„Es hört nicht auf“: Rettungskräfte in Freising werden immer öfter Zielscheibe von verbaler und körperlicher Gewalt. Doch das ist nicht die einzige Sorge der ehrenamtlichen Kräfte.
Freising – Gewalt gegen Hilfskräfte und Probleme, Nachwuchs zu finden – auch heuer waren das die prägenden Themen beim sogenannten „Blaulichtgespräch“, zu dem Staatsminister Florian Herrmann Vertreter der Freisinger Rettungsorganisationen ins Bräustüberl geladen hatte. Immerhin bei einem Thema tut sich was, so die übereinstimmende Aussage am Mittwoch: Die Sache mit der Rettungsgasse haben die Autofahrer inzwischen gut verinnerlicht.
„Es hört nicht auf“, sagte BRK-Kreisgeschäftsführer Albert Söhl und meinte damit verbale und körperliche Gewalt gegen Hilfskräfte. Teilweise würden Leute, deren Auto für einige Minuten eingeparkt werde, um Patienten einzuladen, die Rettungswagen selbstständig umparken und die Rettungskräfte wüst beschimpfen.
THW-Chef spricht von „Egoisierung der Gesellschaft“
Für Michael Wüst, den Ortsbeauftragten des Freisinger THW, sei das ein Zeichen des gesellschaftlichen Wandels hin zu immer mehr Egoismus. Man müsse, da war man sich einig, dieses Thema weiterhin „publik machen“ und solche Menschen auch belangen können, um eine Verbesserung zu erreichen – ähnlich wie das beim Thema Rettungsgasse gelungen sei. Freilich: Fälle, in denen Autofahrer die Rettungsgasse dann sogar gegen die Fahrtrichtung nutzten, um dem Stau zu entkommen, gebe es nach wie vor.
Egoismus – das kam auch zur Sprache, als es um die Probleme ging, ehrenamtlichen Nachwuchs für die Rettungsorganisationen zu generieren. Die Schule fordere die jungen Menschen immer mehr, man konkurriere gegen Sportvereine und Computerspiele. Die „Egoisierung“ der Gesellschaft, wie es Wüst nannte, greife immer mehr um sich.
Staatsminister gegen verpflichtendes Sozialjahr
Die Aussetzung der Wehrpflicht und damit verbunden der Wegfall des Zivildienstes sei ein wesentlicher Grund für die Situation, bestätigte auch Andreas Dörner von der Wasserwacht Freising. Zwar helfe der Schulsanitätsdienst, schilderten Vertreter der Malteser, aber noch besser wäre es, dass an Schulen ein einwöchiges Praktikum bei Rettungsdiensten und im Katastrophenschutz vorgeschrieben sei.
Das von Wüst favorisierte verpflichtende soziale Jahr sah Herrmann indes skeptisch. „Freiwilligkeit sollte im Vordergrund stehen“, meinte er. Man müsse den jungen Menschen zeigen, dass einen ehrenamtliche Arbeit „weiterbringt“. So oder so: Der Jugend müsse der Gedanke, „etwas für die Gesellschaft zu tun, eingepflanzt werden“, forderte Wüst.
„Tele-Notarzt“ erfolgreich getestet
Im Bereich der Notarztversorgung könnte da das Projekt „Tele-Notarzt“ eine Erleichterung bringen, wie es gerade mit Erfolg getestet wird. Dabei sitzt ein Notarzt in der Leitstelle, der – sollte ein Kollege gerade nicht vor Ort sein können – per Video und Datenübertragung die Notfallsanitäter anleitet, welche Maßnahmen einzuleiten sind, und welche Medikamente verabreicht werden müssen.
Und dann war da noch das Thema „Bereichsausnahme“: Dabei geht es um die Ausschreibung von Rettungswachen, bei der private Anbieter – teilweise mit Dumpingpreisen – auf den Markt drängen. Ein jüngst ergangenes Urteil des Europäischen Gerichtshofs schützt nun die bewährten Anbieter wie BRK, Malteser und Johanniter. Söhl & Co. forderten jetzt, dass die bayerische Staatsregierung dieses Urteil auch möglichst schnell umsetze. Herrmann sagte das zu, denn sowohl die Staatsregierung als auch die Landtagsmehrheit seien sich einig, dass man das System der Rettungsdienste in Deutschland und Bayern „schützen“ müsse. Denn: „Unser System ist gut.“