pfirsiche sollte man in den Kühlschrank packen – aber daran denken, sie vor dem Verzehr etwas früher wieder herauszulegen. Die einzelnen Arten sollten getrennt voneinander gelagert werden. Äpfel zum Beispiel produzieren sehr viel von dem Reifehormon Etyhlen, das alle anderen Produkte schneller reifen lässt. Außerdem sollte grundsätzlich nichts übereinander liegen, um Druckstellen und somit Pilzbefall und Fruchtfliegen zu vermeiden.
Haben Sie noch weitere Tipps zur richtigen Lagerung?
Tomaten dürfen nicht in den Kühlschrank, sonst bekommen sie Kälteschäden und schmecken nicht mehr. Kartoffeln sollten kühl, trocken und dunkel gelagert werden, am besten in einem Schuhkarton mit Löchern. Karotten mögen es feucht, daher packt man sie in einer Box in den Kühlschrank. Ein Tuch verhindert, dass sie im eigenen Wasser baden und matschig werden. Damit Gurken nicht wässrig werden, wickle ich sie in ein Geschirrhandtuch. Ein gängiger Fehler ist, das Grün am Radieschenbund zu lassen, damit sie frisch bleiben. Dabei ist es genau andersrum: Das Grün entzieht Wasser; die Radieschen werden runzelig. Übrigens muss man das Grün, genauso wie Kohlrabiblätter, nicht wegwerfen: Es passt gut zu Salat oder kann zu Smoothies und Pesto verarbeitet werden.
Info-Schilder für den Supermarkt
Das klingt alles leicht umsetzbar. Man muss es nur wissen. . .
Ja. Viele wissen tatsächlich, dass es zahlreiche Infos im Internet gibt, aber dort schaut niemand nach. Deshalb arbeite ich an einem anderen Ansatz: Mit einer Freundin entwerfe ich Lagerkarten. Wenn nämlich im Supermarkt ein Schildchen mit „Ich mag’s kalt“ oder „Ich mag’s trocken“ neben den betreffenden Obst- und Gemüsesorten steht, würde das schon viel helfen.
Welche Folgen hat der Nachhaltigkeitspreis für Ihre Arbeit?
Das Thema wird präsenter. Je mehr Aufmerksamkeit das Ganze erhält, desto mehr wird es auch in den Köpfen verankert. Meine Masterarbeit an der TU in Gartenbaumanagement will ich auch darüber schreiben. Klimaschutz und Nachhaltigkeit werden einfach immer wichtiger. Wenn ich mir vorstelle, dass in Zukunft alle Haushalte in Deutschland nichts mehr wegen falscher Lagerung wegwerfen müssen – das wäre genial.
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