VonManuel Eserschließen
Corona hat 2020 die Pläne vieler Abiturienten auf den Kopf gestellt. Vier Betroffene aus dem Kreis Freising berichten, wie es für sie nach der Schule weiterging.
Landkreis – Nach der Schule geht der Ernst des Lebens los. So sagt man. Für die Abiturienten des Jahrgangs 2020 ging er aber schon vorher los. Kurz vor den großen Prüfungen brach Corona über sie herein und stellte auch viele Zukunftspläne auf den Kopf. Das FT hat bei vier Betroffenen nachgefragt, wie es ihnen nach dem Abschied von der Schule ergangen ist – und ist auf Studierende getroffen, die noch nie eine Uni von innen gesehen haben, aber trotzdem oder gerade deshalb ihren eigenen Weg gehen.
Die Doppelabiturientin
„Das Studium habe ich mir natürlich ganz anders vorgestellt.“ Aylin Yilmaz, 22, ist seit November 2020 an der LMU in München immatrikuliert, bis heute hat sie die Uni noch nicht einmal von innen gesehen. „Mein ganzes Studium läuft von zu Hause aus ab“, berichtet die FOS/BOS-Absolventin, die Mittelschullehrerin werden möchte. „Auch meine Kommilitoninnen und Kommilitonen kann ich gar nicht kennenlernen.“
Und so hat ihre neue Ära als Studentin in etwa so angefangen, wir ihr vorheriger Lebensabschnitt an der Schule aufgehört hat: mit erheblichen Corona-Einschränkungen. Klagen möchte Aylin dennoch nicht. Denn das Online-Studium bietet ihr auch Vorteile. „Ich kann mir selbst einteilen, wann ich meine Vorlesung anhöre, da die meisten aufgezeichnet werden. So lässt sich der Alltag natürlich leichter gestalten. Trotz Corona musste ich Gott sei Dank keinen meiner Zukunftspläne sausen lassen.“
Wehmut kommt bei ihr nicht auf, wenn sie an ihren Abschied aus der Schule denkt – obwohl Corona eine gebührende Feier für den Abschluss eines gewaltigen Lebensabschnitts nicht möglich gemacht hatte. „Rückblickend gesehen hatte ich das Glück, dass ich zwei Abiturprüfungen geschrieben habe“, berichtet die Freisingerin. Vor der Allgemeinen Hochschulreife hatte sie bereits das Fach-Abi gemeistert – noch vor Corona, zu Zeiten also, als noch „normal“ gefeiert werden konnten.
Die Maskenpflicht an der Schule hat Aylin nicht sonderlich gestört. „Nur während der Abiturprüfungen war das mit der Maske ein bisschen kompliziert“, berichtet sie und lacht. „Man ist mit seinen Gedanken voll bei der Prüfung. Wenn man bei der ganzen Hektik dann noch aufs Klo musste, hat man die Maske natürlich schnell auf seinem Platz vergessen, bis man dann von der Lehrkraft darauf aufmerksam gemacht wurde.“
Vor dem aktuellen Abiturjahrgang hat die 22-Jährige großen Respekt. „Bei der ganzen Aufregung und dem Stress zusätzlich immer wieder neue Beschlüsse hinnehmen zu müssen wie die ständige Schließung und Öffnung der Schulen, muss die Nerven strapaziert haben. Der Jahrgang musste sich wahrscheinlich vieles selbst erarbeiten.“
Die Auslandsstudentin
Klara Wrusch lebt inzwischen etwa 800 Kilometer von Freising entfernt. Doch auch am Campus im niederländischen Zwolle denkt die ehemalige Dom-Gymnasiastin oft an ihren Nachfolge-Jahrgang. „Die müssen noch mal viel mehr leiden als wir“, sagt sie. „Wir haben wenigstens die elfte Klasse noch normal verbracht, konnten auf Studienfahrt gehen und feiern.“ Die jetzigen Abiturienten hingegen hätten nahezu ihre gesamte Kollegstufenzeit in der Pandemie verbracht.
Sie selbst musste allerdings auch einige Träume über Bord werfen. Nach dem Abi wollte sie eigentlich mit einem Containerschiff in die USA reisen. „Eine andere Überlegung war dann, ein soziales Jahr in Frankreich zu absolvieren“, sagt sie. Corona hat nichts davon zugelassen.
Jetzt ist Klara in Zwolle gelandet. Wie bitte schön hat sie es denn ausgerechnet in die niederländische Provinz Overijssel verschlagen? Einfache Antwort: ein Studium, das der ehemaligen Freisinger Fridays-for-Future-Sprecherin auf den Leib geschnitten ist: Global Project and Change Management. „Hier werden Theorie, Praxis, Projektmanagement, Business und Forschung mit globalen Herausforderungen kombiniert“, erklärt Klara. Es gefällt ihr, sich mit dem Thema der Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen und dabei viel Eigeninitiative zeigen zu können. Und so fremd ist ihr auch die Gegend nicht. „Meine Großeltern haben ein Segelboot in Friesland“, berichtet sie. „Das ist nicht weit weg, und daher ist mir das Land auch vertraut.“
Obwohl viele Seminare nur über den Laptop laufen, kann die 19-Jährige doch so etwas wie ein Studentenleben genießen. Sie wohnt auf dem Campus in einer WG.
Wenn sie über ihre Schulzeit berichtet, wird sie dennoch nostalgisch. „Ich trauere dem schon hinterher. Das war eine Zeit großer Unbeschwertheit und Freiheit, die nicht mehr wiederkommt. Und die wir auch nicht so abschließen konnten, wie wir uns das vorgestellt haben.“ Kein Abi-Streich, keine Abi-Fahrt, keine Abi-Feier. „Wir haben versucht, aus der Verabschiedung von der Schule das Beste zu machen“, erinnert sie sich. „Aber es war schon eine große Enttäuschung spürbar.“
Der Homestudent
„Ich habe echtes Glück gehabt.“ Der Grund, warum sich Michael Tristl, ehemaliger Schüler des Karl-Ritter-von-Frisch-Gymnasiums Moosburg, so freut, ist ein Geistesblitz, den er schon vor Corona hatte, und der ihm jetzt in der Pandemie Vorteile bietet, die er damals gar nicht erahnen konnte.
„Ich habe mich in der elften Klasse dazu entschieden, ein Fernstudium zu machen, weil ich mich gut motivieren kann und gern allein lerne“, berichtet Michael Tristl. Und so hat er sich an der IU-Internationale-Hochschule für Wirtschaftspsychologie eingeschrieben. „Das war die beste Entscheidung“, betont der 19-Jährige. „Man hört oft davon, dass an vielen anderen Unis der Unterricht wegen Corona nur stockend vorangeht, weil sie darauf ausgelegt sind, mit Präsenzveranstaltungen zu arbeiten. An der IU hingegen muss ich mein Haus fürs Studium schlichtweg nicht verlassen.“
Sogar die Klausuren können in den eigenen vier Wänden online absolviert werden – bequem, aber ohne Chance zur Schummelei. „Neben der Webcam muss ich bei der Klausur eine zweite Kamera installieren“, erklärt Michael. „Damit scanne ich vor der Prüfung den Raum einmal ringsum und richte sie dann auf meinen Schreibtisch.“ Zudem wird die komplette Prüfungsarbeit aufgezeichnet.
Was die aktuellen Abiturienten angeht, sieht er eine herausfordernde Situation. „Uns hat es mit Corona zum Glück erst am Schluss erwischt, als wir den Großteil des Unterrichtsstoffs schon intus hatten. Die jetzige Zwölfte allerdings musste sich bereits als sie noch in der elften Klasse war Stoff unter Corona-Bedingungen aneignen. Und sie muss auch noch im aktuellen Jahr mit Corona in die Schule gehen. Ich weiß, dass das nicht einfach werden wird. Darum wünsche ich ihnen viel Glück und gute Gesundheit.“
Der Arbeiter
Dass ihm Corona anfangs ganz gelegen kam, würde Finn Siemetzki nicht unterschreiben. „Schließlich sind von einem Tag auf den anderen viele soziale Kontakte mit Freunden und Lehrern weggebrochen“, betont der Absolvent des Moosburger Gymnasiums. „Aber durch den ersten Lockdown sind auch ein paar Klausuren weggefallen. Dadurch hatte ich weniger Stress und konnte mich besser auf das Abi konzentrieren.“ Gern erinnert er sich daran, wie er bei sonnigem Wetter zum Lernen auf der Terrasse saß.
Die jetzigen Abiturienten haben es da nicht so schön – nicht nur weil der April 2021 viel durchwachsener ausfiel als der im Vorjahr. „Sie tun mir leid, weil sie eineinhalb Jahre Pandemie abbekommen haben, und weil sie einiges, was die Oberstufe schöner macht, missen mussten“, sagt der 20-Jährige und findet dafür neben der weggefallenen Abi-Fahrt ein für Außenstehende verblüffendes Beispiel: den mit Sofas und Stereoanlage bestückten Aufenthaltsraum der Schule. Der nämlich ist den ältesten Schülern vorbehalten. „Da freut man sich das halbe Schulleben drauf – und dann ist er wegen Corona komplett geschlossen.“
Das Virus hat auch seine Pläne durchkreuzt. Die erhofften Reisen nach Island und Japan musste er „nach hinten verschieben“. Auch das Studieren hat er erst mal vertagt. Stattdessen arbeitet er nun pandemiebedingt seit einigen Monaten für Amazon – schon länger als gedacht. Eine gute Entscheidung für ihn, wie sich herausstellte. „Dort habe ich nicht nur gute Leute und neue Freunde kennengelernt, sondern bin auch befördert worden.“ Und so blickt Finn der Zukunft optimistisch entgegen: „Ich habe jetzt einiges an Geld angespart als Startkapital für ein kleines Unternehmen und zum Reisen. Bald steht mir die ganze Welt offen.“
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